Der Samurai
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Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion Der Samurai

4,0


Von Christian Horn

Der surreale Thriller „Der Samurai“ feierte als sogenanntes „Midnight Movie“ auf der 64. Berlinale seine Premiere, also in einer Programmsparte, die für Filme gedacht ist, die dem Genrekino frönen. Bei „Der Samurai“, dem dffb-Abschlussfilm von Till Kleinert, kann man diesen Befund sogar weitertreiben. Der junge Regisseur beweist eine starke, ungezügelte Lust am Genre, was im Kontext der deutschen Kinolandschaft, deren Fördersysteme und Verleiher kaum Interesse an Genrefilmen zeigen, durchaus beachtlich ist. Und die Mission gelingt: „Der Samurai“ ist ein Film aus Fleisch und Blut, der von einem unbedingten Stilwillen lebt, stets spannend bleibt und nach ganz eigenen Spielregeln funktioniert.

Ein kleines Dorf irgendwo in Brandenburg, unweit der polnischen Grenze: Hier lebt der junge Polizist Jakob Wolski (Michel Diercks), der sich nach Dienstschluss um seine Großmutter kümmert. Als zaudernder Außenseiter, dessen Eltern bereits verstorben sind und der oft zum Gespött der ansässigen Dorfjugend avanciert, führt Jakob ein zurückgezogenes Leben. Aktuell stiftet ein Wolf Unruhe, der die nahen Wälder durchstreift und die Anwohner gelegentlich besucht. Jakob scheint magisch angezogen von dem Tier und füttert den Wolf mit rohen Fleischstücken, die er in Plastiktüten ins Unterholz hängt. So weit so gut, doch eines Abends wütet ein Transvestit (Pit Bukowski) mit einem Samurai-Schwert durch die kleine Gemeinde. Jakob nimmt die Fährte des Wüterichs auf und muss immer mehr erkennen, dass der Aggressor auf fundamentale Weise mit ihm verbandelt ist.


Die verschwurbelte Story von „Der Samurai“ lässt sich in einer Inhaltsbeschreibung wie der obigen eigentlich nur sehr schwer und daher nur ungenügend zusammenfassen. Till Kleinert balanciert in jeder Sekunde scharf an der Grenze zwischen Imagination und Realität, driftet immer wieder ins Surreale ab und verankert das Geschehen im nächsten Moment wieder in der Realität. Immer wieder scheint sein Grusel-Thriller in einer bestimmten Lesart zu münden, hinter jeder Ecke könnte eine Erklärung für das mysteriöse, fast ausschließlich in dunkler Nacht stattfindende Geschehen lauern, doch es werden nie klare Antworten formuliert, sondern alles bleibt stets in der Schwebe. Es gibt unheimliche Telefonanrufe à la David Lynch („Lost Highway“), eine ganze Reihe von Enthauptungen mit stattlichen Blutfontänen, die aus einem japanischen Samuraifilm stammen könnten, und ein paar Rednecks, die als wandelnde Klischees durchs Hinterland stapfen.

Im Mittelpunkt stehen dabei jederzeit der „Held“ Jakob, der nicht so recht aus seiner Haut kann, und der namenlose Transvestit, der als eine Art Racheengel fungiert und die dörfliche Vorgarten-Idylle lustvoll zertrümmert: Ein kurzer, symbolisch stark aufgeladener Moment zeigt den auf einen Jägerzaun aufgespießten Kopf eines Gartenzwergs. Jakob fühlt sich trotz der ungebändigten Zerstörungswut auf seltsame Weise zu dem fremden Eindringling hingezogen – ganz so wie zu dem Wolf, der im Wald lebt. Der Gedanke, dass Jakob, der Wolf und der Transvestit im Grunde ein und dieselbe Person sind, sich gegenseitig überlagern und ergänzen, liegt nahe. Doch auch diese Interpretation bleibt über die volle Spielzeit im Bereich des Metaphorischen – die alles erklärende Szene, in der sich das Geschehen als Traum oder dergleichen entpuppt, bleibt glücklicherweise aus. Gerade für einen Debütfilm ist diese Konsequenz mehr als beachtlich: Wo viele zu viele andere Filmhochschüler Geschichten vom Reißbrett entwerfen und tunlichst darauf achten, die im Studium erlernten Regeln folgsam zu beachten, geht Till Kleinert seinen eigenen, sperrigen Weg.

Mit dem finsteren Wald, den einst die Hexen und Wölfe der Gebrüder Grimm bevölkerten, findet „Der Samurai“ auch einen deutschen Kulturort par excellence, der den Film als genuin deutschen Genrefilm auszeichnet. Und so kann man durchaus hoffen, dass Till Kleinert mit seinem nächsten Film weiter in diese Kerbe schlägt, denn mit „Der Samurai“ ist ihm nicht nur einer der stärksten einheimischen Debütfilme der vergangenen Jahre gelungen, sondern zugleich auch einer der potentesten Vorboten des neuen deutschen Genrefilms. Und auch wenn das noch lange nicht zu allen Fördergremien, Produzenten und Verleihern durchgedrungen ist: das deutsche Kino braucht die Lust am Genre und einen Hauch von Anarchie, damit es saftig bleibt.

Fazit: Eigenwilliger und konsequenter Debütfilm, der mit einer dichten Atmosphäre besticht und wagemutig auf Erklärungen verzichtet – ein unbedingt sehenswertes Schelmenstück.

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Kommentare

  • Sven - Deathcore

    Der Trailer und die Beschreibung sind so abstrus, dass der Film mich echt neugierig macht. Könnte ein guter deutscher Film werden. Ok, die Wörter ''Gut'', ''Film'' und aus ''Deutschland'' in einen Satz zu packen, ist natürlich schon sehr wagemutig, aber ich lass mich überraschen.

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