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Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion Spotlight

4,5


Von Andreas Staben

Wie Kanonenschläge donnern die Lettern am Anfang von Alan J. Pakulas Klassiker „Die Unbestechlichen“ von der Schreibmaschine aufs Papier. Danach sind dokumentarische Aufnahmen von Richard Nixon im Moment seiner größten Macht zu sehen. Am Ende des Films ist er der erste US-Präsident, der zurücktritt, zu Fall gebracht von zwei hartnäckigen Journalisten, die den Watergate-Skandal aufgedeckt haben: „Die Unbestechlichen“ ist eine Feier der freien und unabhängigen Presse, die Vertreter der „vierten Macht“ werden zu Stars, die den Selbsterneuerungsprozess eines Staates in der Krise anführen. Tom McCarthys Journalisten-Drama „Spotlight“ wird immer wieder mit Pakulas Film von 1976 verglichen und tatsächlich geht es auch hier um die Bedeutung der Presse für ein funktionierendes demokratisches Gemeinwesen. Doch sehen wir hier zu Beginn wie 25 Jahre vor der Haupthandlungszeit der Missbrauch eines Kinds durch einen Priester vertuscht wird und alle wegsehen. Wenn die Redaktion der Tageszeitung Boston Globe die andauernden Missstände in der katholischen Kirche erst ein Vierteljahrhundert später ans Licht bringt, dann ist das nicht in erster Linie ein Triumph, sondern ein schmerzhafter, aber dringend notwendiger Etappensieg. Wie „Die Unbestechlichen“ ist auch „Spotlight“ ein Loblied auf guten, handfesten Journalismus alter Schule, aber mindestens genauso sehr ist der Oscar-Favorit des Jahrgangs 2015 ein überragend gespieltes, vielschichtiges Drama über Glaube und Heimat, Vertrauen und Macht.

Als der Boston Globe 2001 über den Fall eines katholischen Priesters berichtet, der zahlreiche Kinder sexuell missbraucht hat, wittert der aus Miami gekommene neue Chefredakteur Marty Baron (Liev Schreiber) eine weitaus größere Story und setzt das von Walter „Robby“ Robinson (Michael Keaton) geleitete „Spotlight“-Team, das für investigative Langzeitrecherchen zuständig ist, auf das Thema an. Robinson und seine Mitstreiter Michael Rezendes (Mark Ruffalo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) und Matt Carroll (Brian d’Arcy James) sprechen mit Anwälten und Opfern, lesen alte Berichte und versuchen an unter Verschluss gehaltene Gerichtsakten zu kommen. Schnell zeigt sich, dass der Skandal ungeahnte Ausmaße besitzt: Es gab und gibt nicht nur weitaus mehr Missbrauchsfälle in der Erzdiözese Boston als bisher bekannt, sondern es verdichten sich auch die Hinweise, dass die Kirchenoberen bis hinauf zum Kardinal Bernard Law (Len Cariou) dies schon lange gewusst und vertuscht haben.


Die Mannschaft des Boston Globe erhielt 2003 den Pulitzer-Preis für ihren Beitrag zur Enthüllung des Missbrauchsskandals, der von Massachusets aus die gesamte katholische Welt erfasste. Titeleinblendungen am Ende des Films informieren über betroffene Gemeinden weltweit und diese schier endlose Liste macht den Betrachter ähnlich fassungslos wie es die „Spotlight“-Reporter sind, als sie feststellen, dass es sich keineswegs um Einzelfälle handelt, sondern allein in Boston über 80 Geistliche zu Tätern wurden. Bei aller berechtigten Empörung vor allem auch über den Umgang der Institution Kirche mit den Vorgängen ist „Spotlight“ jedoch kein filmischer Kreuzzug. Eine der größten Stärken des Films ist vielmehr, gleichsam nebenbei zu zeigen, wie sehr die katholische Kirche und ihre Repräsentanten das Leben in Boston prägen und wie sehr die Leute auch an ihnen hängen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf: Auch der Globe hat jahrelang höchstens mit einem Auge hingeschaut, wenn es um die Fehler der Kirche ging. Es brauchte den Impuls von außen, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Für den entscheidenden Anstoß sorgt der neue Chefredakteur Marty Baron. Ohne Rücksicht auf Personen und ohne Furcht vor Konsequenzen will er das System der Vertuschung aufdecken und nicht nur einzelne Verantwortliche überführen. Liev Schreiber („Ray Donovan“) spielt den Außenseiter als sachlichen Vernunftmenschen mit starken Überzeugungen – höflich, aber auf Distanz bestehend absolviert er etwa den Antrittsbesuch beim Kardinal, der dem Juden Baron als Wink mit dem Zaunpfahl einen Katechismus überreicht. Als Outsider empfindet sich auch der Opfer-Anwalt Mitchell Garabedian. Stanley Tucci („Die Tribute von Panem“) kombiniert in der Figur leidenschaftliches Engagement mit einer Spur Desillusionierung und ein bisschen Selbstverliebtheit. Wenn Garabedian sich zunächst weigert, mit Mike Rezendes zu sprechen und erst ganz allmählich Vertrauen zu dem Reporter fasst, dann ist zu ahnen, wie schwer die viel tieferen Gräben zu überwinden sind, die sich in der Stadt auftun. Da muss Matt Carroll feststellen, dass es in seiner unmittelbaren Nachbarschaft ein „Trainingszentrum“ für auffällig gewordene Priester gibt und kann zu Hause keinem davon erzählen; seine Kollegin Sacha Pfeiffer (zeigt viel Feingefühl: Rachel McAdams) bringt es nicht mehr übers Herz mit ihrer Großmutter in die Kirche zu gehen und ihr Teamchef Robby Robinson muss eine alte Freundschaft für wichtige Informationen aufs Spiel setzen.

In Michael Keatons („Birdman“) Figur werden die Loyalitätskonflikte und die moralischen Fragestellungen des Films gebündelt und der Darsteller lässt hinter der rauen Reporterfassade all die (Selbst-)Zweifel und Enttäuschungen aufscheinen, die den echten Bostoner Robinson plagen. Ihm blutet das Herz, wenn er auf Wohltätigkeitsveranstaltungen gute Miene zu nie hinterfragten Traditionen machen soll oder wenn er feststellt, dass er als Kind in der Schule ohne Weiteres selbst hätte zum Opfer werden können. Regisseur und Co-Autor Tom McCarthy („Station Agent”, „Cobbler“) legt den Schwerpunkt auf die journalistische Arbeit seiner Protagonisten, aber er lässt sie nicht im luftleeren Raum agieren, sondern als Mitglieder einer Gemeinschaft, deren Fundament sie mit ihren Veröffentlichungen erschüttern müssen. So findet ausgerechnet der Kardinal Law, der soviel Schuld auf sich geladen hat, nach dem 11. September die richtigen tröstenden Worte. Hier wird niemand dämonisiert und so wird ein Moment wie der, als Sachas tief gläubige Oma in einer kurzen Einstellung vom Skandal erfährt, erst richtig berührend. Es geht dem Betrachter ähnlich wie Mark Ruffalos Mike Rezendes, der in einer Schlüsselszene einen hilflosen Wutausbruch bekommt (keine Spur mehr von Hulk) und nicht mehr weiß, wohin mit seinen Gefühlen. Ganz wie er können wir beim Blick auf zwei missbrauchte Kinder in Garabedians Büro nur ahnen, was die Opfer durchlitten haben.

Fazit: Regisseur Tom McCarthy gibt Interviews, Bibliotheksbesuchen und Redaktionskonferenzen den Puls eines packenden Thrillers, während das beste Schauspielensemble des US-Kinojahrs 2015 für den Herzschlag und die Emotionen eines menschlichen Dramas sorgt.

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Kommentare

  • Fain5

    Einen Film über ehrlichen Journalismus haben gerade wir Deutschen in diesen Zeiten bitter nötig. Und jeder Film der aufzeigt, was für ein bigotter, heuchlerischer und gefährlicher Verein die Kirche ist, ist sowieso immer willkommen.

  • Fain5

    Hab heute den Trailer zum neuen Sascha Baron Cohen Film gesehen. Der kommt direkt auf die Liste.

  • Fain5

    Oh nein ich war schon lange vor Pegida gegen unsere Presse und die öffentlich rechtlichen im speziellen ;)

  • Fain5

    Jap, genau der.

  • Bruno D.

    Also wenn ich mir jetzt Deutschland so anschaue, könnte der Film richtig Probleme bekommen. Wer sagt, unsere Presse sei vorteilsfrei und von der Politik unbeeinflusst, sollte sich nur die letzten Vorgaben der dpa anschauen..Thema Asylkritiker sind automatisch zu Rassisiten abzustempeln.

    Also vermute ich mal, dass der Film evt. auch von diversen "Fachmedien" zerrissen wird.

    Ich möchte jetzt aber keine Diskussion anheizen.

    Ich freu mich auf den Film. Wird scheinbar echt ein Klassejahr. :)

  • Fain5

    Kann es sein, dass du jetzt auch alle Kritiker der Presse in eine gewisse Ecke drängst? Dann geht der Plan der Presse nämlich auf. In Deutschland muss man etwas als rechts titulieren und schon meiden es die Leute. Wie halt Kritik an der Presse.

  • Fain5

    Woher genau weisst du, dass das die meisten sind? Es sind die lautesten. Oder glaubst du, dass es Kritiker nur im Osten von Deutschland gibt? Die meisten Asylkritiker die ich kenne sind nämlich die, die die Asylpolitik anprangern aber auch die werden in die rechte Ecke gedrückt.

    Ich gebe dir natürlich Recht, dass es Unsinn ist, davon auszugehen, dass der Film deswegen in Deutschland Probleme bereiten könnte aber die Grundaussage, dass unsere Presse da mal sehen kann, was gewissenhafter Journalismus ist stimmt gerade in Bezug auf die Flüchtlingskrise, da dort von jeder politischen Richtung Polemik und Unseriösität zu sehen war.

  • Fain5

    Ja aber eben das ist doch das Problem, dass von Politik und Presse eben Asylkritiker und Asylpolitikkritiker in einen Topf geworfen werden, weil man in Deutschland alles, was unliebsam ist, nur als rechts bezeichnen muss, damit es in der Öffentlichkeit schlecht dar steht.

  • Bruno D.

    Leider habe ich befürchtet, dass jemand der "Gutmenschen" nun das Ganze natürlich in eine andere Richtung bewegen will. Von mir aus gerne. Aber da du ja nachvollziehbarer Weise soviel Wert auf Argumente, werd ich ein paar vorbringen.

    Ich arbeite im Übrigen in einem Berufsfeld, welches sich mit der Thematik tagtäglich auseinandersetzen muss.

    Und meiner Meinung nach liegt das Problem darin, dass die meisten Presseorgane zumeist die schlechte Unterbringung der Asylsuchenden, die unmenschlichen Zustände in deren Heimatländern, die Abneigung aller Ausländer des "gemeinen Pegida-Dämons", der ja an sich sofort ein Nazi sein soll - ich bitte dich Nazi, nur weil sie befürchten, wir könnten der Massen nicht Herr werden? - thematisieren

    Zu Punkt 1 - In Deutschland ist die Unterbringung gut..hier bei uns gibt es insgesamt 4 größere Asylantenheime und dutzende Privatanbieter. Die Versorgung ist gut. Leider sind die Bewohner zumeist sich selbst überlassen und wissen nicht, was sie den ganzen Tag über machen sollen, weil sie ja zum weder eine Ausbildung beginngen dürfen/dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen/Mitarbeiter zur Integrationshilfe fehlen.

    Zu Punkt 2 - stimmt, die bestehen auch in den Balkanstaaten, aber anstatt dem Land den Rücken zu kehren, sollten sie doch gemeinsam agieren bzw. die EU die Probleme vor Ort anpacken - allerdings wird das nicht passieren, da ja aufgrund der Staatssouveränität die jeweiligen Regierungen sich nicht in ihre Wirtschaftsprogramme reinpfuschen lassen (siehe Griechenland). Die Kriegsflüchtlinge verstehe ich vollkommen und würde nicht anders reagieren, genau deshalb tun sie mir so leid, da sie beiderseits instrumentalisiert werden.

    Zu Punkt 3 - Derzeit nimmt die Pegida-Bewegung zugegebenermaßen eine relativ gefährliche Richtung, das liegt aber nicht an den Teilnehmern, als vielmehr an den Organisatoren und Nutzniesern (AfD). Wie auf jeder Demo ist der Mob immer so dumm wie der Blödeste. Und wenn da mal ein verächtliches Bild von Merkel hochhält, steht er damit nicht für alle ein, sondern nur für sich selbst/eine kleine Gruppe. Leider wird die komplette Bewegung dann aber in die Bösemannschiene gedrängt.

    Im Übrigen verhält es sich so, dass die Bearbeitung/Aufnahme von Asylsuchenden in einem Abkommen, benannt nach einer irischen Hauptstadt, geregelt ist. Leider wurde dies außer Kraft gesetzt. Somit muss ich derzeit auch nur lachen, wenn unsere Regierungsbeauftragte bei einem öffentlichen Besuch ihren Östereichischen Amtskollegen hinsichtlch der guten Zusammenarbeit, bei der Zuschleusung von Asylsuchenden lobt. Ganz ehrlich? Das ist staatlich geförderte Schleusung (gemäß StGB ein Vergehen).

    Im Übrigen finde ich es vollkommen richtig Kriegsflüchtlinge aufnehmen..an den EU-Außengrenzen, die dann in ganz Europa verteilt werden sollen, wobei auch Deutschland seinen Anteil haben muss, welcher auch natürlich größer auszufallen hat, als zum Beispiel in Slowenien. Eigentlich ist das ja auch so geregelt, wurde aber von unserer Bundeskanzlerin außer Kraft gesetzt. Andere Länder machen eben ihre Grenzen dicht..tolles Europa.

    Auf der einen Seite wird die bayerische Regierung hinsichtlich ihrer Absicht die Grenzkontrollen wieder einzuführen, vom Kanzleramt gerügt, weil man ja Deutschland nicht umzäunen möchte. Auf der anderen Seite wird mit einem Verbrecherstaat geliebäugelt, er solle doch seine Grenzen hochziehen, dafür entlohne man ihn mit dem EU-Beitritt.

    Zudem betrachte ich es etwas kritisch, dass man Syrer den Afghanen/Irakern vorzieht. Warum? Sind Syrer Bessermenschen? Wenn schon, dann alle bitte gleich behandeln und auch Afghanen und Iraker sind Kriegsflüchtlinge, die sich leider notgedrungen als Syrer ausgeben müssen und an den Grenzen ihre Pässe wegwerfen, um eine gleichgelagerte Chance auf Asyl zu bekommen. Leider sind hierbei erneut die Syrer die Verlierer, da sie aufgrund dieser "Typisierung" von den Afghanen/Irakern gehasst werden, obwohl sie nichts dafür können.

    Die Probleme sind bekannt, nur werden sie nicht transparent gemacht.

    Und genau darin liegt die Gefahr. Der Unwissende, der sich von der Presse/der Regierung verarscht fühlt, gleitet schneller in eine gefährliche Richtung ab, als derjenige der von vorne bis hinten in beiderlei Richtung aufgeklärt wird.

    Oder warum liest vorallem bei Aufkommen des Problems nie etwas Negatives über das Problem, es sei denn es geht darum "Asylkritiker" pardon "Nazis" an den Pranger zu stellen? Ander Länder und auch EU-Ratsmitglieder kritisieren Deutschland öffentlich und lachen uns auch aus.

    Europa befindet sich ebenfalls auf einem gefährlichen Weg, wie die Wahlen in diversen Ländern zeigen.

    Also ich befürchte, dass uns da noch etwas Böses bevorsteht (ein Europa ausnahmsweise von Republikanern regiert), was man hätte verrmeiden können.

    Hoffentlich konnte ich meine Sichtweise nun etwas deutlicher klarlegen und die Argumente sollen ja nicht zum kompletten Umdenken bewegen, sondern lediglich dazu dienen, auch mal die andere Seite zu betrachten.

    Kurz - berechtigte Asylsuchende aufnehmen - Ja. Aber hierbei auch Gegensprecher mit ins Boot nehmen und sie an der Lösung aktiv beteiligen und das Problem international nach gängigen Vorschriften wieder anzupacken.

  • Fain5

    Du weisst aber schon, dass es den Meisten, die eine Grenze haben wollen nicht darum geht, denen die Hilfe brauchen diese zu versagen, sondern die anderen, die jetzt meinen, hier eine Karte fürs Schlaraffenland zu lösen und damit denen, die Hilfe brauchen es schwerer machen diese zu bekommen, einen Riegel vorzuschieben, oder?
    Übrigens bestätigst du mir mit deinem "ich bin nicht rechts aber..." Vorwurf genau das, was ich behauptet habe. Und selbst wenn sie rechts sind, dann heisst das noch längst nicht rechtsradikal, was aber leider von vielen gleichgesetzt wird. Deswegen fühlen sich viele Leute dazu genötigt, diese Floskel vor ihre Aussagen zu setzen.

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