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    Der böse Onkel
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Der böse Onkel
    Von Thilo Podann
    „Der böse Onkel": Wenn man beim Titel von Urs Odermatts ("Gekauftes Glück") Film an eine umstrittene deutsche Rockband mit sehr ähnlichem Namen denkt, liegt man nicht ganz verkehrt. Denn auch der Film des Schweizers – basierend auf dessen gleichnamigen Theaterstück – wird durch seinen locker-skurrilen, teils unterhaltsamen Umgang mit einem sehr ernsten Thema Diskussionen auslösen. Ist sein Umgang mit sexueller Belästigung an Schulen verharmlosend und angebracht? Urs Odermatt provoziert und schießt mit viel nackter Haut bei seinem rasanten Kunstkonstrukt auch eins ums andere Mal ein wenig übers Ziel heraus...

    Die alleinerziehende Mutter Trix Brunner (Miriam Japp) ist mit ihrer Tochter Saskia (Paula Schramm) vor einigen Jahren aus der Stadt in eine scheinbar idyllische Kleinstadt gezogen. Doch als ihre Tochter eines Tages von den merkwürdigen Praktiken ihres Sportlehrers Armin (Jörg-Heinrich Benthien) berichtet, fällt sie aus allen Wolken. Der ehemalige Landesmeister im Turmspringen und Liebling der Stadt belästigt die minderjährigen Mädchen während des Sportunterrichts mit teils perfiden Spielen. Trix Brunner glaubt ihrer Tochter und will gerichtlich gegen den perversen Sportlehrer vorgehen. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn die ganze Gemeinde stellt sich hinter den Übeltäter und verharmlost die sexuellen Übergriffe des ehemaligen Sportstars. Plötzlich ist es Trix, die angefeindet wird: Die Rollen von Täter und Opfer haben sich auf bizarre Art verschoben.

    Urs Odermatt hat seinen Film mit minimalem Budget und der Unterstützung zahlreicher engagierter Mitstreiter, die größtenteils ohne Entlohnung gearbeitet haben, gedreht. Unter diesen Umständen ist es umso erstaunlicher wie Odermatt es geschafft hat, sein eigenes Theaterstück optisch eindrucksvoll fürs Kino zu adaptieren. Besonders die Aufnahmen der Schweizer Kleinstadtidylle sind meist gelungen und erzeugen die Atmosphäre einer heimeligen Ortschaft. Sie stehen in deutlichem Kontrast zu den jungen Darstellerinnen, die fast im Minutentakt freizügig, lustig und lustvoll über die Leinwand flimmern. Dass Odermatt den Umgang mit sexueller Belästigung an Schulen mit viel nackter Haut bebildert, ist durchaus verständlich und begründet, trotzdem bleibt an der ein oder anderen Stelle der Eindruck zurück, dass etwas weniger dann auch mal mehr gewesen wäre.

    „Der Böse Onkel" ist ursprünglich ein von Odermatt selbst geschriebenes Theaterstück. Immer wieder betont der Filmemacher die Künstlichkeit des Konstrukts. So zeigt er nicht nur die eigentliche filmische Handlung, sondern auch die Filmcrew samt Aufnahmegeräten. Dazu passen auch die betont stilisierten Dialoge: Immer wieder kommt es zu schnellen Wortgefechten, die mit spitzer Feder geschrieben und genau so scharf vorgetragen werden. Gerade diese Dialogfeuerwerke sind es, die den meisten Spaß bereiten und dem sonst sehr analytischen Film auch unterhaltsame Facetten verleihen. Das Ganze schneidet der Schweizer dann zu einer Art Collage zusammen, die schnell, fetzig und lustig wirkt. Welche Haltung man zu den geschilderten Vorkommnissen einnimmt, bleibt dabei ganz dem Zuschauer überlassen: Einer moralischen, bewertenden Haltung entzieht sich der Regisseur.

    Stark sind die Schauspieler, allen voran Paula Schramm, die jüngst in Roland Emmerichs „Anonymus" ihr Hollywood-Debüt gab. Die junge Potsdamerin ist in der Opferrolle eine Idealbesetzung und deutet ihr Talent an. Aber auch die Theaterschauspieler Miriam Japp als Saskias Mutter Trix sowie Jörg-Heinrich Benthien als perverser Sportlehrer überzeugen. Besonders Benthien, der im Theater schon so bekannte Figuren wie „Sweeney Todd" und den „Hauptmann von Köpenick" mimte, meistert seine provokante Rolle – gleichermaßen prolliger Machosportlehrer und charmanter Star längst vergangener Tage – überzeugend.

    Fazit: Mit „Der böse Onkel" hat Urs Odermatt eine abstrakte Theateradaption inszeniert, die als temporeiche Collage mit viel nackter Haut und kernigen Dialogen ein ernstes Thema sehr kontrovers und diskussionswürdig behandelt.
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