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    The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben
    Von Andreas Staben
    Bei der Interviewtour für das historische Biopic-Drama „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ hat einer der Fragesteller den Filmtitel wörtlich genommen und Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch gebeten, in 60 Sekunden möglichst viele Schauspielkollegen auf Zuruf nachzuahmen. Dabei schlug sich der „Sherlock“-Darsteller hervorragend und lieferte köstliche spontane Imitationen von Sean Connery, Tom Hiddleston, Matthew McConaughey und vielen anderen (wie ihr hier sehen könnt). Neben dem handwerklichen Können des technisch hervorragend geschulten Schauspielers ist hier auch das beeindruckende Charisma eines echten Stars zu ahnen. Beides kommt in dem Film zur Entfaltung, der den Anlass für das kleine Spielchen geliefert hat: Als Mathematik-Genie und Computerpionier Alan Turing liefert uns Cumberbatch in dem englischsprachigen Debüt des norwegischen Regisseurs Morten Tyldum („Headhunters“) das faszinierende Porträt eines innerlich zerrissenen und im Umgang mit anderen irritierend schwierigen Menschen. Seine Darbietung erweist sich als ein Herzstück von „The Imitation Game“, wobei das persönliche Drama des nach dem Krieg wegen seiner Homosexualität zu einer Zwangshormonbehandlung verurteilten Turing trotzdem etwas unterbelichtet bleibt. Der für acht Oscars nominierte Film überzeugt eher als kurzweiliger historischer Code-Knacker-Thriller: Das Geheimnis der Enigma-Maschine wird gelüftet, aber die Persönlichkeit des Mannes, der das geschafft hat, ist weiterhin ein Rätsel.

    1939, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Commander Alastair Denniston (Charles Dance) von der britischen Royal Navy staunt nicht schlecht, als sich der Mathematiker Alan Turing (Benedict Cumberbatch) bei ihm bewirbt, den Code der deutschen Enigma-Maschine zu knacken, was als unmöglich gilt. Der arrogant auftretende Wissenschaftler erhält schließlich die Chance, sich in einem kleinen Team von Spezialisten unter der Führung von Schach-Champion Hugh Alexander (Matthew Goode) an der wichtigen Aufgabe zu versuchen. Doch der introvertierte Turing erweist sich als wenig teamfähig und wendet sich nach einigen Konflikten direkt an Winston Churchill. Der Premierminister überträgt Turing daraufhin zur Überraschung von Denniston und MI:6-Mann Stewart Menzies (Mark Strong) die Leitung des Projekts. Der neue Verantwortliche feuert als erstes zwei Mitarbeiter und führt Bewerbungstests in Form von Kreuzworträtseln durch. Dabei brilliert Joan Clarke (Keira Knightley), die bald zur engsten Vertrauten Turings wird. Die Entschlüsselung des Enigma-Codes macht unterdessen nur wenig Fortschritte und von oben droht man damit, Turings neu erbaute gigantische Rechenmaschine abzuschalten...


    Regisseur Morten Tyldum und Drehbuchautor Graham Moore erzählen auf drei Zeitebenen vom Leben Alan Turings, wobei sie seinen Selbstmord 1954, um den sich einige Verschwörungstheorien ranken, nur im Abspann erwähnen. Während die Rückblenden in die Schulzeit mit seiner tragischen Freundschaft zu einem Kameraden einfühlsam gespielt und inszeniert sind, ist die von einem Polizeiverhör und seinen Folgen gebildete Klammer um den Film ein etwas grober dramaturgischer Kunstgriff. Die in England noch bis 1967 strafbare Homosexualität des Protagonisten behandeln die Filmemacher bei alldem nur zurückhaltend und indirekt, sodass sich in Momenten der unglückliche Eindruck aufdrängt, dass Turings Schwulsein hier als eine seiner zahlreichen sozialen Unzulänglichkeiten betrachtet wird. Wenn es um die Schwierigkeiten des Protagonisten im Umgang mit anderen geht, trifft Tyldum zumindest keinen einheitlichen Ton. Da wird mal die Arroganz des Genies zelebriert, das die Unwissenden mit seinen überragenden Fähigkeiten beschämt und man denkt unwillkürlich an Cumberbatchs berühmte Rolle als Sherlock Holmes; mal wundert sich Turing in bester Sheldon-Cooper-Manier, dass die Leute nie sagen, was sie meinen und scheitert immer wieder an einfachsten Regeln sozialer Interaktion. Was in „The Big Bang Theory“ lustig ist, erscheint in diesem ernsthaften Zusammenhang allerdings zuweilen unpassend und es ist erstaunlich, dass die dramatischeren Kapitel dieser Erzählung davon nicht beeinträchtigt werden.

    Der Krieg ist hier hauptsächlich in wochenschauartigen Montagesequenzen zu sehen und bleibt bis zu einem allzu offensichtlich eingefädelten entscheidenden Moment eine eher abstrakte Bedrohung, dennoch bezieht der hervorragend ausgestattete und fotografierte Film aus dem Wettlauf der Wissenschaftler gegen die Zeit und aus den Querelen im Team eine beträchtliche Spannung. Die historische Dimension des Erreichten (die Entschlüsselung des Codes soll den Krieg um zwei Jahre verkürzt haben) ist spürbar, dazu werden wichtige Fragen nach wissenschaftlicher, politischer und militärischer Verantwortung zumindest angedeutet. Für die Höhepunkte an Intensität sorgen indes Benedict Cumberbatch („Inside WikiLeaks“) und Keira Knightley („Stolz und Vorurteil“) im Zusammenspiel. Vom ersten Auftritt der Mathematikerin beim Eignungstest (sie wird von dem Männer-Club zunächst für eine Sekretärin gehalten und weggeschickt) bis zu den ambivalenten intimen Momenten zwischen Turing und Clarke am Ende des Films werden die Nuancen einer komplexen Beziehung ausgespielt. Bei Joan traut sich das scheue Genie ein wenig aus seinem Schneckenhaus, sie wiederum hat Geduld, Verständnis und vor allem Selbstbewusstsein, um ihm mit offenem Visier entgegenzutreten. Die beiden mit verdienten Oscar-Nominierungen geehrten Schauspieler verleihen der mit großer Geste daherkommenden Geschichte aus dem dicken Buch der weltbewegenden Ereignisse die zeitlose Wahrhaftigkeit menschlicher Gefühle.

    Fazit: „The Imitation Game“ ist ein Oscar-Film wie er im Buche steht: groß angelegtes Schauspieler- und Heldenkino nach einer wahren Geschichte, perfekt produziert und klassisch in Szene gesetzt, aber ohne allzu provokante Ecken und Kanten.
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