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Wanderlust - Der Trip ihres Lebens
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Wanderlust - Der Trip ihres Lebens
Von Robert Cherkowski
Mit seinem in Deutschland kaum beachteten „Vorbilder?!" hat David Wain bewiesen, dass er eines der kommenden Comedy-Masterminds werden und in die Fußstapfen von Erfolgsgarant Judd Apatow („Jungfrau (40), männlich, sucht...") treten könnte. Seine thematischen Vorlieben sind dabei durchaus mit jenen Apatows zu vergleichen. Auch Wain behandelt das Leben, Lieben und Leiden von spätjugendlichen Freaks und Geeks auf dem steinigen Pfad des Erwachsenwerdens. Während sich die meisten Apatow-Helden in Filmen wie „Beim ersten Mal" oder „Wie das Leben so spielt" aber letztendlich in ihre neuen, reiferen Rollen einfügen, gewährt Wain seinen Figuren eine Nische zwischen Anpassung und Weltflucht – zumal er immer wieder echte Verlierertypen zu seinen Protagonisten erwählt und damit denjenigen eine Stimme und eine Bühne gibt, die sonst eher im Schatten einer kalten Leistungsgesellschaft stehen. Und ganz gleich, ob man nun tief gräbt oder an der Oberfläche verharrt – zu lachen gibt es bei David Wain reichlich. Das trifft auch auf seine neue Komödie „Wanderlust" zu.

Endlich New Yorker: George (Paul Rudd) und Linda (Jennifer Aniston) können ihr Glück kaum fassen, in der Stadt der Städte angekommen zu sein. Jetzt kann das Leben richtig losgehen. Während sie als Dokumentarfilmerin groß rauskommen und einen schonungslosen Film über Robbenmord drehen möchte, glaubt er, in seinem Bürojob eine sichere Zukunft zu haben. Schnell jedoch ist der Traum vom schönen Leben in der City ausgeträumt. Lindas Dokumentation wird abgelehnt und George entlassen. Plötzlich mittellos will das frustrierte Paar zuerst bei Georges unerträglichem neureichen Bruder Rick (Ken Marino) einziehen, kommt dann aber aufgrund haarsträubender Verwicklungen bei einer Kommune von Späthippies in einer alten Villa unter. Und wenn zwei neurotische Ex-New-Yorker in der grün-alternativen New-Age-Szene aufschlagen, ist Chaos vorprogrammiert...

Andere Filmemacher hätten dieses Szenario womöglich dazu genutzt, beide Seiten - sowohl den neureichen Bruder Rick, als auch die Hippie-Aussteiger – vorzuführen und den gesellschaftlichen Mittelweg zu predigen. Wain dagegen macht zwar auch böse Witze, aber auf Kosten aller Beteiligten. Und noch wichtiger: Es ist keine Gehässigkeit dabei. Hier sind die Protagonisten auf der Suche nach einem Mittelweg, der ihrer ganz persönlichen Lebenseinstellung entspricht. „Wanderlust" (so lautet auch der aus dem Deutschen entlehnte Originaltitel) ist ein Film des äußeren Suchens und inneren Findens. Am Ende werden George und Linda vor allem wissen, was sie nicht wollen. Und sie werden ihren Horizont erweitert haben. Schließlich ist das Leben nicht immer eine gerade, womöglich auch noch aufsteigende Linie. Manchmal kann es auch ziellos kreuz und quer verlaufen. Das heißt jedoch nicht, dass es weniger erfüllt ist. Diese sympathische Erkenntnis steht hier am Ende einer Suche, die dabei auch noch sehr komisch ausfällt, was neben der entspannten Inszenierung in erster Linie den spielfreudigen Darstellern zu verdanken ist.

Paul Rudd, der sich auf amerikanische Jedermänner spezialisiert zu haben scheint, gibt George eine Aura der Schluffigkeit, die schnell zur Identifikation einlädt – speziell in den Szenen, in denen ihn der umtriebige und multitalentierte Hippie-Häuptling Seth (wunderbar eitel bis zur Grenze der Lächerlichkeit: Justin Theroux) beim Gitarrespielen aussticht. So richtig gut kann dieser George eigentlich nichts, er ist gerade in seiner Mittelmäßigkeit so sympathisch. Jennifer Aniston („Umständlich verliebt"), die längst zum Synonym für seichte Romantik-Komödien-Unterhaltung geworden ist, schlägt sich ebenfalls gut und glänzt mit einem Mut zur Lächerlichkeit, der an gute alte „Friends"-Zeiten erinnert. Die grellsten und besten Lacher haben allerdings die Nebenfiguren auf ihrer Seite. Besonders Ken Marino brilliert als protzig-cholerisches Bruder-Charakterschwein an der Grenze zum Wahnsinn. Auch die Auftritte des Nudisten Wayne (Joe Lo Truglio) und eines von Alan Alda („Aviator", „30 Rock") gespielten, senilen Senioren-Hippies sind ungeheuer spaßig.

Der Humor reicht von fiesen Wortwitzen über Geschlechterkämpfe bis zur ein oder anderen Unflätigkeit, wobei jedoch nie auf verkrampfte Art der dreckige Lacher um jeden Preis gesucht wird, sondern ein wunderbar ungezwungener Ton vorherrscht. Einige echte Brüller sind trotzdem dabei – dafür ist ein Kurzauftritt von Ray Liotta („GoodFellas") immer eine sichere Bank. Wenn nach angenehm schlanken 98 Minuten die Wanderlust ihr Ende nimmt, endet auch eine der sympathischsten Komödien der letzten Zeit, die aller gelegentlichen Bosheit zum Trotz nie unter die Gürtellinie schlägt, sondern stets ins Herz und ins Zentrum der Lachmuskeln trifft. Da verzeiht man gerne, dass sich David Wain schließlich ein wenig in seinen zahlreichen Handlungsfäden verheddert und auf Teufel komm raus versucht, alles zu einem 08/15-Happy-End umzumodeln, was sich vorher noch so angenehm in der Schwebe befand.

Fazit: „Wanderlust" ist eine angenehm abgeklärte komödiantische Suche nach der eigenen Mitte, die nie zynisch oder gehässig, sondern vielmehr wunderbar entspannt und trotzdem oft extrem komisch daherkommt.
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