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Vergiss mein Ich
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Vergiss mein Ich
Von Constantin von Harsdorf
In seinem starken Kinodebüt „Über uns das All“ erzählte Jan Schomburg von einer Frau, die plötzlich ihren Partner verliert und sich mit Hilfe eines anderen Mannes zurück ins Leben kämpft. Trotz unterschiedlichem Ansatz thematisiert Schomburg auch in seinem neuen Film „Vergiss mein Ich“ eine ganz ähnliche Thematik: Hier ist es ein Mann, der seine Partnerin verliert, auch wenn sie körperlich weiterhin da ist. Eine retrograde Amnesie hat Lenas komplettes biografisches Gedächtnis ausgelöscht. Die Erinnerung an alle Details ihres bisherigen Lebens – und damit ihre Identität – ist verschwunden. Mit dieser spannenden Grundlage beginnt Schomburg seine Charakterstudie, kann dabei aber die Klasse des verheißungsvollen Beginns nicht lange durchhalten.

Mit einem Mal ist das biografische Gedächtnis von Lena Ferben (Maria Schrader) komplett verschwunden. Grund ist eine nicht diagnostizierte Gehirnhautentzündung, die eine retrograde Amnesie ausgelöst hat. Alle Erinnerungen an ihr bisheriges Leben sind weg, Lena beginnt noch einmal von vorne. Ihr Mann Tore (Johannes Krisch) ist ihr ebenso unbekannt wie Freunde und Familie. Lena versucht wieder der Mensch zu sein, der sie einmal war, doch in eine alte Hülle schlüpfen zu müssen, macht sie unglücklich. Anstatt eine vorgegebene Persönlichkeit anzunehmen, entwickelt sie langsam ihr neues Ich, auch wenn sie dadurch vieles hinter sich lassen muss…


Wer Deutschland regiert, oder wie die Hauptstadt von Frankreich heißt, kann Lena beantworten, ohne lange nachzudenken. Alles was mit ihrer Identität oder mit Emotionen zu tun hat, ist jedoch wie ausgelöscht. Das Vokabular besitzt sie, die Worte sind jedoch nicht mehr als leere Hüllen. Lena erkennt sich selbst auf Fotos nicht wieder, läuft befremdet durch die Zimmer, die einst ihr Zuhause waren. Gerade zu Anfang von „Vergiss mein Ich“ kreiert Regisseur Jan Schomburg aus dieser spannenden Ausgangslage immer wieder Momente von berührender Tragik: Wenn etwa Lena ihre Mutter, mit der sie vor ihrer Krankheit keinen Kontakt mehr hatte, im Altenheim besuchen möchte, entwickelt sich zu einer nun völlig unbekannten Frau schnell ein von liebevollen Gesten geprägtes Gespräch. – Jedoch wäre ihr diese Frau auch vor ihrem Gedächtnisverlust völlig unbekannt gewesen, es handelt sich nämlich gar nicht um ihre Mutter.

Geduldig erforscht Schomburg Lenas Innenleben, zeigt den enormen Druck der auf ihr lastet, denn ihr Mann Tore und der gemeinsame Freundeskreis versuchen beständig, sie in ihre alte Rolle zurückzudrängen. Je länger Schomburg seiner Hauptfigur dabei zusieht, wie sie verzweifelt versucht den Ansprüchen der anderen zu genügen, desto mehr tritt „Vergiss mein Ich“ jedoch auf der Stelle. Ausgerechnet die Szene, in der Lena schließlich aus diesem Teufelskreis ausbricht, ist eine der schwächsten des Films: Mit aufgemaltem Schnurrbart und einer Karte in der Hand irrt sie da durch die Straßen, um schließlich mit dem erst kürzlich kennen gelernten Roman (Ronald Zehrfeld) ihre Sexualität zu entdecken. Mit aufgerissenen Augen und überzeichneter Mimik wandelt Lena dabei hart am Rande der Karikatur. Nicht nur Lena weiß scheinbar nicht, wer sie ist, auch „Vergiss mein Ich“ ergeht es ähnlich: Nach starkem Beginn findet Jan Schomburg für seine Geschichte später keinen einheitlichen Ton mehr.

Fazit: Die Idee hinter „Vergiss mein ich“ ist faszinierend, doch gelingt es Regisseur Jan Schomburg nicht, das Potenzial der Geschichte über die gesamte Dauer hinweg auszureizen, wodurch mit zunehmender Dauer das Interesse für das ungewöhnliche Schicksal der Frau mit Gedächtnisverlust schwindet.

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