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Babai
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Babai
Von Christoph Petersen
Beim Filmfest München 2015 hat Visar Morinas Flüchtlingsdrama „Babai“ in der Sektion „Neues Deutsches Kino“ gleich drei der vier Förderpreise abgeräumt: für die Regie, für das Drehbuch und für die Darsteller des zentralen Vater-Sohn-Gespanns. Nun ist das mit Festivalpreisen so eine Sache, denn oft genug zeichnen Jurys statt der „besten“ lieber die „wichtigsten“ Filme aus. Im Fall von „Babai“ fallen Qualität und Relevanz allerdings so perfekt zusammen wie selten: Zwar ist der Handlungshintergrund hier der Kosovo-Konflikt in den 90er Jahren, aber Themen wie die Flucht über tausende Kilometer oder der Umgang mit Flüchtlingen in Europa könnten kaum aktueller sein. Zugleich ist all das die Kulisse für eine mitreißende Vater-Sohn-Geschichte: Sogar vor einen fahrenden Bus schmeißt sich Nori (Val Maloku), um die Flucht seines Papas Gezim (Astrit Kabashi) nach Deutschland zu verhindern – so hat der Zuschauer schon nach wenigen Szenen verstanden, dass der zu allem bereite Zehnjährige ein viel größeres Hindernis für seinen fluchtwilligen Vater ist als alle betrügerischen Schleuserbanden und auf Paragraphen beharrenden Grenzbeamten zusammen.


Als dem Vater dann doch noch die Flucht gelingt (während sein Sohn im Krankenhaus liegt), ist für den Sprössling sofort klar: Da muss er jetzt eben hinterher! Dabei gibt es mit auf sich allein gestellten kindlichen Protagonisten häufig das erzählerische Problem (selbst in sehr guten Filmen wie „Jack“ oder „Winterdieb“), dass sie nur von den Erwachsenen um sich herum und den Enttäuschungen, die diese ihnen bereiten, angetrieben werden und kaum eigene Akzente setzen. Diese Sorge muss man bei Nori hingegen definitiv nicht haben: Er hat zwar keine Ahnung, worauf er sich einlässt (am Ende einer ersten Busfahrt fragt er, ob sie denn jetzt schon in Deutschland seien, dabei sind sie gerade mal in Mazedonien angekommen). Aber er ist immer Herr seines eigenen Schicksals – und wenn jemand versucht, ihn zu betrügen, dann wird er mit einem Stock verhauen, selbst wenn er doppelt so groß ist. Diese resolute Ader des Zehnjährigen hätte leicht zur Belustigung des Publikums eingesetzt werden können, aber hier gibt es höchstens mal das befreiende Lachen angespannter Zuschauer und auch dann wirken die entsprechenden Szenen immer natürlich. Dennoch gehen die Strapazen und die Ungewissheit selbst an diesem schweigsam-tapferen Nori nicht spurlos vorüber: Die Szene mit der Holztruhe und dem Nagel zählt ganz sicher zu den intensivsten (Alb-)Traumsequenzen des Kinojahres.

Fazit: Eine ungeheuer kraftvoll erzählte Flüchtlings-Odyssee mit einem herausragenden kindlichen Protagonisten.

Wir haben „Babai“ auf dem „14 Films Around The World“-Festival im Berliner Kino in der Kulturbrauerei gesehen.
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