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    Die schwarzen Brüder
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Die schwarzen Brüder
    Von Lars-Christian Daniels

    Über 70 Jahre ist Lisa Tetzners Jugendbuchklassiker „Die schwarzen Brüder“ alt, doch der 1940/41 in zwei Bänden erschienene Roman hat bis heute nichts von seinem Reiz verloren. Die Schriftstellerin und ihr Mann Kurt Kläber, der das unvollendete Buch seiner verstorbenen Frau zu Ende schrieb und als politischer Flüchtling unter ihrem Namen veröffentlichte, erzählen vom Schicksal mittelloser Kinder aus dem Schweizer Kanton Tessin, die im 19. Jahrhundert von ihren Eltern als Kaminputzer nach Italien verkauft wurden und dort unter lebensgefährlichen Bedingungen Geld für die Familie dazuverdienen mussten. Bereits in den 80er Jahren brachte die ARD „Die schwarzen Brüder“ als sechsteilige Serie ins Fernsehen, und eine Leinwandadaption war angesichts des zeitlosen Stoffes nur eine Frage der Zeit: Der Schweizer Regisseur Xavier Koller, der 1991 für „Reise der Hoffnung“ mit dem Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film ausgezeichnet wurde, kürzt für seine Verfilmung die Romanhandlung auf eine kinokompatible Gesamtlänge von 100 Minuten und jagt die auf Tatsachen beruhende Geschichte durch den familienfreundlichen Weichspülgang. Dank starker Darsteller – allen voran Moritz Bleibtreu und Jungstar Ruby O. Fee – ist „Die schwarzen Brüder“ so zwar nett anzusehen, aber deutlich von der Klasse und vor allem der Intensität des Romans entfernt.

    Tessin, im 19. Jahrhundert: Der kleine Giorgio (Fynn Henkel) muss machtlos mitansehen, wie seine Mutter (Sabine Timoteo) nach dem Angriff eines Adlers einen Bergabhang hinunterstürzt und schwere Verletzungen davonträgt. Weil sein Vater (Leonardo Nigro) sich keinen teuren Arzt leisten kann, entschließt sich der mittellose Bergbauer schweren Herzens dazu, Giorgio an den skrupellosen Kinderhändler Antonio Luini (Moritz Bleibtreu) zu verkaufen, der eine Handvoll Tessiner Kinder per Schiff nach Mailand transferiert und dort als Kaminfegerbuben verkauft. Giorgio landet in der Familie von Meister Battista Rossi (Waldemar Kobus) und dessen aufbrausender Ehefrau (Catrin Striebeck), muss fortan in finstere Kamine klettern und diese mit nackten Händen von Ruß und anderen Verstopfungen befreien. Während Rossis kranke Tochter Angeletta (Ruby O. Fee) den jungen Kaminputzer sofort ins Herz schließt, haben Rossis fieser Sohn Anselmo (Andreas Warmbrunn) und dessen Straßenbande „Die Wölfe“ nur Gemeinheiten für Giorgio übrig. Doch der weiß sich zu wehren: Gemeinsam mit seinem Freund Alfredo (Oliver Ewy), den er auf der Überfahrt nach Mailand kennengelernt hat, gründet er den Kaminfegerbund „Die schwarzen Brüder“...


    Ein fast 500 Seiten umfassendes Buch auf Spielfilmlänge zu kürzen, ist kein leichtes Unterfangen – und die Drehbuchautoren Fritjof Hohagen („Lauf um dein Leben“) und Klaus Richter („Am Hang“) entscheiden sich für einen radikalen Weg. Das erste Buchdrittel, in dem Giorgios Liebe zu Tieren und den Tessiner Bergen sowie die ärmlichen Verhältnisse, in denen der Knabe aufwächst, illustriert werden, fehlt im Film fast komplett: Die Geschichte beginnt direkt mit Giorgios Verkauf nach Mailand, und auch die beschwerliche Reise wird im Schnelldurchlauf abgehandelt. Die ausführlichen Figurenzeichnungen des Romans, in dessen Einleitung auch die ausgeprägte Heimatverbundenheit der Tessiner Knaben und damit die Grundlage für die spätere Gründung der „Schwarze Brüder“-Bande geschildert wird, bleiben angesichts dieses Direkteinstiegs vollkommen auf der Strecke. Auch über viele weitere Figuren erfährt der Zuschauer nur das Allernötigste, so dass zum Beispiel der überraschende frühe Tod eines Jungen als tragisches Element komplett verpufft. Dass Hohagen und Richter auch das letzte Buchdrittel radikal umschreiben und die für diesen Teil wichtige Romanfigur Doktor Casella durch den gutmütigen Pater Roberto (Richy Müller) ersetzen, funktioniert hingegen als sinnvolle Anpassung, weil es der Geschichte dramaturgisch nutzt und zu einer sinnvollen Straffung führt.

    Auch sonst drehen die Filmemacher an zahlreichen Stellschrauben, um den komplexen Roman in ein kindgerechtes Familienabenteuer zu transformieren: Meister Rossi muss als plumpe Witzfigur für Slapstick-Einlagen und launige Sprüche herhalten und bekommt immer wieder die Bratpfanne seiner kratzbürstigen Ehefrau zu spüren – ein müder Running Gag. Am ärgerlichsten ist jedoch – von kitschigen Binsenweisheiten („Eines werd ich nie vergessen: Dass man alles erreichen kann, wenn man Freunde hat!“) einmal abgesehen – die heile Welt, die Regisseur Xavier Koller seinem Publikum präsentiert: Von Giorgios bitterer Armut und seinem kräftezehrendem Überlebenskampf in Mailand ist wenig zu spüren. Nur ein einziges Mal fängt die Kamera ein, wie sich der Junge nach einem harten Arbeitstag mit einer dünnen Suppe zufrieden geben muss, während Familie Rossi Fleisch und Kartoffeln speist – von körperlichem Verschleiß, blauen Flecken oder Mangelerscheinungen keine Spur. Das Schicksal des Jungen wird so auf eine leichter verdauliche Ebene gebracht. Giorgios in der Vorlage ungemein rührende Beziehung zu Angeletta, seiner einzigen Verbündeten im Hause Rossi, bleibt eine eher halbgare Jugendromanze nach Schema F.

    Aus der Besetzung ragt vor allem Moritz Bleibtreu („Nicht mein Tag“, „Das Experiment“) als personifiziertes Böses heraus: Bleibtreu gibt seinen skrupellosen Kinderhändler herrlich fies, überzeichnet die charismatische Figur erst in den Schlussminuten und lehrt das junge Publikum schon allein mit seinem verwahrlosten Äußeren, seinen furchtbar schlechten Zähnen und seiner markanten Gesichtsnarbe das Fürchten. Aus der Schar der Jungschauspieler besticht vor allem Andreas Warmbrunn („Tom Sawyer“) als heimtückisches und verzogenes Muttersöhnchen Anselmo. Hauptdarsteller Fynn Henkel, dessen schauspielerische Erfahrung sich bis dato auf die ARD-Serie „Tiere bis unters Dach“ beschränkt, agiert hingegen bei seinem Kino-Debüt noch nicht auf Augenhöhe mit seinem gleichaltrigen Kollegen und trägt gelegentlich zu dick auf. Ruby O. Fee, die der erwachsenen Besetzung als minderjährige Göre im Stuttgarter „Tatort: Happy Birthday, Sarah“ die Show stahl und „Tatort“-Kommissar Richy Müller hier erneut vor der Kamera begegnet, zeigt dagegen ein weiteres Mal, dass sie zu den aufregenden Jungschauspielerinnen Deutschlands gehört und gibt ihr nächste Bewerbungsschreiben für weitere Kinoprojekte ab.

    Fazit: Heile Welt und Slapstick statt bitterer Überlebenskampf in Mailand – Xavier Koller inszeniert mit dem glattpolierten Familienfilm „Die schwarzen Brüder“ ein familiengerechtes Jugendabenteuer, das zwar ganz kurzweilig ist, aber nicht an die Klasse der Romanvorlage heranreicht.

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