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    Zwischen Welten
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Zwischen Welten
    Von Sascha Westphal
    Feo Aladags Kriegsdrama „Zwischen Welten“ kommt zur rechten Zeit. Während bei großen Teilen der deutschen Bevölkerung immer noch eine deutliche Skepsis gegenüber Auslandseinsätzen der Bundeswehr herrscht, wird in der Politik und den Medien, in den Reden westlicher Diplomaten und denen heimischer Würdenträger, der Ruf nach einem verstärkten militärischen Engagement der Deutschen immer lauter und immer drängender. Natürlich soll es sich dabei immer um Einsätze im Namen von Freiheit und Demokratie, Menschenrechten und Gerechtigkeit handeln. Von den handfesten wirtschaftlichen Interessen, die mit diesen Kriegen verbunden sind, ist dabei meist nicht die Rede. Die blendet auch Feo Aladag aus. Sie konzentriert sich ganz auf etwa eine Handvoll Menschen, die als deutsche ISAF-Soldaten, als deren einheimische Mitarbeiter oder als deren Verbündeten in den immer noch währenden Afghanistan-Krieg verstrickt sind. Und schon in dieser extrem verengten Perspektive bleibt von den von Politikern und Journalisten beschworenen Idealen nichts mehr übrig.

    Obwohl sein Bruder bei einem Einsatz in Afghanistan ums Leben gekommen ist, meldet sich Bundeswehr-Offizier Jesper (Ronald Zehrfeld) freiwillig für ein Kommando in der Krisenregion. Mit einem kleinen Trupp von Soldaten soll er einen afghanischen Warlord unterstützen, der ein kleines Dorf gegen Angriffe der Taliban verteidigt. Nur muss er schon bald feststellen, dass die Erwartungen und Vorstellungen seiner Vorgesetzten keineswegs denen seines afghanischen Verbündeten entsprechen. Haroon (Abdul Salam Yosofzai), der einst selbst auf Seiten der Taliban kämpfte und nun eine Abteilung der mit den westlichen Militärmächten verbundenen Arbaki-Milizen anführt, bringt Jesper mit seinen Forderungen immer wieder in Zugzwang.



    Jespers Auftrag, der zunächst klar und simpel klingt, erweist sich nicht nur in militärischer Hinsicht als überaus widersprüchlich. Von Beginn an parallelisiert Feo Aladag dabei die Geschichte des deutschen Soldaten mit der des jungen Afghanen Tarik (Mohsin Ahmady). Um sich und seine jüngere Schwester Nala (Saida Barmaki), eine angehende Ingenieurin, durchzubringen, arbeitet er als Dolmetscher für die deutschen Soldaten. Währenddessen hofft er, endlich ein deutsches Visum für sich und Nala zu bekommen. Eigentlich gehören die beiden genau zu jenen Menschen, denen der ISAF-Einsatz in Afghanistan Sicherheit und neue Möglichkeiten bringen soll. Doch in Wirklichkeit gefährdet er die Geschwister nur noch mehr. Tariks Zusammenarbeit mit den westlichen Soldaten rückt sie immer weiter ins Visier der Taliban. Die fremden Soldaten und die heimischen Krieger, die westlichen Ideen von Freiheit und Selbstverwirklichung und die fundamentalistischen Vorstellungen von Bestimmung und Unterordnung, das sind die beiden Welten, zwischen denen alle Figuren in Feo Aladags Film zerrieben werden. Nur gibt es für Jesper und die anderen Soldaten zumindest noch die Hoffnung, dass sie irgendwann wieder in ihre Heimat zurückkehren werden.

    Feo Aladag und ihre Kamerafrau Judith Kaufmann („Vier Minuten“) gehen von Anfang an sehr nahe an ihre Protagonisten heran. Meist sind es ihre Gesichter und Körper, die große Teile des Bildkaders ausfüllen. Die Welt um sie herum wirkt so trotz der Weite der afghanischen Ebenen und Felder eng. Immer scheint etwas oder jemand jenseits des Bildrahmens zu lauern. Selbst an sich harmlose Situationen und Momente bekommen so etwas Beunruhigendes und Bedrohliches. Zudem werfen diese verengten, jeden größeren Kontext auslöschenden Einstellungen Aladags Figuren auf sich selbst zurück. Sie sind, und davon zeugt das nervöse, stets von innerer Unruhe und Unsicherheit zeugende Spiel Ronald Zehrfelds und Moshin Ahmadys, fortwährend auf sich allein gestellt, isoliert in einer Welt, die ihnen fremd und feindlich geworden ist. So in etwa muss sich das Leben in einem Kriegs- und Krisengebiet anfühlen, bedrohlich und unstet, von unsichtbaren Gefahren und ebenso unsichtbaren Mächten geprägt. Dabei sind es nicht nur die Taliban, die dieses Gefühl heraufbeschwören. Auch die deutsche Militärbürokratie erweist sich als kaum fassbare, das Leben von Zivilisten und Soldaten gefährdende Kraft. So unterschiedlich die Voraussetzungen von Jesper und Tarik zunächst auch sind, im Endeffekt teilen sie das gleiche Schicksal. Sie sind einer Welt ausgeliefert, die sie nicht fassen können.

    Fazit: Die aus Wien stammende und in Berlin lebende Filmemacherin Feo Aladag verknüpft in ihrer ersten Regiearbeit nach dem Überraschungserfolg „Die Fremde“ geschickt Elemente des Kriegsfilms mit denen des Politthrillers. Aus diesem Zusammenspiel erwächst ein äußerst dichtes Psychogramm des Lebens in Kriegsgebieten, das nebenbei auch ein anderes, sehr erhellendes Licht auf die Auslandseinsätze der Bundeswehr wirft.

    Dieser Film läuft im Programm der Berlinale 2014. Eine Übersicht über alle FILMSTARTS-Kritiken von den 64. Internationalen Filmfestspielen in Berlin gibt es HIER.
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