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    Sicario
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Sicario
    Von Carsten Baumgardt
    Der seit Jahrzehnten in ganz Mexiko und insbesondere auf beiden Seiten der Grenze zu den USA wütende, ultrabrutale Drogenkrieg ist filmisch schon aus allen möglichen Perspektiven beleuchtet worden. Dennoch findet der kanadische Regisseur Denis Villeneuve („Prisoners“, „Die Frau, die singt“) einen ungewöhnlichen Blickwinkel auf das Geschehen in der Krisenzone. In seinem knüppelharten Drogen-Thriller „Sicario“, der im Wettbewerb der 68. Filmfestspiele von Cannes 2015 seine Premiere feierte, steht mit der superben Emily Blunt als FBI-Agentin nämlich eine Frau an der Front dieses Krieges und erlebt einen wahren Höllentrip. Durch ihre Augen schildert Villeneuve die zwielichtigen Operationen der US-Geheimdienste: „Sicario“ ist ein mitreißender, unglaublich dicht inszenierter und auf die beste Weise ambivalenter Thriller.  

    42 in Hauswänden versteckte Leichen am Stadtrand von Phoenix, eine Explosion, eine leichte Kopfverletzung – das ist Alltag für die FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) und das S.W.A.T.-Team, dem sie angehört. Der undurchsichtige Geheimdienstler Matt Graver (Josh Brolin) bietet Macer schließlich an, Mitglied seiner Drogen-Spezialeinheit zu werden. Aus Neugier willigt sie ein, gemeinsam mit ihrem jungen Kollegen Reggie (Daniel Kaluuya) in den Kampf an der Drogenfront einzusteigen. Schnell fällt ihr auf, dass der zwielichtige Alejandro (Benicio Del Toro), ein ehemaliger Staatsanwalt aus Kolumbien, nicht von Gravers Seite weicht. In der mexikanischen Grenzstadt Juarez schnappt sich die Einheit ohne rechtliche Grundlage den hochrangigen Gangster Guillermo (Edgar Arreola), der sie wiederum zu Manuel Diaz (Bernardo P. Saracino) führen soll, dem Statthalter des gejagten Sonora-Kartells in den USA. An der Grenze gerät Gravers Truppe dann allerdings in einen Hinterhalt…


    „Sicario“ (der Name steht im mexikanischen Kartell-Slang für Auftragskiller) ist ähnlich dicht und packend inszeniert wie Denis Villeneuves voriger Film „Prisoners“. Der Regisseur etabliert bereits mit der elektrisierenden Eröffnungssequenz in Phoenix eine krachende Dynamik und sorgt fortan für permanente Spannung, wobei die rauschhafte Kidnapping-Sequenz im pulsierenden  Suarez („das Biest“) und das furiose Finale in einem Schmugglertunnel weitere Höhepunkte darstellen.  Dieser Schluss sticht mit seiner grandiosen Nachtsichtoptik auch visuell hervor – überhaupt ist die Kameraarbeit von Roger Deakins („Skyfall“, „Prisoners“) wieder einmal herausragend.  Die Handlung wird unterdessen geprägt von breitbeinigen Machoattitüden und fatalistischen Onelinern: Im Prinzip ist „Sicario“ klassisches Harte-Männer-Kino, aber Villeneuve schmuggelt listig eine toughe Amazone als Identifikationsfigur in das Szenario ein und mischt die Genrekarten damit neu.

    Für die weibliche Perspektive musste der Regisseur allerdings hart kämpfen: Die Studiobosse beharrten zunächst auf einem männlichen Protagonisten, ehe Villeneuve schließlich doch Emily Blunt engagieren konnte. Dieser Besetzungscoup erweist sich schließlich als wesentliche Qualität des Films, denn Blunt („Edge of Tomorrow“, „Looper“) ist als Frau, die sich energisch in einer Männerwelt zu behaupten sucht, einfach großartig und kommt nahezu an Jessica Chastains Darbietung in „Zero Dark Thirty“ heran. Diese Kate Macer zeigt nicht nur Härte, sondern auch Verletzlichkeit und so bleibt der Zuschauer auch dann auf ihrer Seite, als sie auf ihrer Reise in das Herz der Finsternis jede Orientierung verliert und schließlich kaum noch zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Ein ähnliches Gefühl beschleicht auch den Betrachter angesichts der zutiefst ambivalenten Parallelwelt von „Sicario“ – die Amerikaner (und damit natürlich auch die US-Politik) kommen dabei insgesamt alles andere als gut weg.

    Der zwielichtige Agent Graves ist eine recht klischeehafte Figur, wird aber von Josh Brolin („No Country For Old Men“, „Milk“) charismatisch dargestellt. Der selbstbewusste Hardliner in Flipflops hat scheinbar die Coolness erfunden, er ist in seiner rücksichtslosen Art aber auch sehr berechenbar.  Der von den USA angeheuerte Vollstrecker Alejandro ist da wesentlich schwerer zu durchschauen, Benicio Del Toros („Traffic“, „Die üblichen Verdächtigen“) gibt diesem wendigen Folterknecht im Dienste der vermeintlich guten Sache eine brutal-gefährliche Aura. Eines wird in „Sicario“ ganz klar: In diesem schmutzigen Krieg sind die Mittel der Amerikaner kaum weniger brutal als die der Drogengangs – Gesetze sind da nur noch Papiertiger. Und damit scheint etwas von der geopolitischen Komplexität eines schier unlösbaren Konflikts durch das Genregewand dieses spannenden Thrillers.
     
    Fazit: Denis Villeneuves knallhart-packendem Drogen-Reißer „Sicario“ können auch einige Genreklischees kaum etwas anhaben.
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