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Als wir träumten
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Als wir träumten
Von Thomas Vorwerk
Im Wendejahr 1989 war Clemens Meyer zwölf Jahre alt, sein mehrfach ausgezeichneter Debütroman „Als wir träumten“ (2006) über eine Jungenclique im Leipzig der Wendezeit trägt offensichtlich autobiografische Züge. Andreas Dresen („Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“) war zu jener Zeit bereits 26 und studierte gerade an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam Regie. Als Bindeglied zwischen dem Schriftsteller und dem Filmemacher fungierte für die Leinwandadaption von Meyers Buch einer der besten deutschen Drehbuchautoren, der ebenfalls in jungen Jahren grundlegende Veränderungen in Deutschland miterlebt hat. Trotzdem mag der mittlerweile über 80 Jahre alte Wolfgang Kohlhaase („Berlin - Ecke Schönhauser“; „Ich war neunzehn“) nicht unbedingt die naheliegende Wahl für einen Stoff über ostdeutsche Teenager in der Techno-Szene sein. Doch dem ungewöhnlichen erzählerischen Triumvirat gelingt es in ihrem Coming-of-Age-Drama „Als wir träumten“, das im Wettbewerb der Berlinale 2015 uraufgeführt wurde, sowohl die jugendliche Euphorie als auch die veränderte Stimmung danach, überzeugend einzufangen. Aus dem ausladend langen Buchbestseller wird im Kino eine überraschend komische Milieuschilderung mit einigen tragischen Zügen.

Daniel Lenz (Merlin Rose, der schüchterne „Andi“ aus „Doktorspiele“), den alle nur Dani nennen, wächst zusammen mit seinen vier besten Freunden in Leipzig Süd auf. Nach dem Fall der Mauer kommt das Quintett gemeinsam auf die Idee, einen Underground-Technoclub im Randbezirk zu eröffnen, und das knappe Jahr, während dem die Teenager als jüngste Discobetreiber des ganzen Landes das „Eastside“ aus dem Boden stampfen, ist trotz diverser Konflikte mit dem Gesetz und einer Gruppe schlagkräftiger Rechtsradikaler ihre „schönste“ Zeit. Aber nicht alles ist gut: Da gibt es die Unfähigkeit des Muttersöhnchens Paul (Frederic Haselon), mit dem anderen Geschlecht Kontakt aufzunehmen, die gefährliche aufbrausende Art des Jungboxers Rico (Julius Nitschkoff) und die tragisch endende „Geschäftsbeziehung“ zwischen Mark (Joel Basman) und Pitbull (Marcel Heuperman). Und Daniels bis zuletzt hoffnungslos idealisierte Liebe zu Katja alias „Sternchen“ (Ruby O. Fee) steht auch unter einem schlechten Stern…


Der als konkretes Ereignis im Film elliptisch ausgesparte Mauerfall ist in „Als wir träumten“ auch eine dramaturgische Zäsur: Immer wieder wird zwischen zwei vier Jahre auseinanderliegenden Zeitebenen hin- und hergesprungen, von denen die eine vor dem einschneidenden Datum angesiedelt ist und die andere danach. Durch diese Verschränkung wird die Frage nach den Veränderungen gleichsam zum Leitmotiv und durch die Präsenz unterschiedlicher Darsteller für die jugendlichen Hauptfiguren ist sie auch äußerlich unübersehbar. Die laut Abspann 13-jährigen Schüler zeigen in der DDR bereits eine leichte rebellische Note, aber Katja (Luna Rösner) ist noch eine linientreue Streberin, die an den Aufbau des Sozialismus glaubt, und Dani (Chiron Elias Krase) wird so manches verziehen, weil er einen Gedichtvortragswettbewerb gewonnen hat (die späte Offenbarung des „lyrischen Werkes“ ist ein Höhepunkt des Films) und somit auch als Stütze des Fortschritts gilt.

Nach dem Mauerfall dann bewegen sich älter gewordenen Freunde in einer Welt, die ein wenig wirkt wie die Leipziger Version von „Trainspotting“. Im Vergleich zu Danny Boyles schottischem Kultklassiker geht es bei Dresen mit einer Prise frustriertem Autodiebstahl und Vandalismus sogar noch etwas trüber zu. Ansonsten sind auch in „Als wir träumten“ Liebe, Rausch, Sex und Verrat die Themen, und unter Kapitelüberschriften wie „Straßenköter“, „Lottofee“ oder „Mord in Deutschland“ werden viele starke Szenen wie Perlen aneinandergereiht: zugedröhnte nächtliche Spritztouren zu pulsierenden Beats, der zur zynischen Parodie verkommene Pioniergruß, blutige Racheaktionen der Rechten. Als die Gruppe schließlich langsam auseinanderbricht, sind die Träume des Titels längst nur noch Erinnerung, wobei für Dani zumindest etwas Hoffnung verbleibt, wenn ihn zum Schluss ein Taxifahrer fragt „Wo soll's hingehen?“

Fazit: Andreas Dresen vermittelt in dieser spezifisch deutschen Coming-of-Age-Geschichte zu Wendezeiten mit viel Humor und mitreißendem Schwung das ganz besondere Lebensgefühl seiner jugendlichen Protagonisten.

Dieser Film läuft im Programm der Berlinale 2015. Eine Übersicht über alle FILMSTARTS-Kritiken von den 65. Internationalen Filmfestspielen in Berlin gibt es HIER.
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Kommentare

  • pil
    Mugge ist für alle da!
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