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An ihrer Stelle
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
An ihrer Stelle
Von Ulf Lepelmeier

Auch heutzutage gibt es noch gesellschaftliche Strukturen, in denen sich junge Frauen den Wünschen ihrer patriarchalisch geführten Familie beugen und eine arrangierte Ehe eingehen müssen. In ihrem Debütfilm „An ihrer Stelle“ beschreibt  Rama Burshtein den Mikrokosmos solch einer Familie, die mit ihren religiösen und gesellschaftlichen Vorstellungen das Leben immer noch genauso prägt wie vor hunderten von Jahren. Ruhig und unaufgeregt erzählt die selbst der orthodox-chassidischen Glaubensgemeinschaft zugehörige israelische Regisseurin von einer jungen Frau, die freudig ihrer arrangierten Ehe entgegensieht und nach einem Schicksalsschlag schließlich doch erkennt, wie schwer es ist, sich dem familiären Willen unterzuordnen.

Shira Mendelman (Hadas Yaron) ist die jüngste Tochter einer chassidischen Familie im israelischen Tel Aviv. In ihrer ultra-orthodoxen Gemeinde sind arrangierte Ehen immer noch die Norm und so freut sich die 18-Jährige auf ihre nahende Hochzeit mit einem gleichaltrigen jungen Mann aus einer angesehenen Familie. Doch dann verstirbt Shiras zehn Jahre ältere Schwester Esther (Renana Raz) während des Purimfestes bei der Geburt ihres ersten Kindes. Der tragische Todesfall lässt die Familie in tiefer Trauer zurück und die geplante Hochzeit wird verschoben. Yochay (Yiftach Klein), der Ehemann der Verstorbenen, zieht nach einigen Monaten ein Heiratsangebot aus Belgien in Erwägung, um seinem kleinen Sohn wieder eine Mutter zu geben. Da Shiras Mutter Rivka (Irit Sheleg) verhindern möchte, dass Yochay mit ihrem Enkelsohn das Land verlässt, schlägt sie ihm vor ihre jüngste Tochter zur Frau zu nehmen. Weder Yochay, noch Shira sind zunächst begeistert von der Idee der Eheschließung, doch das Gefühl, den familiären Vorstellungen entsprechend handeln zu müssen, lässt sie nicht los...

Mit beinahe liebevollem Blick betrachtet Rama Burshtein die ihr vertraute Welt des chassidischen Judentums, einen vom modernen Tel Aviv weitestgehend abgekapselten Kosmos. In dieser Gemeinde ist der Rabbi immer noch die moralische Instanz schlechthin, gehen die Männer mit Akribie dem Studium der Heiligen Schrift nach, sehen sich die Frauen in erster Linie als Ehefrauen und Mütter. Die Religion prägt mit einem umfassenden Regelkatalog jeden Aspekt des täglichen Lebens. Vom modernen Leben und dem pulsierenden Treiben in der jüdischen Großstadt bekommen die Gemeindemitglieder dagegen nur wenig mit und ziehen es stattdessen vor, unter ihresgleichen zu bleiben. Besonders während der Purim-Feierlichkeiten wird dies deutlich, die in Shiras Familie mit traditionellen Gesängen begangen werden, während in der Nacht von außen bassgeprägte Partymusik in die Wohnung schallt.

Ähnlich wie Haim Tabakman in seinem Drama „Du sollst nicht lieben“ zeigt auch Rama Burshtein die von religiösen Normen geregelte Welt mit ruhigen, oft statischen Kameraeinstellungen, welche die Strenge und die Hierarchien in dieser von Religion bestimmten Gesellschaftsordnung widerspiegeln. Doch anders als in „Du sollst nicht lieben“, in dem zwei Männer gegen ihre Gefühle zueinander ankämpfen, fügen sich die Figuren in „An ihrer Stelle“ einfach ihrem Schicksal und prangern das bestehende System nicht an. Burshtein zeigt keinen Versuch des Ausbruchs, sondern konzentriert sich auf Menschen, die den Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl innerhalb dieses Mikrokosmos zu schätzen wissen. Auch bei aufkommenden Konflikten und Schwierigkeiten stellen ihre Figuren das religiös geprägte System nicht in Frage, sondern versuchen sich innerhalb der bestehenden Gesellschaftsnormen zu bewegen und sich mit ihrem Schicksal zu arrangieren. Beinahe wie eine Heilige wirkt da das in weiches Licht getauchte Gesicht der  Hauptdarstellerin Hadas Yaron, die für ihre Leistung bei den Filmfestspielen von Venedig 2012 als Beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde. Sie ist der emotionale Anker des Films und verrät allein mit ihren zurückgenommen Blicken schon viel über die emotionale Zerrissenheit ihrer Figur.

Mit ihrem in gedämpften, warmen Farben gefilmten Blick auf die streng orthodoxe Lebenswirklichkeit scheint Rama Burshtein zeigen zu wollen, dass die Ehe auch in diesen Kreisen stets das Einverständnis beider potenziellen Eheleute voraussetzt: So geben Shiras Eltern ihrer Tochter sowie ihrem verwitweten Schwager jeweils die Möglichkeit, sich gegen eine Heirat zu entscheiden. Doch trotz dieser vorgeblichen Entscheidungsfreiheit lastet zumindest auf Shira ein solcher Druck, dass sie letztlich keine wirkliche Wahl hat. Immer wieder gibt ihr ihre Mutter zu verstehen, dass sie es nicht überleben würde, wenn ihr nun auch noch der Enkel genommen würde. Nicht zuletzt am Beispiel ihrer Tante und einer guten Freundin ihrer Schwester bekommt die 18-Jährige schließlich vor Augen geführt, wie schwer der Stand einer unverheirateten Frau in der chassidischen Gemeinde ist.

Fazit: „An ihrer Stelle“ wirft einen von Sympathie geprägten Blick auf das Leben des streng orthodoxen Judentums und fängt die Nöte und Wünsche der von Hadas Yaron sensibel verkörperten Protagonistin mit Bedacht und Feingefühl ein.

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