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Zwei glorreiche Halunken
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Zwei glorreiche Halunken
Von Andreas Herp
Im Moment kann sich der Western nicht gerade großer Popularität erfreuen, Filme wie Open Range von Kevin Costner laufen nur in den USA gut, floppen aber international an der Kinokasse, doch schon in den 60er Jahren ließ die Begeisterung für das Genre nach, bis es ein Mann wiederbelebte: Sergio Leone. Mit dem Italo-Western, abwertend Spaghetti-Western genannt, „Zwei glorreiche Halunken“ beschloss Leone seine Dollar-Trilogie, die mit „Für eine handvoll Dollar“ begann und mit „Für ein paar Dollar mehr“ fortgeführt wurde.

Der blonde Mann ohne Namen (Clint Eastwood) streift durch den Westen und verdient sich seine Brötchen als Kopfgeldjäger. Er fängt den Banditen Tuco (Eli Wallach) ein und liefert ihn bei einem Sheriff ab. Tuco entkommt durch Hilfe des Blonden und dieser kassiert im nächsten Ort noch einmal ab. Nach der erneuten Befreiung Tucos lässt der Blonde ihn in der Wüste zurück ohne Pferd und Verpflegung. Doch Tuco schafft den Weg zurück und rächt sich, indem er ihn auch in die Wüste hetzt. Dort finden sie ein verlassene Postkutsche vor. Ein Überlebender liegt darin und erzählt Tuco von einem großen Geldschatz, der auf einem Friedhof versteckt ist. Tuco erfährt den Namen des Friedhofes und der Blonde den Namen des Grabes. Die beiden raffen sich zusammen und machen sich auf den Weg, um den Schatz zu finden. Doch ein dritter Cowboy (Lee Van Cleef) weiß auch von dem Geld und von nun an versuchen, sich die anderen gegenseitig auszuspielen, um alleine das komplette Geld zu ergattern.

Die ersten beiden Teile von Leones Dollar-Trilogie begründeten den Italo-Western und definierten das Westerngenre neu. Es gab keine strahlenden Helden mehr, wie sie einst von John Wayne, Henry Fonda und Kirk Douglas in den 40er und 50er Jahren verkörpert wurden. Die Hauptfiguren kämpfen in den Italo-Western mit den gleichen Mitteln wie Kopfgeldjäger, Banditen und Gauner. „Zwei glorreiche Halunken“ ist die Krönung der Trilogie und auch der Höhepunkt des Italo-Westerns. Danach entstanden zahlreiche Billigproduktionen, die nur von ihrer übertriebenen Gewaltdarstellung lebten wie z. B. „Black Killer“ mit Klaus Kinski oder „Django, der Bastard“. Nur wenige Filme kamen noch bei Kritik und Publikum an. Dazu zählen u. a. „Django“ von Sergio Corbucci, der zu einem richtigen Kultfilm wurde und „Leichen pflastern seinen Weg“ (auch von Corbucci). In den 60er Jahren galt „Zwei glorreiche Halunken“ als einer der aufwendigsten Western aller Zeiten. Gedreht wurde u.a. in Spanien, wo die meisten Italo-Western zustande kamen. Auch Michael „Bully“ Herbig drehte 2003 dort Szenen für den erfolgreichsten deutschen Nachkriegsfilm, Der Schuh des Manitu.

Die Handlung umfasst sämtliche Themen, welchen den Western prägen: Kopfgeldjäger, einen Banküberfall, rivalisierende Cowboys und sogar der Bürgerkrieg wird noch in die Handlung eingebaut. So kommt auch die enorme Spielzeit von 171 Minuten zustande. Trotz diese Länge bleibt der Film immer unterhaltsam. Denn die beiden Hauptcharaktere nehmen einen mit auf eine Reise quer durch den Westen und dabei werden sämtliche moralische Grundsätze amerikanischer Western über den Haufen geworfen. Der Held ist kein aufrichtiger, gesetzestreuer Sheriff, sondern ein Kopfgeldjäger, der andere Menschen jagt, um sein Geld zu verdienen. Der General einer Garnison im Bürgerkrieg ist kein Patriot, der sich für die Freiheit und Menschenrechte Amerikas einsetzt und sich für seine Ideale aufopfert. Nein, er veranlasst, das zu erobernde Ziel in die Luft zu sprengen. Auch als Tuco und der Blonde in Kriegsgefangenschaft geraten, liegt der für Recht und Ordnung kämpfende General im Sterben und ein Halunke, der den Bürgerkrieg für persönliche Zwecke nutzt, ersetzt ihn. So führt Leone fort, was er in den ersten beiden Dollar-Filmen schon begonnen hat. Die Ideale des amerikanischen Westerns bedeuten nichts mehr, er zeigt einen härteren, raueren Westen, in dem jeder um sein Überleben kämpfen muss und in dem Moral und christliche Werte nicht gelten.


Wie auch in den beiden Vorgängern übernimmt Clint Eastwood als blonder, verruchter Cowboy die Hauptrolle und auch Lee van Cleef spielt einen Charakter wie schon in „Für ein paar Dollar mehr“. Hinzu kommt noch Eli Wallach, der einen raubeinigen, mexikanischen Banditen mimt. Die drei spielen sehr unterschiedliche Charaktere, die aber alle das gleiche Ziel verfolgen. Gerade der Kontrast zwischen Eastwood und Wallach prägt den Film stark. Eastwood gibt sich immer sehr gelassen und sorgt hin und wieder für amüsante Zitate: „Hier nimm ein paar Züge, dann kannst du besser kacken.“ In Wallach dagegen steckt ein temperamentvoller Südländer. So prallen zwei ganz unterschiedliche Typen aufeinander, die dem Film eine gute Portion trockenen, sehr zynischen Humor verpassen.


Nicht nur thematisch setzt der Film Maßstäbe, sondern auch stilistisch. Leone verbindet in diesem Film Musik und Bild perfekt. Dieser Stil prägt alle Filme von Sergio Leone, in Spiel mir das Lied vom Tod ließ er sogar die Musik zuerst schreiben und passte dann die Charaktere den Melodien an. Ennio Morricone schrieb für sämtliche Filme von Sergio Leone, außer für sein Erstlingswerk „Der Koloss von Rhodos“, die Musik. Schon in der Schulzeit lernten sich die beiden kennen.


Besonders eindringlich ist der Showdown am Ende des Films, der an Spannung von keinem Western jemals überboten wurde. Eastwood, Wallach und van Cleef stehen sich im Dreieck gegenüber und duellieren sich. Leone beweist, dass er den Schnitt beherrscht. Die Szene zeigt abwechselnd kreisende Aufnahmen um die drei Duellanten und die angespannten Augen von Wallach, Eastwood und van Cleef. So werden Weitwinkelaufnahmen und Nahaufnahmen spannungserzeugend kombiniert. Dazu ertönt der grandiose Score von Ennio Morricone. Nicht nur dieser Szene verhilft die Musik zu seiner starken Atmosphäre, schon im Intro hallt der Schrei eines Coyoten durch die Boxen. Mit den ruhigen und langsamen Kamerafahrten über die Prärie baut Leone eine epische Stimmung auf. Bild und Musik erzählen auch die Handlung, denn Dialog gibt es nur wenig. An einigen Stellen des Films wird sogar über zehn Minuten lang nicht gesprochen.


Nicht umsonst nennt Regie-Ikone Quentin Tarantino (Pulp Fiction, Jackie Brown, Reservoir Dogs, Kill Bill Vol. 1, Kill Bill Vol. 2) „Zwei glorreiche Halunken“ als seinen Lieblingsfilm. Bild und Ton harmonieren brillant zusammen und die Musik von Ennio Morricone gehört zu den besten Soundtracks aller Zeiten. Clint Eastwood ist an Coolness nicht zu übertreffen und auch Eli Wallach und Lee van Cleef füllen ihre Rollen ganz aus. Mit diesem Film ist Leone ein Meisterwerk gelungen, das die amerikanische Moralvorstellungen außer Acht lässt und eine richtige Flut an Italo-Western einleitet, die allesamt stilistisch von diesem Werk, sowie den anderen beiden Dollar-Teilen, beeinflusst wurden. Ein Italo-Western dieses Ausmaßes ist nur noch einmal gelungen. Aber auch nur vom Begründer des Subgenres, Sergio Leone, selbst und zwar sein nächster Film Spiel mir das Lied vom Tod. Doch dieser Film ist eher als Western-Drama angelegt und somit bleibt „Zwei glorreiche Halunken“ in seiner lockeren Art unerreicht.
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