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Tatort: Letzte Tage
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Tatort: Letzte Tage
Von Lars-Christian Daniels
Drei Mal erhielten die „Tatort“-Kommissare Klara Blum (Eva Mattes) und Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) am Bodensee Unterstützung von ihrem Schweizer Kollegen Reto Flückiger (Stefan Gubser): 2008 in „Seenot“, 2010 in „Der Polizistinnenmörder“ und zuletzt 2011 in „Der schöne Schein“. Dann kletterte Flückiger die Karriereleiter nach oben: Das Schweizer Fernsehen versetzte den Kommissar nach Luzern und machte ihn kurzerhand vom Co-Ermittler in Konstanz zum Chef-Ermittler des neuen „Tatorts“ aus der Alpenrepublik. Für die oft grenzüberschreitenden Ermittlungen am Bodensee musste Ersatz her. Der SWR fand ihn in Mattheo Lüthi (Roland Koch), der Blum und Perlmann 2012 bei seinem Debüt in „Nachtkrapp“ aber weniger selbstverständlich zur Hand ging als sein Vorgänger. In „Letzte Tage“ von Elmar Fischer („Offroad“) ist Lüthi nun zum zweiten Mal mit von der Partie und zwingt Blum mit undurchsichtigen Alleingängen zu ungewöhnlichen Maßnahmen, die dem Zuschauer aber kaum Freude bereiten: Vollkommen spannungsfrei plätschert Fischers „Tatort“ vor sich hin, wozu auch beiträgt, dass sich im Mittelteil unnötig viel Zeit genommen wird, eine Perlmann-Romanze mit einer Studentin zu illustrieren.

Auf der Bodensee-Fähre aus dem schweizerischen Romanshorn wird nach dem Anlegen in Konstanz die Leiche von Jochen Heigle (Ralf Beckord) gefunden. Selbstmord? Heigle war leukämiekrank und hatte nicht mehr lange zu leben. Hauptkommissarin Klara Blum (Eva Mattes) und ihr Kollege Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) hegen dennoch Zweifel. Bevor die Ermittlungsarbeit so richtig losgeht, funkt den beiden die Schweizer Polizei dazwischen: Der Thurgauer Kollege Matteo Lüthi (Roland Koch) beansprucht die Leitung der Ermittlungen für sich und favorisiert die Selbstmordtheorie. Davon unbeirrt stellen Blum und Perlmann Nachforschungen in einer Selbsthilfegruppe an und finden heraus, dass der Tote an einer Studie für ein neues Medikament teilgenommen und dessen Wirkung in Frage gestellt hatte. Musste er deshalb sterben? Blums Ermittlungen bei der Schweizer Herstellerfirma geraten ins Stocken, weil Lüthi dort ein alter Bekannter ist und offenbar noch andere Ziele verfolgt, als den Mord aufzuklären. Und auf Perlmanns Unterstützung kann Blum nur bedingt zählen: Der Kommissar hat mit der Medizinstudentin Mia Henning (Natalia Rudziewicz) angebandelt, die ihre Doktorarbeit über Leukämie schreibt und dem Blondschopf im Typisierungszelt schöne Augen gemacht hat...

Die Zeiten, in denen Klara Blum ihren deutlich jüngeren Kollegen Kai Perlmann noch für seine Überheblichkeit abstrafte und seine Assistentin Annika „Beckchen“ Beck (Justine Hauer) ihm den Kopf verdrehte, sind lange vorbei. Perlmann ist gereift – und gibt in „Letzte Tage“ so viel Persönliches von sich preis wie nie zuvor. „Du musst mich langsam wieder bremsen – ich glaube, ich hab noch nie so viel am Stück gesprochen!“ resümiert der Kommissar beim Schmusen mit Mia und bringt damit das Dilemma auf den Punkt: Geredet wird viel, geknutscht, geschmachtet und über das Leben philosophiert auch, doch passieren tut am Ende viel zu wenig. Wie schwach der 879. „Tatort“ dramaturgisch auf der Brust ist, zeigt sich vor allem im Vergleich zum ähnlich gelagerten Münchener „Tatort“-Hochkaräter „Im freien Fall“, in dem sich Hauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) 2001 ebenfalls Hals über Kopf in eine Studentin verliebte und am Ende eines hochdramatischen Krimidramas trauernd zurückblieb. In Konstanz läuft alles viel gemächlicher und ohne spürbaren Ausschlag der Spannungskurve ab – von einer denkwürdig endenden schnellen Nummer im Saal eines Arthouse-Kinos mal abgesehen.

Während Perlmann nach dem ersten Rendezvous kaum noch an der Aufklärung des Mordfalls interessiert zu sein scheint und laut über sein Leben nachdenkt, frühstücken Blum und Lüthi die obligatorischen Revierstreitigkeiten zwischen Deutschland und der Schweiz ab, die zum „Tatort“ aus Konstanz so fest dazugehören wie das Kölsch an der Wurstbraterei bei den Kollegen aus Köln. Blum und Lüthi scheinen sich aber noch nicht so recht gefunden zu haben: Die Chemie zwischen den beiden stimmt nicht, auch weil die kleinen Neckereien bei weitem nicht so charmant ausfallen wie einst zwischen Blum und Flückiger. Zudem bemüht Drehbuchautor Stefan Dähnert („Das geteilte Glück“) einen folgenreichen, furchtbar konstruiert wirkenden Kniff: Blum kettet Lüthis Hand an die ihre und wirft den Schlüssel für die Handschellen über Bord. In der Folge ermittelt das Duo für eine halbe Stunde zumindest Hand an Hand, wenn es schon Hand in Hand nicht klappen will. Dass sich am Ende auch noch die alte „Tatort“-Weisheit bewahrheitet, dass der prominenteste Nebendarsteller meist den Mörder mimt, macht „Letzte Tage“ nicht besser, aber auch nicht wirklich schlechter – dazu spielt die Täterfrage im spannungsfreien Genremix aus Leukämiedrama, kitschiger Romanze und deutsch-schweizerischen Scherereien eine viel zu untergeordnete Rolle.

Fazit: Keine Spannung, keine knifflige Mördersuche, keine guten Dialoge – „Letzte  Tage“ hat nicht viel zu bieten. Der 21. Einsatz von Blum und Perlman ist schlichtweg gähnend langweilig und eine der schwächsten Folgen der ersten Jahreshälfte 2013.

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Kommentare

  • Bob B.
    Wie immer: Qualitätsfernsehen Marke Tatort. Mal ehrlich. Das Format ist häufig so verschnarcht, dass Spannung erst nach dem Abspann einsetzt. :p
  • UGotCaged
    Soll keine Kritik sein - aber gibts eigentlich nur noch starke und schwache Tatorte? Ich glaub ich hab hier noch nix mit 2,5-3 Sternen gesehen.
  • DerEinevomDorf
    @UGotCaged: Ganz so ist es nicht, seit Herr Daniels die Tatort-Kritiken schreibt (bitte weiter so!), gab es auch durchschnittliche Folgen. Jedoch leider noch keinen Überflieger, aber die sind einfach auch zu selten.
  • AlfredHitzkopf
    Der letzte Durchschnittstatort war der Stuttgarter "Spiel auf Zeit", habe ich mit 3 Sternen bewertet. Ansonsten hat UGotCaged nicht ganz Unrecht - zuletzt gab es viel Gutes und viel Schwaches, wenig Mittelfeld...
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