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    Hoffenheim - Das Leben ist kein Heimspiel
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Hoffenheim - Das Leben ist kein Heimspiel
    Von Daniel Jacobs
    Die TSG 1899 Hoffenheim hat es vollbracht: vom unbeachteten Dorfverein zum Tabellenführer der Bundesliga. In nur wenigen Jahren von einem einzigen Fanclub zu mehr als 100. Der Fernsehsender DSF leitet den Spieltag mit einem Teaser zur Top-Begegnung ein: „Erster gegen Zweiter. Hoffenheim gegen Bayern." Geschäftsführer Rotthaus kann es kaum fassen. Nochmal abspielen. Und nochmal. Unglaublich, aber wahr: Mit den Kraichgauern hat der deutsche Fußball einen neuen Top-Club gewonnen. Die beiden Dokumentarfilmer Frank Marten Pfeiffer und Rouven Rech hatten die einmalige Möglichkeit, diesen Aufstieg mit der Kamera zu begleiten. Ihnen sind intime, stimmungsvolle Blicke hinter die Kulissen und in die Reihen der kleinen, aber feinen Fankurve gelungen. „Das Leben ist kein Heimspiel" ist eine wundervoll unterhaltsame Dokumentation und ein Pflichttermin für jeden Fußballverrückten.

    In der Saison 2006/2007 heißt der raue Alltag der TSG noch „Regionalliga Süd". Hier sind die oft sehr wenigen Fans zwar mit vollem Einsatz dabei, die spielerischen Darbietungen der Mannschaft allerdings limitiert. Doch in Hoffenheim will man ganz hoch hinaus: Mit dem SAP-Gründer Dietmar Hopp hat sich ein zahlungswilliger, aus der Region stammender, milliardenschwerer Mäzen gefunden, der den Club finanziell unterstützen will. Der Plan sieht unter anderem den Bau einer neuen Arena mit 30.000 Plätzen (Einwohnerzahl von Hoffenheim: 3.300) und die Errichtung eines hochmodernen Trainingszentrums vor. Oberste Priorität hat dabei der zügige Aufstieg in die 1. Bundesliga.

    Der neue Geschäftsführer Jürgen A. Rotthaus ist vollends vom Model „1899 Hoffenheim" überzeugt. Mit dem findigen Business-Menschen haben die Regisseure Pfeffer und Rech genau den richtigen Ansprechpartner und Bezugspunkt für den raschen Wandel im Verein gefunden. Der Mann weiß, wie man sich bei Geschäftspartnern gut stellen kann. Er bringt zwar teilweise Lehrsätze, die ein wenig an Christoph Maria Herbst als „Stromberg" erinnern, schafft es aber trotz allem, immer sympathisch rüberzukommen. Wie kein Zweiter steht er für die Widersprüche, die den „Retortenclub" umgeben. Auch wenn das Geschäft und der Erfolg im Vordergrund stehen, weiß er, dass man ohne Fan-Identifikation und Tradition keinen Fußball-Club im Oberhaus etablieren kann.

    „Torro" ist ein leidenschaftlicher Anhänger der ersten Stunde. Voller Hingabe erlebt der Vorsitzende des ersten Fanclubs die rasende Entwicklung, auch melancholische Gefühle schwingen da immer wieder mit. Während ihn die sportlichen Erfolge seiner geliebten Mannschaft unglaublich freuen, kommt eine Herbstmeisterschafts-Feier mit den neuen „Erfolgsfans" des Clubs für ihn nicht in Frage. Als Fußballfan geht einem das Herz auf, wenn Pfeiffer und Rech einen nachdenklichen, zurückgezogenen „Torro" vor der modernen Sinsheimer-Arena zeigen, während im Hintergrund ein von Feuerwerkslichtern erhelltes Stadion zu sehen ist.

    „Das Leben ist kein Heimspiel" hat einige vorzügliche Diskussionen und Momentaufnahmen zu bieten. So erzeugt die Hektik hinter den Kulissen eine Menge (unfreiwillig) komische Situationen. Während die Truppe mit Millionen ausgestattet wird, kämpft man im Verein noch mit der Umstellung von Amateur- auf Profifußball. Vor dem Spiel gegen Osnabrück wurden gerade einmal 30 Karten verkauft! Marketing-Aktionen sollen helfen, bisher kann man allerdings lediglich „ein großes Plakat am Kaufhof" vorweisen. Rotthaus schüttelt den Kopf. Ein Ticketsystem gibt es nicht, ein Excel-Dokument ist immerhin in Planung. Die gewünschte Identifizierung der Region mit der Mannschaft blieb bisher aus. Wohlgemerkt: Die TSG befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der 2. Bundesliga und gibt kurz darauf unfassbare 20 Millionen auf dem Transfermarkt aus. Es sind diese Aschenputtel-artigen Szenen, die das Hoffenheimer Märchen so unterhaltsam machen. Was folgt, ist jüngere deutsche Fußball-Geschichte. Die Mannschaft spielt sich bis in die Herzen manch eines Hopp-Hassers und fährt als Tabellenführer nach München. Besser hätte es nicht kommen können. Auch nicht für das Dokumentarfilm-Team.

    Fazit: Ja, der Fußball ist ein Geschäft. Geld spielt eine entscheidende Rolle. Doch Hoffenheim ist mehr. Rech und Pfeiffer beziehen keine Stellung. Sie setzen Erfolg und Business ebenso stimmig in Szene wie Fußball-Melancholie und Aufbruchsstimmung. „Das Leben ist kein Heimspiel" pendelt zwischen Dorf-Tristesse und Bundesliga-Glamour und zeigt anhand von Fans und Verantwortlichen einen Wandel im modernen Fußball, mit dem man sich nicht anfreunden muss, aber doch zumindest auseinandersetzen sollte.
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