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Monsieur Claude und seine Töchter
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Monsieur Claude und seine Töchter
Von
Es ist natürlich Zufall, dass „Monsieur Claude und seine Töchter“ kurz nachdem in Frankreich der rechtsextreme Front National stärkste Partei bei den Europawahlen 2014 wurde in die deutschen Kinos kommt. Aber der zeitliche Zusammenhang ist ungemein passend, da auf diese Weise der gesellschaftliche Kontext noch einmal deutlich stärker zutage tritt. Die eigentlich recht traditionell angelegte Familienkomödie von Regisseur Philippe de Chauveron („L'amour aux trousses“) lässt sich nämlich gerade durch diese besonderen Umstände als ebenso geistreicher wie bissiger Kommentar zur aktuellen politischen Lage in unserem Nachbarland lesen. Der offen ausgestellte politische Anspruch mag dem amüsanten, multikulturellen Lustspiel zwar fehlen, umso treffender sind viele der gemachten Beobachtungen. So ist „Monsieur Claude und seine Töchter“ selbst in seinen weniger überzeugenden Momenten immer noch extrem aufschlussreich.

Vier Töchter haben Monsieur Claude (Christian Clavier) und seine Frau Marie (Chantal Lauby) in die Welt gesetzt. Alle Mädchen sind längst erwachsen, und drei von ihnen auch schon verheiratet:  Odile (Julia Piaton) mit dem Juden David (Ary Abittan), Isabelle (Frédérique Bel) mit dem Muslim Rachid (Medi Sadoun) und Ségolène (Emilie Caen) mit dem Chinesen Chao (Frédéric Chau). Für Claude und Marie, ihrerseits klassische Vertreter des konservativen, katholischen französischen Großbürgertums, ist all das schwer zu verkraften, wenngleich sie sehr bemüht sind, Toleranz zu üben. Daher ist ihre Freude riesig, als ihre vierte Tochter Laure (Elodie Fontan) ihnen eröffnet, einen Katholiken heiraten zu wollen. Dann stellt sich allerdings heraus, dass es sich bei Charles (Noom Diawara), dem Gatten in spe, um einen Afrikaner handelt und der Schock für die Eltern ist umso größer. Als die Familie des Bräutigams zur Hochzeitsfeier aus der Elfenbeinküste anreist, kommt es zu deutlichen Spannungen, denn Charles‘ Vater André (Pascal Nzonzi) ist ein ebenso prinzipienfester Patriarch wie Claude und die Verbindung seines einzigen Sohnes mit einer Weißen geht ihm gewaltig gegen den Strich…


In dieser Komödie über kulturelle Unterschiede wird das Klischee zum Erzählprinzip erhoben. Niemand wird verschont, aber natürlich wird die Eskalation nicht so weit getrieben, dass das glückliche Ende der angenehm geradeaus erzählten Geschichte in Gefahr geraten könnte. Claude und Marie sind längst nicht die einzigen vorurteilsbehafteten Bedenkenträger, menschliche Schwächen, tradierte Vorbehalte und persönliche Ticks werden vielmehr sehr gleichmäßig auf die große Mehrheit der Figuren verteilt, ganz egal, welchen kulturellen oder religiösen Hintergrund sie haben. So sind sich auch die Schwiegersöhne untereinander zunächst ganz und gar nicht grün: Der Jude und der Muslim dissen sich gegenseitig und mobben gemeinsam den Chinesen (bei dem unklar bleibt, ob er einer Religion anhängt, und wenn ja, welcher). Der wiederum lässt dafür den Juden bei einer versprochenen Investition kalt abblitzen und kontert dessen magere Krav-Maga-Künste mit einem energischen Handkantenschlag. Und selbstverständlich bekommen auch die Katholiken ihr Fett weg: Der Geistliche etwa, der die Trauung vornehmen soll, wird dargestellt als alberner Weichling, der heimlich im Internet nach schicken Priesterklamotten surft, während er Marie die Beichte abnimmt.

Rassismus, Borniertheit, Fremdenfeindlichkeit und Ignoranz werden auf allen Seiten entlarvt. Neben den treffend aufs Korn genommenen Klischees stehen dabei zwar immer wieder auch missratene Pointen, aber auch was das angeht, kann es hier jeden erwischen - so ist diese Komödie auch in ihrem Spott wahrlich multikulturell und in ihrer Ausgewogenheit trotz gelegentlicher Bosheiten für fast alle akzeptabel. Allerdings wird nicht jede einzelne Figur mit eigenen lächerlichen Eigenschaften ausgestattet und so bleiben ausgerechnet Claudes und Maries Töchter, die doch das ganze Chaos erst ausgelöst haben, nicht mehr als hübsche, aber als Personen uninteressante Leerstellen. Eine Ausnahme bildet nur die Malerin Ségolène, welche die ganze Familie mit depressiven Selbstporträts versorgt, ihre drei Schwestern sind jedoch ganz ungebrochene Exemplare jenes im Kino immer noch allzu verbreiteten weiblichen Rollentyps des schmückenden Beiwerks. Hier tappt Regisseur Chauveron letztlich selbst in die Klischeefalle und lädt zugleich unwillentlich zu einem interessanten Gedankenspiel ein: Wie würde der Film wohl aussehen, wenn Monsieur Claude statt vier Töchtern vier Söhne hätte?

Fazit: Ihre vier Töchter mit vier Immigranten zu verheiraten, ist für das traditionsbewusste französische Ehepaar Claude und Marie eine harte Prüfung. Für die Zuschauer ist das Ergebnis eine amüsante Familienkomödie über kulturelle Vorurteile und andere Misslichkeiten.
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Kommentare

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    Am lustigsten ist vielleicht die Erkenntnis, dass man selbst nicht der einzige Rassist (und wer könnte sich davon freisprechen? Ich habe sogar Vorurteile gegen Mormonen - zumindest bis ich den ersten kennenlerne...) ist: Es gibt arabischen Rassissmus, jüdischen Rassismus, somalischen, französischen... Jeder ist heilger als der Nächste. Hoffentlich gibt es irgendwann soviel Liebe zwischen den Völkern, dass alle Menschen ihre Wurzeln mit Ungarisch-uigurisch-uruguaiisch oder dänisch-deutsch-dschibuti angeben - dann ist es vielleicht etwas schwerer, auf die anderen herabzublicken.

    Mehr zum Film unter: http://friendly101.blogspot.de...

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