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    Troll Hunter
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Troll Hunter
    Von Rochus Wolff
    Cloverfield" geriet zum kleinen Donnerschlag für den Monsterfilm: So gekonnt wie in Matt Reeves' Found-Footage-Fiktion waren noch nie verwackelte Kameraaufnahmen und aufwendige Spezialeffekte miteinander verbunden worden. Der Erfolg des Films, der nicht zuletzt auf die besonders klug inszenierte Marketingkampagne zurückging, war allerdings nur ein weiteres Zeichen dafür, dass diese ultrasubjektive Kameraperspektive ein für den Genrefilm fruchtbarer Erzählansatz sein kann. Neben Amateurfilmern wie in „Cloverfield" werden dazu, etwa in „[REC]", auch mal professionelle Kameraleute als Zeitzeugen inszeniert. Der norwegische Film „Troll Hunter" spielt mit genau dieser Behauptung. Angeblich gibt es da 283 Stunden studentisches Filmmaterial, aus denen Regisseur André Øvredal dann einen 90-minütigen Dokumentarfilm montiert hätte. Tatsächlich ist das natürlich Unfug und „Troll Hunter" in Wahrheit eine sogenannte Mockumentary, aber nichtsdestotrotz entpuppt sich die Fake-Dokumentation als einer der komplexesten Fantasyfilme der vergangenen Jahre.

    Das Team besteht aus drei Filmstudenten (Glenn Erland Tosterud, Tomas Alf Larsen und Johanna Mørck), die im Zuge einer Seminaraufgabe einen Dokumentarfilm drehen drehen. Sie sind auf Meldungen von illegal abgeschossenen Bären gestoßen und gehen der Story mit der Kamera nach. Schon bei den Bärenspuren zeigen sich, den lokalen Jägern zufolge, einige Ungereimtheiten; aber als sie dem mysteriösen Hans (Otto Jespersen) folgen, den sie zunächst für den Wilderer halten, erfahren sie bald, dass die toten Bären Teil einer Desinformationskampagne sind. Und zwar auf Geheiß der norwegischen Regierung, die verhehlen will, dass unbewohnte Regionen im Norden des Landes von Trollen bevölkert sind – und Hans als Trolljäger zur Bevölkerungskontrolle abgestellt hat...

    Anders als „Cloverfield" hält „Troll Hunter" mit seiner visuellen Hauptattraktion nicht lange hinterm Berg: Schon bald haben die Studenten, die Hans' Erzählungen zunächst keinen Glauben schenken, ersten Sichtkontakt mit den Trollen, die keineswegs so putzig und klein sind, wie es skandinavische Gutenachtgeschichten oder Astrid-Lindgren-Bücher nahe legen. Im Universum dieses Films sind Trolle kaum besser und sicherlich nicht klüger als Tiere - einen habe Hans gesehen, „der hat versucht, seinen eigenen Schwanz zu fressen!". Allerdings wachsen sie haushoch und erschnuppern Christen, die sie mit Vorliebe auffressen und werden schon mal über eintausend Jahre alt. „Troll Hunter" ist voll mit solchen Informationen, die teils wichtig für die Handlung werden, teils aber auch einfach André Øvredals Spaß an der Dekonstruktion des Dokumentarischen unterstreichen.

    Die große Stärke des Films ist eben diese genüssliche Verschiebung und Ergänzung vermeintlicher Realität. Durch die Perspektive des Norwegers scheint so manch alltägliches Ding, etwa eine Hochspannungsleitung, plötzlich umgeben von einer Aura des Mysteriösen. Øvredal, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, spielt sein Konzept auch dramaturgisch aus. Ohne ein absehbares Finale anzusteuern, hangelt er sich episodisch vorwärts und lässt seine Geschichte versöhnlich, und doch irgendwie beunruhigend enden. Seine Komik gewinnt „Troll Hunter" vor allem aus satirischen Elementen. Dies betrifft zum einen die staatliche Vertuschung via einer Spezialbehörde, wie sie weiter weg von der Coolness der „Men in Black" kaum sein könnte.

    Zum anderen verulkt Øvredal auch den zur Schau getragenen Idealismus dokumentarischer Filmemacher; immerhin begreifen die Studenten ihr Schaffen zunächst als heroischen Akt im Sinne Michael Moores. Je länger die Aufnahmen dauern und je mehr Opfer sie bringen müssen, desto deutlicher wird, dass dieser Pathos wenig mit der Realität ihrer Arbeit zu tun hat. Mit „Troll Hunter" ist André Øvredal ein bemerkenswerter Erstlingsfilm gelungen, der sich still und unauffällig gegen festgefahrene Genre-Konventionen stellt und gerade dadurch den Fantasy- und Monsterfilm für neue Zuschauergruppen öffnen könnte. „Troll Hunter" ist ein bezauberndes Stück nordischer Mythologie in ganz und gar modernem Kleid!
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