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Timbuktu
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Timbuktu
Von Michael Meyns
Timbuktu. Einer jener mythischen, sagenumwobenen Orte, der auch für diejenigen, die noch nie die lange und immer noch beschwerliche Reise in den Norden Malis an den Rand der Sahara auf sich genommen haben, vielfältige Bilder und Ideen evoziert. Handelswege kreuzten sich hier, Karawanen fanden Unterschlupf, Forschungsreisende suchten lange nach der legendenumwobenen Stadt. Vor einigen Jahren wurde Timbuktu von Terroristen beherrscht, die das islamische Gesetz einführten, die Scharia. Von dieser Zeit erzählt der in Frankreich lebende, in Mauretanien geborene und in Mali aufgewachsene Regisseur Abderrahmane Sissako in seinem neuen Film „Timbuktu“. Mit bitterer Ironie schildert er in dem dokumentarisch angehauchten Drama die Absurdität des strengen Islamistenregimes, vor allem erzählt er aber von der zerstörten Einheit einer Stadt, die nach jahrzehntelangen Konflikten gerade erst zur Ruhe gekommen war.

Der Nomade Kidane (Ibrahim Ahmed) lebt mit seiner Familie in den Dünen außerhalb von Timbuktu. Eines Tages lässt sein Sohn eine Kuh in die Netze des Fischers Amadou laufen, der das Tier wutentbrannt tötet. Trotz der Beschwichtigungsversuche seiner Frau Satima (Toulou Kiki) will Kidane dies nicht auf sich sitzen lassen, stellt Amadou zur Rede und tötet ihn aus Versehen. So gerät Kidane in die Fänge eines Terrorregimes, das Timbuktu beherrscht und die Scharia, das islamische Gesetz, einführt: Singen, Tanzen, Musik, öffentliche Versammlungen und vieles mehr sind nach diesen Regeln verboten, was immer wieder zu drakonischen Strafen führt. Wer sich gegen die religiösen Fundamentalisten zur Wehr setzt, wird zumindest mit Peitschenhieben bestraft, wenn nicht gar mit dem Tod.


Vielfältige Interessen stoßen in Timbuktu, der im Norden Malis am Rand der Sahara gelegenen Oasenstadt aufeinander: Vor allem die Tuareg, ein Nomadenvolk, lieferten sich jahrzehntelang Auseinandersetzungen mit den Kolonialbehörden und anschließend auch mit der nach der Unabhängigkeit Malis installierten Regierung. Erst 1996 war der offene Konflikt beendet worden und seitdem lebten die verschiedenen Volksgruppen mit ihren unterschiedlichen Traditionen weitgehend friedlich nebeneinander. Erst das Auseinanderbrechen des Nachbarstaates Libyen veränderte die Situation: Durch die kaum unter Kontrolle zu haltende Grenze der beiden Staaten, die durch die Sahara verläuft, gelangten Waffen und Terroristen nach Mali. Die Gruppen, die zum Teil auch mit Al Qaida verbunden waren, kooperierten zunächst mit den Tuareg, doch bald nach der Eroberung Timbuktus errichteten die Islamisten Anfang 2012 einen fundamentalistischen Staat, der im März 2013 durch internationale Truppen zumindest vorläufig besiegt wurde.

Vor diesem Hintergrund legt Abderrahmane Sissako seinen Film als Fresko von Beobachtungen mit der Geschichte von Kidane und seiner Familie als losem roten Faden an. Die einzelnen Szenen zeugen mal auf satirisch-ironische, mal auf bitter-melancholische Weise von den Veränderungen, die Timbuktu für kurze Zeit beherrscht haben. Mit feinem Humor deutet Sissako dabei die Absurdität und Widersprüchlichkeit vieler Regeln der Scharia an, etwa wenn es um das Verbot von Musik und Gesang geht. Was ist, wenn jemand religiöse Verse singt, die Allah preisen? Manchmal wissen sich die Einwohner zu helfen, etwa die Jugendlichen, die in einer der schönsten Szenen mit einem nur in der Vorstellung existierenden Ball Fußball spielen, denn das echte Spielgerät ist ebenfalls verboten.

Doch neben solchen ironischen Momenten steht die Tragik einer Stadt, in der die verschiedenen Volksgruppen ohnehin oft nur in einem brüchigen Frieden leben. Besonders eklatant kommt dies im Konflikt zwischen Kidane und Amadou zum Tragen, die als Nomade und sesshafter Fischer zwei konträre Lebensformen repräsentieren. Die Gewalt, die durch die Präsenz der Islamisten wieder Einzug in Timbuktu gehalten hat, macht eine friedliche Lösung eines an sich nicht wirklich dramatischen Konflikts kaum mehr möglich. Erst wird eine Kuh, dann ein Mensch getötet, die Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter. Für den Moment ist in Timbuktu zwar wieder Ruhe eingekehrt, doch wie Sissako in seinem außerordentlichen Film andeutet: Der Frieden ist brüchig, es wird lange Zeit brauchen, um das durch die Islamisten zerstörte Zusammenleben wiederherzustellen und so etwas wie Normalität zu erreichen.

Fazit: In seinem teils melancholischen, teils ironischen Film „Timbuktu“ erzählt Abderrahmane Sissako von der kurzen Phase, in der die Oasenstadt in Mali von islamischen Fundamentalisten beherrscht wurde und deutet in lyrischen Bildern an, welche vielfältigen Zerstörungen diese hinterlassen haben.
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