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Touch Me Not
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Touch Me Not
Von
In „Touch Me Not“, der auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären für den besten Film des Wettbewerbs ausgezeichnet wurde, werden die Grenzen von Fiktion und Realität konsequent eingerissen. Es gibt Schauspieler, die sich vielleicht selber spielen, es gibt Laien, die sich wahrscheinlich selber spielen, und es gibt die rumänische Regisseurin Adina Pintilie, die immer wieder über ein Kameradisplay mit ihren Protagonisten spricht, stellenweise sogar mit ihnen die Plätze tauscht. Im Zentrum des überwiegend in laborartig-sterilen Settings angesiedelten Leinwandexperiments stehen Körper, manche unversehrt, andere missgebildet, einige wollen berührt werden, wieder andere sträuben sich dagegen.

Vor allem die stark dokumentarisch geprägten Szenen erreichen dabei eine selten zu sehende Offenheit, etwa wenn der isländische Schauspieler Tómas Lemarquis bei einer Paartherapieübung das Gesicht des an spinaler Muskelatrophie erkrankten Christian Bayerlein abtastet und hinterher über seine Gefühle spricht. Vor allem um die Mundpartie herum sei ihm das wegen des Speichels schwergefallen, was wiederum ihm mehr weh tut als Bayerlein, der emotional extrem gefestigt wirkt und im wahren Leben als Diplom-Informatiker beim Bundesarchiv Koblenz arbeitet (hier gibt’s ein interessantes Interview mit ihm). Vor allem auf seine Augen sei er stolz, erzählt Beyerlein, weil die so funkeln, und auf seinen Penis, denn der funktioniere als eines von wenigen Körperteilen ganz normal.

Neben Lemarquis verkörpert Laura Benson die zweite Hauptfigur, eine Frau, die sich vor jeder Berührung eines Mannes sträubt und sich deshalb Callboys ruft, die vor ihr duschen und onanieren. Aber Benson will das ändern und sucht sich Hilfe, etwa bei der deutschen Transsexuellen Hanna Hofmann, die erst mit 50 entschieden hat, als Frau leben zu wollen und inzwischen als Prostituierte arbeitet, sowie bei dem auf Kink spezialisierten australischen Sextherapeuten Seani Love (hier geht’s zu seiner Website), der ihr die Wut – auf therapeutische Art - regelrecht aus dem Leib boxt.

Es wird nie ganz klar, wie viel den Schauspielern in diesen Szenen vorgegeben wurde und wie viele der Dialoge und Therapieübungen sich tatsächlich einfach so ergeben haben. War Lemarquis nun wirklich vom Sabber seines Gegenübers angeekelt, oder ist das Teil des Drehbuchs? Hat Benson tatsächlich dieses Problem mit Nähe oder spielt sie es nur? Man weiß es nicht sicher, schließlich sind andere Szenen, etwa wenn mehrere der Protagonisten in einem surreal anmutenden SM-Swingerclub aufeinandertreffen, ganz offensichtlich inszeniert. Aber eigentlich stellt sich die Frage nach Fiktion oder Realität an dieser Stelle gar nicht, denn die dokumentarisch anmutenden Szenen erreichen so oder so eine unglaubliche Intimität.

Neben Bayerlein ist sicherlich Hofmann die faszinierendste Figur, weil sie trotz ihres späten Zu-sich-Findens eine erstaunliche Selbstsicherheit an den Tag legt (ihre Brüste hat sie Gusti und Lilo getauft), aber zugleich auch eine absolut ansteckende Sehnsucht ausstrahlt. Weit weniger überzeugend ist hingegen die zusätzliche Meta-Ebene, die Pintilie damit aufmacht, dass sie selbst als Figur im Film auftritt.

Wenn die Regisseurin gleich zu Beginn in einem Kameradisplay auftaucht und ins Nichts die Feststellung tätigt, dass sie sich ja schon wundere, warum „du“ sie nie danach gefragt hast, worum es in dem Film überhaupt geht, dann deutet das zumindest noch auf einen möglicherweise erkundungswerten Konflikt zwischen der Dokumentaristin und dem Dokumentierten hin. Aber wo die dokumentarischen und fiktiven Szenen an anderer Stelle meist stimmig ineinander fließen und so tatsächlich spannende Fragen nach der Natur des Materials aufwerfen (und damit zugleich die Frage, ob die Antwort darauf überhaupt von Bedeutung ist), bleiben Pintilies Gastspiele eine bloße Metaspielerei, die auch visuell gar nicht mal so viel hergibt und den eh schon zu lang geratenen Film noch zusätzlich ausbremst.

Fazit: Adina Pintilie erreicht mit ihrem zwischen dokumentarischer und fiktiver Form kreisenden Filmexperiment zwar an manchen Stellen eine unglaubliche Intimität und Offenheit, insgesamt wirkt der Film aber dennoch überladen – gerade die Momente, in denen die Regisseurin selbst im Film auftaucht, hätte man sich zugunsten der stärkeren Elemente lieber ganz sparen sollen.

Wir haben „Touch Me Not“ auf der Berlinale 2018 gesehen, wo der Film im Wettbewerb gezeigt wird.
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