Heiter bis wolkig
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Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion Heiter bis wolkig

4,5


Von Björn Becher

Mit seinem Kinodebüt „Schule" sorgte Regisseur Marco Petry im Jahr 2000 sofort für Aufsehen. Kaum einem deutschen Filmemacher gelang es vor oder nach ihm, die Gefühlswelt junger Menschen, die nach dem Abitur einer neuen, meist sehr ungewissen Zukunft entgegensehen, feinfühliger und treffender einzufangen. Unterstützt von einer beeindruckenden Darstellerriege um den damaligen Jungstar Daniel Brühl („Good Bye, Lenin!") fand Petry dabei eine geradezu ideale Mischung aus heiteren und dramatischen Elemente. Mit der deutlich schwächeren verkappten Fortsetzung „Die Klasse von '99 - Schule war gestern, Leben ist jetzt" konnte er dann nicht an seinen großen Erstlingswurf anknüpfen und verschwand im Anschluss mit Arbeiten für den TV-Sender ProSieben aus dem Blickfeld der Kinogänger. Mit „Eine wie keiner" dreht er dort den immerhin noch besten Beitrag der unsäglichen Parodie-Reihe „Funny Movie" und mit der schrägen Rock-Komödie „Machen wir's auf Finnisch" bewies er auch im TV noch einmal sein Können. Nun kehrt Petry nach neun Jahren in die Kinos zurück und in seinem neuesten Film „Heiter bis wolkig" spielt er seine Stärken voll aus. Der genaue Blick für das Innenleben seiner Figuren, der wunderbare Humor, der mal albern ist, oft aber auch beißend und böse, und vor allem die Fähigkeit, unverfälschte große Gefühle auf die Leinwand zu bringen machen diese wunderbare Mischung aus Komödie und Drama zu einem der besten Filme des Kinojahres.

Hallodri Can (Elyas M‘Barek) und sein etwas nachdenklicherer Freund Tim (Max Riemelt) genießen das Leben. Tagsüber stehen die gelernten Köche in der Großküche einer Kantine – ein passabler Job, auch wenn vor allem das Talent von Tim hier völlig verschwendet wird. Abends geht es dann auf die Piste. In Kneipen und Clubs werden schöne Frauen angemacht und dass sie dabei so erfolgreich sind, verdanken sie einer Masche. Sie geben sich gegenseitig als todkrank aus, eine Nacht mit einer schönen Frau sei der Abschiedswunsch. Doch als Tim auf diese Weise die schöne Marie (Anna Fischer) kennenlernt, verändert sich alles. Denn er verliebt sich nicht nur, sondern Maries ältere Schwester Edda (Jessica Schwarz) ist wirklich sterbenskrank und hat nur noch wenige Monate zu leben. Und natürlich durchschaut sie auch Tims Lüge sofort. Doch da ihre Schwester so glücklich wie noch nie ist, schweigt Edda und nutzt die Situation für sich aus. Denn sie möchte noch einiges erleben, bevor sie stirbt – da kommt ihr ein „Helfer" gerade recht. Also muss Tim ihr nun bei allerhand absurden Abenteuern zur Seite stehen.

Eine Komödie, in der ein so ernstes Thema wie eine tödliche Krankheit behandelt wird, ist immer ein heikles Unterfangen. Die Klippen, die es zu umschiffen gilt, sind zahlreich – von zu viel Rührseligkeit bis hin zu mangelnder Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung. Nur selten gelingt wie zuletzt bei der US-Indie-Produktion „50/50 - Freunde fürs (Über)leben" mit Seth Rogen und Joseph Gordon-Levitt oder wie bei dem deutschen Beitrag „Eierdiebe" von Robert Schwentke der Spagat zwischen dem Drama „Tod" und dem Lachen über den Weg dahin. Marco Petry präsentiert uns die schwierige Kombination dagegen mit größter Selbstverständlichkeit. Sie wirkt bei ihm absolut natürlich, traumwandlerisch sicher hält er die scheinbar so widerstrebenden Elemente seines Films in der Balance.

Dabei ist es ausgerechnet Jessica Schwarz‘ Figur der todkranken Edda, die lange Zeit für das Gagfeuerwerk verantwortlich ist. Sie manövriert den fast schon bemitleidenswerten Tim in immer absurdere Situationen. Und dem bleibt nichts anderes übrig als sich zu fügen, sonst riskiert er, dass seine Lüge auffliegt. Da hilft er ihr nicht nur Ziegen im Blumenladen der verhassten Ex-Chefin zu platzieren und bekommt die schmerzhaften Folgen einer von Edda angezettelten Schlägerei am Straßenstrich zu spüren, sondern steht plötzlich auch mit ihr in der Bank ihres Ex-Verlobten, wobei sie eine Sprengstoffweste trägt und mit der Zündung droht: Als todkranke Leidensgenossen hätten sie schließlich nichts zu verlieren.

Jessica Schwarz‘ („Die Buddenbrooks") Verkörperung der vorlauten, biestigen aber deutlich von ihrer Krankheit gezeichneten Edda geht unter die Haut. Nur selten lässt sie uns hinter den Schutzpanzer blicken, den sie sich zugelegt hat, diese Momente sind dafür umso wirkungsvoller – wie etwa ihr Wutausbruch beim Arzt, als die neuen Testergebnisse keine Besserung zeigen, obwohl es ihr doch dank der Abenteuer mit Tim und dessen Kochkünsten so gut wie lange nicht geht. Viele Szene mit ihr sind dabei besondere Meisterstück: Oftmals sind Momente zugleich schreiend komisch und tieftraurig, wenn dem Betrachter hier die Tränen in die Augen schießen, geschieht dies vor Lachen und vor emotionaler Ergriffenheit in einem.

Die Szenen um und mit Edda sorgen letztlich auch mit dafür, dass der eigentliche Haupterzählstrang, die auf einer schamlosen Lüge basierende Liebe zwischen Tim und Marie, so gut funktioniert - und das trotz einer gewissen, für romantische Komödien allerdings durchaus typischen Vorhersehbarkeit. Dass Marie irgendwann hinter den Schwindel kommen wird, es so zum Bruch und dann zu späteren Versöhnung kommen wird, ist schnell genauso sonnenklar wie der Umstand, dass die Verwirklichung von Tims Traum vom eigenen Restaurant dabei eine Rolle spielt – zumal er gleich zu Beginn zufällig in einem schnuckeligen kleinen Lokal landet, das gerade schließen muss. Marco Petry hat es gar nicht nötig, die Sache unnötig zu verkomplizieren, denn die Romanze wird einfach charmant und mitreißend dargeboten. Zumal die beiden Berliner Schnauzen (die sich aber zurückhalten – der Film spielt in Köln) Max Riemelt („Im Angesicht des Verbrechens") und Anna Fischer („KDD – Kriminaldauerdienst") so prächtig miteinander harmonieren, dass man sich fragt, warum vorher noch niemand auf die Idee kam, die beiden als Paar zu besetzen.

Fazit: Mit „Heiter bis wolkig" gelingt Marco Petry der ganz große Wurf. Ein wundervoller Film: urkomisch, richtig böse, rührend, dramatisch, zum Lachen und zum Weinen!

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Kommentare

  • Curschti

    Herr Becher! Bei allem Respekt! Aber wenn man den Film mit nötiger Professionalität als Filmkritiker begutachtet und in einen Vergleich stellt, dann kann man diesem Film in keinster Weise 9 von 10 Sternen geben. Mit Sicherheit kann man den Film mögen und ich fand viele Teile (Jessica Schwarz z.B.) sehr unterhaltsam - aber diesem Film geht in Sachen Dramaturgiebogen, Dialogwitz, Handlungsverlauf und Charakteristik alles ab, was einen Film diesen konventionellen Formates 9 von 10 Sternen verdienen ließe. Die ausgelutschte Vorhersehbarkeit zu nennen, aber nicht einzugliedern, macht mich wirklich sprachlos. So steht der Film im Vergleich plötzlich auf einer Bewertungsebene mit "Hot Fuzz", "Casino Royale" oder "The Untouchables" (willkürliche Beispiele meinerseits). Das hat zwar wenig mit dem Film an sich zu tun, sollte doch aber zeigen, dass man im Vergleich zu anderen Filmen und auch unter der Prämisse, dass einem der Film gefallen hat, wenn überhaupt 7 von 10 Sternen geben kann. Alles andere disqualifiziert.

    Bei sonst so guten Kritiken Ihrerseits (The Dark Knight Rises) blieb mir hierbei echt der Popcorn im Halse stecken.

    Ich habe dem Film in meiner Kritik 5 von 10 gegeben. Darüber lässt sich auch streiten. Aber 9 von 10 Sternen ist die maßloseste Übertreibung, die ich auf Filmstarts dieses Jahr gelesen habe. (Seit "Jack und Jill")

  • mrbuggy

    Muss ich Curschti mit 100% zustimmen!!

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