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    Der Anständige
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Der Anständige
    Von Christian Horn
    Heinrich Himmler war einer der mächtigsten Männer im Dritten Reich und trägt den zweifelhaften Beinamen „Architekt des Holocaust“. Ohne die von ihm befohlene Schutzstaffel „SS“, die Himmler im Verlauf seiner politischen Karriere immer weiter ausbaute, wäre die Logistik und Infrastruktur der „Endlösung“ kaum möglich gewesen. Die in Belgien geborene Regisseurin Vanessa Lapa, die seit vielen Jahren in Israel lebt, wirft in ihrem Dokumentarfilm „Der Anständige“ einen neuen Blick auf die Biografie Himmlers. Anhand neu aufgetauchter Dokumente aus dessen Nachlass, darunter zahlreiche private Briefe, entwirft Lapa im Zusammenspiel mit reichlich Archivmaterial das biographische Mosaik eines Mannes, der sich selbst als „anständig“ bezeichnete. Der Dokumentarfilm, der bei der Berlinale 2014 im Panorama zu sehen war, eröffnet damit eine neue Perspektive auf das Leben eines Mannes, unter dessen Befehl unfassbare Gräueltaten geschehen sind – und überlässt die Bewertung des Gezeigten allein dem Zuschauer.

    Heinrich Himmler wurde am 7. Oktober 1900 in bürgerlichen Verhältnissen in München geboren und verfiel zu Studienzeiten der Ideologie der Nationalsozialisten, der er bis zu seinem Freitod am 23. Mai 1945 treu blieb. Ab 1929 besetzte Himmler als SS-Chef eine zentrale Schlüsselposition in der NS-Hierarchie, die er nach der Machtergreifung zementierte. Während des Zweiten Weltkriegs hatte Himmler als oberster Chef der Waffen-SS auch die Kontrolle über die Konzentrationslager inne. Mit lange verschollenen Briefen und Tagebucheinträgen Himmlers, die über verschlungene Pfade in den Besitz der Familie von Vanessa Lapa gelangten, rekonstruiert die Regisseurin nun das Innenleben des ranghohen NSDAP-Mitglieds. In Kombination mit weiterem Archivmaterial, das aus insgesamt 151 Quellen stammt, entwirft ihr Film ein Psychogramm, das auch den damaligen Zeitgeist erfahrbar macht.


    Was „Der Anständige“ von den meisten Dokumentationen über das Dritte Reich wohltuend unterscheidet, ist der völlige Verzicht auf einen externen Kommentar, der das Gesehene für den Zuschauer einordnet. In Vanessa Lapas Film stehen alleine die Zitate aus Himmlers Briefen und Tagebüchern im Vordergrund, wobei Schauspieler Tobias Moretti („Das finstere Tal“) Himmler spricht, während Kollegin Sophie Rois („Drei“) dessen Ehefrau Marga vertont. Ähnlich wie bei „Das Himmler-Projekt“, wo Romuald Karmakar Zitate aus Himmler-Reden inszeniert, oder „Das radikal Böse“ von Stefan Ruzowitzky, wo Feldpostbriefe deutscher Soldaten historische Einblicke liefern, überlässt Vanessa Lapa in „Der Anständige“ die Bewertung des Inhalts ganz dem Betrachter. Dass sich Himmler, der in privaten Briefen gerne mit „Heini“ unterzeichnete, bis zuletzt als anständig wahrnahm, zeigt das in der NS-Führungsriege fehlende Unrechtsbewusstsein: Massenmord und Edelmut bilden in der Nazi-Ideologie keinen Gegensatz.

    Fazit: Ambitionierter Dokumentarfilm über Heinrich Himmler, der das Psychogramm eines NS-Mannes entwirft, der maßgeblich am Holocaust beteiligt war.

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