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Die Sprache des Herzens
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Die Sprache des Herzens
Von Christian Horn
Mit der kauzigen Romanze „Die anonymen Romantiker“ landete Regisseur Jean-Pierre Améris 2010 einen veritablen Kinoerfolg. Nun wechselt der Regisseur das Register und pendelt in seinem neuen Film auf besonnene Weise zwischen kleinen Humoreinlagen und großer Tragik. Mit Erfolg: „Die Sprache des Herzens“, dessen französischer Originaltitel „Marie Heurtin“ weit weniger blumig klingt, gewann beim Filmfestival in Locarno 2014 den Publikumspreis. Die Kaspar-Hauser-artige Geschichte um eine junge Nonne, die dem taubstummen und blinden Mädchen Marie Heurtin den Kontakt zur Außenwelt eröffnen will, basiert auf einer wahren Begebenheit aus dem Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Mit einer überlegten Inszenierung der leisen Töne, bei der die stark gespielten Figuren eindeutig im Zentrum stehen, gelingt Jean-Pierre Améris ein berührendes Drama vor historischer Kulisse.

Frankreich im Jahr 1885: Das blinde, taube und stumme Mädchen Marie Heurtin (Ariana Rivoire) kommuniziert allein über den Tastsinn und wächst in völliger Isolation auf dem elterlichen Bauernhof auf. Als die überforderten Eltern Marie im Kloster Larnay unterbringen wollen, das auf Gehörlose spezialisiert ist, lehnt die strenge Oberin (Brigitte Catillon) das wilde und ungestüme Mädchen zunächst ab. Erst das anhaltende Drängen und Nachfragen der jungen Nonne Marguérite (Isabelle Carré) ermöglicht Marie den Umzug vom Land ins Kloster. Fortan setzt es sich Marguérite zum Ziel, Marie die Gebärdensprache beizubringen, indem sie dem Mädchen die zugehörigen Zeichen immer wieder mit dem Finger auf die Handinnenfläche schreibt. Anfangs laufen die Bemühungen jedoch ins Leere – Marie klettert lieber auf Bäume oder fällt unangenehm auf, weil sie das Benutzen von Essbesteck verweigert. Mit unermesslicher Geduld und Beharrlichkeit erreicht die selbst kränkelnde Marguérite aber schließlich erste kleine Fortschritte – und öffnet Maries eingesperrter Seele Stück für Stück ein Fenster zur Außenwelt.


Jean-Pierre Améris inszeniert die Beziehung zwischen Marguerite und Marie sehr behutsam. Immer wieder gibt es Szenen in der Natur und Momente völliger Stille. Die Kamera von Virginie Saint-Martin („Eine pornographische Beziehung“) bleibt dabei nah an den Darstellerinnen, insbesondere auf ihren Gesichtern. Die Filmmusik kommt sehr sparsam zum Einsatz, die sanften Streicherklänge passen gut zu der zarten Mutter-Tochter-Verbindung zwischen den beiden Hauptfiguren. Die Chemie zwischen der 14-jährigen Ariana Rivoire, die auch in Wirklichkeit taub ist, und Isabelle Carré („Wahnsinnig verliebt“) stimmt dabei von Anfang an. Vom ersten Herantasten über die Phase der gemeinsamen Erfolge bis zu dem Moment, in dem erstmals Marguérite auf Maries Hilfe angewiesen ist (und nicht umgekehrt), ist die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren stimmig, glaubhaft und von einer großen Nähe geprägt.

Die wahre Hauptfigur von „Die Sprache des Herzens“ ist nicht die titelgebende Marie Heurtin, sondern die von Isabelle Carré gespielte Nonne Marguérite. Zuerst setzt sich die junge Frau verbissen dafür ein, dass Marie im Kloster aufwachsen darf und anschließend müht sie sich ebenso konsequent damit ab, dem Mädchen die Gebärdensprache beizubringen. Über Marguérites Tagebuch-Aufzeichnungen wird zudem eine zusätzliche, sehr persönliche Perspektive auf das Geschehen eröffnet. Dass Marie schließlich ein großes Reservoir an Begriffen per Handzeichen vermitteln kann, obwohl sie nie einen Ton gehört oder etwas gesehen hat, kommt einem kleinen Wunder gleich, aber es erscheint auch als verdiente Belohnung für tiefes Engagement und Mitgefühl. Diese menschliche Dimension wird auch dadurch betont, dass hier bei aller Tragik und Emotionalität immer Raum für ein gewisses Maß an Humor bleibt. Schwerfällig oder bemüht kunstvoll erscheint der eigentlich recht schwere Stoff daher nie, sondern durchweg einnehmend und bewegend.

Fazit: „Die Sprache des Herzens“ ist ein berührendes und einfühlsames, intensiv gespieltes Drama nach einer erstaunlichen wahren Begebenheit.
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