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    Das Verschwinden der Eleanor Rigby
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Das Verschwinden der Eleanor Rigby
    Von Carsten Baumgardt
    Erstlingswerke sind meist von großen Ambitionen geprägt – aber das, was sich der New Yorker Columbia-University-Absolvent Ned Benson bei seinem Kinodebüt vorgenommen hat, sprengt den Rahmen des gewöhnlichen Ehrgeizes: Sein herzergreifendes Romantik-Drama „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ besteht insgesamt aus gleich drei verschiedenen Filmen zur selben Geschichte einer großen Liebe. Zunächst erzählt er sie einmal aus männlicher Perspektive („The Disappearance Of Eleanor Rigby: Him“) und einmal aus weiblicher Sicht („The Disappearance Of Eleanor Rigby: Her“), wobei diese beiden Varianten als in beliebiger Reihenfolge anschaubares Doppelprogramm gedacht sind, ehe er schließlich noch eine „gemeinsame“ dritte Version („The Disappearance Of Eleanor Rigby: Them“) erstellte. Dieser zweistündige Zusammenschnitt von „Him“ und „Her“ kommt jetzt als „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ in die deutschen Kinos. Dieser letzten Fassung fehlt zwar der Experimentcharakter, aber die Figuren sind immer noch extrem stark und die Geschichte an sich ist in dieser klassisch strukturierten Form vielleicht sogar noch berührender.

    Die New Yorkerin Eleanor Rigby (Jessica Chastain) verfällt nach dem traumatischen Verlust ihres kleinen Sohns in eine schwere Depression. Sie bricht den Kontakt zu ihrem geliebten Ehemann Conor (James McAvoy) komplett ab und wehrt auch seine Bemühungen, wieder mit ihr in Verbindung zu treten, rigoros ab. Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch zieht Eleanor wieder bei ihren Eltern Julian (William Hurt) und Mary (Isabelle Huppert) sowie ihrer Schwester Katy (Jess Weixler) ein. Sie schreibt sich am College ein und freundet sich mit ihrer Dozentin Professor Lillian Friedman (Viola Davis) an. Conor kämpft unterdessen nicht nur mit dem Zerbrechen seiner Ehe, sondern als Betreiber einer Bar auch mit schlecht laufenden Geschäften. Er flüchtet aus dem gemeinsamen Apartment und kommt vorübergehend bei seinem Vater Spencer (Ciarán Hinds) unter, obwohl beide ein sehr distanziertes Verhältnis zueinander pflegen.


    Es war keineswegs die Idee des berüchtigten Produzenten Harvey „Scissorhand“ Weinstein, der den nordamerikanischen Verleih der Filme übernommen hat, neben dem 190-minütigen Doppelwerk „Him“ und „Her“ eine konventioneller erzählte und auf Standardlänge zurechtgestutzte Best-of-Version herauszubringen. Vielmehr hat Regisseur Neil Benson selbst diese kondensierte einteilige Fassung nachgeschoben und ihm ist es gelungen, das allerwichtigste Element seiner Geschichte unbeschadet zu erhalten: den atemberaubenden emotionalen Herzschlag. Die Intensität der Gefühle, die hier zum Ausdruck kommt, ist ungewöhnlich und der Zuschauer wird auch in dieser leichter zugänglichen und mit großer Klarheit in wechselnden Perspektiven erzählten Synthese aktiv gefordert. Benson baut seine Geschichte sorgsam auf, verzichtet auf dramaturgische Zuspitzungen und kommt häufig mit bloßen Andeutungen aus. Erst nach und nach entsteht in diesem ruhig vorwärtsfließenden Film ein genaueres Bild der Lebenssituation der Protagonisten, bis irgendwann auch der Auslöser für ihr Unglück benannt wird. Dabei verkneift sich Benson sensationslüsterne Einzelheiten – die hat er auch gar nicht nötig, denn die herausragenden Darsteller machen die Ausnahmesituation, in der sich Eleanor und Conor befinden, auch ohne genaue zeitliche Verortung und andere Details, von Anfang an spürbar.

    James McAvoy („Der letzte König von Schottland“, „X-Men: Erste Entscheidung“) spielt den charmanten Heißsporn Conor, der alles daran setzt, wieder zu seiner abgekapselten Frau durchzudringen, mit viel Energie und großer Natürlichkeit. Zunächst einmal hat der impulsive Ehemann die Sympathien auf seiner Seite, weil kein Grund zu erkennen ist, warum sich Eleanor so abweisend verhält. Sie wirkt wie ein scheues, schwer verletztes Reh, das erst durch die Arbeit am College ganz langsam wieder auf die Beine kommt. Jessica Chastain („Tree Of Life“, „The Help“), eine der besten Schauspielerinnen ihrer Generation (und um einen Oscar für ihre Meisterleistung in „Zero Dark Thirty“ betrogen), verkörpert perfekt die Fragilität einer Frau, die vom Verlust ihres Kindes völlig aus der Bahn geworfen wird. Obwohl diese Konstellation im Kino wahrlich nichts Neues ist, entfaltet sie hier dank Chastains intensiver Darbietung und Bensons behutsam-subtiler Inszenierung eine geradezu niederschmetternde Wirkung. Auch die extremsten Reaktionen auf den schockierenden Kindstod werden hier nachvollziehbar und ein Gefühl von unendlicher Traurigkeit durchzieht in den entsprechenden Szenen den Film.

    Aber trotz dieser Trostlosigkeit ist „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ ein Plädoyer für die Liebe. Regisseur Ned Benson eröffnet den Film mit einigen Bildern aus den glücklichen Tagen des Paares und kommt erst danach zum Status quo sieben Jahre später, als alles in Trümmern liegt. Dieser Kontrast lässt die Tiefe der Gefühle und der Verletzungen schnell erahnen, umso berührender sind daraufhin die Schritte der sanften Annäherung, die kleinen Funken dezenter Hoffnung. Die Szenen zwischen Chastain und McAvoy sprühen dabei förmlich vor Kraft und Energie, aber auch die Nebendarsteller stehen ihnen kaum nach, so wie William Hurt („A.I.“, „Into The Wild“) als Eleanors strenger, aber gutmütiger Vater und Isabelle Huppert („Die Klavierspielerin“, „Liebe“) als kettenrauchende Rotweintrinker-Mutter, die geduldig versuchen, ihre Tochter zurück ins Leben zu führen, während sie selbst fürchterlich unter dem tragischen Ereignis leiden. Auch das nuancierte Spiel von Ciarán Hinds („München“) als Conors Vater ist bemerkenswert. Trotz seiner Reserviertheit ist dieser Spencer seinem Sohn eine Stütze und jederzeit bereit, alles Nötige für ihn zu tun. Und so ist „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ nicht nur ein Film über die Liebe und ihr Zerbrechen, sondern auch eine Erzählung über das Elternsein.

    Und so lässt sich allein anhand des eigenständigen dritten Films eines außergewöhnlichen Projekts schon behaupten, dass Bensons Debüt zu den bemerkenswertesten Einständen der vergangenen Jahre gehört. Seine im klassischen Independent-Stil inszenierte Liebesgeschichte, zu der Kameramann Christopher Blauvelt („Night Moves“, „The Bling Ring“) die passenden Bilder gedämpfter Stimmung beisteuert, funktioniert auch als Einzelfilm bereits wunderbar. Der Gesamtentwurf wiederum ist in seiner Ambition durchaus mit ähnlichen mehrteiligen Multi-Perspektiven-Erzählungen wie Krzysztof Kieslowskis berühmter „Drei Farben“-Trilogie oder dem filmischen Triptychon „Ein tolles Paar“, „Auf der Flucht“ und „Nach dem Leben“ von Lucas Belvaux vergleichbar - nur was hat das alles mit den Beatles zu tun? Der Song „Eleanor Rigby“ kommt in den Filmen nicht einmal vor. Aber Regisseur Benson ging es laut eigener Aussage darum, ein Werk zu kreieren, das die Traurigkeit und die ganz besondere Stimmung des Liedes einfängt: „All the lonely people, where do they all come from?“ Und er ergründet dieses Gefühl der Einsamkeit in der Figur seiner ganz persönlichen Eleanor Rigby.

    Fazit: Das tieftraurige Liebesdrama „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ ist wunderbar gespielt und einfühlsam inszeniert. Nebenbei gehört es zu einem bemerkenswerten mehrteiligen Erstlingsprojekt, das Regisseur Ned Benson als spannende neue Kraft im US-Independent-Kino etabliert.
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    Kommentare

    • sky_erosion
      Das Projekt klingt in seiner Gänze wirklich interessant, aber ich kann verstehen, dass dann dieser konventionelle Zusammenschnitt dann in einer Einzelbetrachtung etwas an dieser Größe verliert. Rabbit Hole verbindet in einer meisterlichen Art zwei komplett unterschiedliche Herangehensweisen an die Trauer in einem Film. Ich stelle mir da dann eher das Doppel-Feature mit 190 Minuten (Him und Her) als ähnliche Meisterleistung aufgrund der verschiedenen Sichtweisen vor, wobei dann bei einem Zusammenschnitt einiges verloren und bei der ein oder anderen Regie-Entscheidung die Prägnanz, die Rabbit Hole so ausmachte (und das Doppel-Feature vielleicht auch) fehlt. Das fiel mir jetzt so ein, wenn man über das Zwischenzeilige der Kritik so nachdenkt. Ich bin dann mal gespannt darauf, ob, wann und mit welcher Bewertung die anderen beiden Teile (evtl. auch zusammen) hier besprochen werden.
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