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    Finsterworld
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Finsterworld
    Von Ulf Lepelmeier

    Im hellen Sonnenlicht entsteht in Frauke Finsterwalders Spielfilmdebüt „Finsterworld“ eine perfide Welt, ein Zerrbild unserer Gesellschaft, das ebenso fasziniert, wie abstößt. Der an den Namen der Regisseurin angelehnte Titel und die an ein Kinderbilderspiel erinnernde Plakatgestaltung lassen die Freude an Verwirrung und Interpretationsspielräumen erahnen. Und so zieht sich der Sinn für einen spielerischen Umgang mit doppelbödigen Dialogen und absonderlichen Situationen als roter Faden durch die satirische, episodenhaft angelegte Tragikomödie, bei der die Regisseurin mit Hilfe ihres Ehemanns und Co-Autors Christian Kracht sowie eines hervorragenden Ensembles die tiefschwarzen Abgründe hinter den sonnendurchfluteten Heimatbildern aufbrechen lässt.

    Ein neuer Tag bricht an und Podologe Claude Petersdorf (Michael Maertens) ist auf dem Weg, um seine Lieblingskundin im Seniorenheim zu besuchen. Als er bei der Autofahrt ohne Freisprechanlage telefoniert, wird er von Polizist Tom (Ronald Zehrfeld) angehalten, der eigentlich auf dem Weg zu einem sogenannten Furry-Event ist. Währenddessen versucht seine hysterische Freundin Franziska (Sandra Hüller) eine Dokumentation über soziale Brennpunkte zu drehen und die gelangweilten Schüler eines Eliteinternats sind auf dem Weg zu einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau. Inga und Georg Sandberg (Corinna Harfouch und Bernhard Schütz), die Eltern des hinterhältigen Schülers Maximilian (Jakub Gierszal), der zu gern das Außenseiterpärchen des Geschichtsleistungskurses aufs Korn nimmt, wachen unterdessen in einem luxuriösen Hotel auf und haben sofort wieder an allem herumzunörgeln. Zur selben Zeit nimmt sich ein im Wald lebender Einsiedler (Johannes Krisch) einer Krähe an. Wege werden sich sporadisch kreuzen, Entscheidungen werden gefällt und Offenbarungen gemacht – dieser schöne Sommertag wird das Leben aller verändern...

    „Finsterworld“ ist nicht nur das spannende Spielfilmdebüt von Frauke Finsterwalder („Die große Pyramide“), sondern zugleich auch der erste filmische Ausflug von Romancier Christian Kracht. Zusammen mit seiner regieführenden Ehefrau schrieb der streitbare Literat („1979“, „Imperium“) das Drehbuch der bissigen Gesellschaftssatire, die mit spitzen Dialogen in die deutschen Identitätswunden sticht. Genüsslich werden in den scharfen, oftmals doppelbödigen Wortwechseln die Verlogenheit und Engstirnigkeit einer in Dekadenz untergehenden Gesellschaft aufs Korn genommen. In dieser ironisch überspitzten Welt, die von Menschen mit sonderbaren Neigungen, ewig nörgelnden Zeitgenossen und einem stummen Einsiedler bevölkert ist, öffnet sich weitläufiger Raum für Interpretationen und Deutungsmöglichkeiten.

    Während sich die Regisseurin selbst in der Figur der selbstbezogenen Dokumentarfilmerin Franziska Feldenhoven persifliert, scheint Kracht seine Entsprechung in dem durchtriebenen Internatsschnösel Maximilian zu finden. Dessen Eltern mit ihrer extremen Deutschlandverachtung könnten wiederum direkt Krachts Debütroman „Faserland“ entsprungen sein. In Finsterwalders nur vordergründig beschaulicher Sommerwelt lauern hinter allen Ecken Abgründe, Ungerechtigkeiten und absonderliche Sehnsüchte. So ist es auch nur konsequent, dass in der bitterbösen „Finsterworld“ die Hinterlistigsten und Absonderlichsten letztlich triumphieren.

    Franziska Feldenhoven etwa nutzt ihre Dokumentation über soziales Elend zur persönlichen Profilierung. Ihrem Protagonisten begegnet sie dagegen mit Arroganz und eilt einem kleinen Mädchen in einer Notsituation nur zur Hilfe, da sie sich eine ausschlachtungswürdige, tränenreiche Horrorgeschichte über Armut und Gewalt erhofft. Auch ihren Freund kommandiert sie nur herum und hält ihn als Polizisten ohnehin nicht für würdig, ihr irgendwelche Vorschläge zu unterbreiten oder ihr hochtrabendes künstlerisches Schaffen zu begreifen. Als desillusionierte Dokumentarfilmerin stellt Sandra Hüller („Requiem“, „Über uns das All“) diesmal ihr komödiantisches Talent unter Beweiß und begeistert in der Rolle der sich beständig selbst belügenden Egozentrikerin.

    Corinna Harfouch („Was bleibt“, „Der Untergang“) und Bernhard Schütz („Halt auf freier Strecke“) werfen sich unterdessen als herrlich dekadentes Ehepaar mit Genuss verächtliche Verbalattacken an den Kopf. Ronald Zehrfeld („Barbara“) weiß als treuherziger Polizist mit besonderer Neigung zu anthropomorphen Tierkostümen genauso zu gefallen wie die Jungschauspieler Carla Juri („Feuchtgebiete“) und Leonard Scheicher („Quellen des Lebens“), die sich als eingeschworenes Alternativgespann von ihren eitlen Internatskollegen absetzen. Im perfekt getimten Zusammenspiel mit Ronald Zehrfeld sorgt Michael Maertens („Die Vermessung der Welt“) in der Rolle des schrulligen Fußpflegers bei der Polizeikontrolle gleich zu Beginn des Films für einen ersten absurd-witzigen Höhepunkt. Mit immenser Spielfreude haucht das beeindruckende Schauspielensemble den überhöhten Figuren Leben ein und lässt den dialogreichen Episodenfilm zu einem schwarzhumorigen Glanzstück werden.

    Fazit: Frauke Finsterwalders Spielfilmdebüt ist eine ebenso irritierende wie faszinierende Satire über deutsche Identitätssuche, gesellschaftliche Zwänge und persönliche Sehnsüchte, die mit ihren provokant-zynischen Dialogen sowohl amüsiert als auch schockiert.

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