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    Tatort: Paradies
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Tatort: Paradies
    Von Lars-Christian Daniels
    So viele Wochen mussten die „Tatort“-Fans schon lange nicht mehr auf eine neue Ausgabe ihres Lieblingskrimis warten: Bedingt durch die (immerhin sehr erfolgreich endende) Fußball-WM und die anschließende Sommerpause hieß es von Seiten der ARD zunächst, man werde Anfang August 2014 mit einer neuen „Tatort“-Folge auf Sendung gehen. Wenige Wochen später ruderte der Senderverbund allerdings zurück und gab bekannt, dass einige für den Herbst geplante Krimis nicht rechtzeitig fertig würden. Die Sommerpause verlängerte sich dadurch noch einmal um stolze vier Wochen. Immerhin: Anders als 2012 und 2013, als man jeweils mit einer schwachen Folge aus der Schweiz ins zweite Halbjahr startete, kommt der erste Fadenkreuzkrimi der Rückrunde 2014 diesmal aus Österreich und fällt zwar nicht unbedingt spannender, dafür aber deutlich kurzweiliger aus. „Tatort: Paradies“ von Regisseur Harald Sicheritz („Hexe Lilli – Die Reise nach Mandolan“) passt perfekt in die ausklingende Ferienzeit, weil auch die gestressten Wiener Kommissare einen gemeinsamen Spontan-Urlaub für Ermittlungen nutzen, statt sich endlich mal eine wohlverdiente Auszeit zu gönnen.

    Eigentlich will Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser) sich gerade von ihrem Kollegen Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) in den Urlaub nach Kreta verabschieden, als am Flughafen ihr Handy klingelt und man ihr eine traurige Nachricht überbringt: Bibis verarmt lebender Vater Werner, der seine letzten Tage in einem Seniorenheim fristet, liegt im Sterben. Die Ermittlerin sagt den Griechenland-Trip kurzerhand ab und braust mit Eisner in die Steiermark, um ihrem Erzeuger, zu dem sie kein gutes Verhältnis hat, am Sterbebett Lebewohl zu sagen. Ihr Vater ist jedoch nicht der Einzige, der das Seniorenheim im Sarg verlässt: Ein weiterer Rentner ist wenige Tage zuvor eines offenbar natürlichen Todes gestorben. Die Überraschung ist groß, als die Wiener Ermittler, die eigentlich Ferien haben und vor Ort privat auf Spurensuche gehen, in einem Schließfach von Fellners Vater eine große Menge Bargeld finden. Woher stammt es? Die Spur führt zurück ins Heim – denn dort bessern sich offenbar viele Senioren ihre schmale Rente damit auf, bei organisierten Bustouren ins nahegelegene Ungarn Medikamente einzukaufen und über die Grenze zu schmuggeln…


    Das ist ja wie bei 'Breaking Bad'“, stellt Sektionschef Ernst Rauter (Hubert Kramar) überrascht fest, als ihm Eisner, Fellner und die örtlichen Kollegen ihre Ermittlungsergebnisse präsentieren. Rein thematisch liegt er damit goldrichtig: Dass beim groß angelegten Medikamentenschmuggel über die ungarisch-österreichische Grenze irgendwann auch Crystal Meth eine entscheidende Rolle spielt, weckt bei Kennern der vielfach preisgekrönten US-Serie sofort Erinnerungen an Heisenberg und Pinkman. Der Unterschied: Anders als in dem von Fans und Kritikern gefeierten Serien-Hit ist die Geschichte um den Einkauf und Vertrieb der gefährlichen Chemie-Droge im „Tatort: Paradies“ erwartungsgemäß deutlich seichterer Natur und die Gangart wesentlich ruhiger. Leichen gibt es dennoch: Anders als bei den sonst üblichen Auftakttoten der Krimireihe sterben die Senioren diesmal einen natürlichen Tod – da verwundert es nicht, dass die erste Filmstunde fast ohne jeden Ausschlag der Spannungsamplitude vor sich hin plätschert. Stattdessen nutzt Drehbuchautor Uli Brée („Tatort: Abgründe“) die Anfangsphase für Charakterzeichnung: Bibi Fellner berichtet ausführlich über ihre unglückliche Kindheit und gewährt dem Zuschauer damit tiefe Einblicke in ihr Seelenleben – nicht nur für Fans des Wiener „Tatort“-Duos sind diese selbstreflexiven Sequenzen hochinteressant.

    Die Spannung köchelt also lange auf Sparflamme – doch das Krimidrama ist dank des blendend aufgelegten Ermittlergespanns dennoch sehenswert. Eisner und Fellner zeigen sich einmal mehr in Höchstform und harmonieren bei ihren regelmäßigen Streitgesprächen ebenso prächtig wie in den nachdenklicheren Momenten. „Bei manchen Teams wird gestritten, wer die Pointe in einer Szene sagen darf – das geht uns am Hintern vorbei", gab Schauspielerin Adele Neuhauser („3faltig“) einer deutschen Zeitung kürzlich im Interview zu Protokoll – und das tolle Verhältnis zu ihrem Leinwandpartner Harald Krassnitzer („Unter Strom“) spürt man auch im „Tatort: Paradies“ in jeder Szene. Ganz gleich, ob Major Fellner („Sieht man doch, dass ich gestört bin!“) ihrer besseren Hälfte – gemeint ist damit wohlgemerkt nicht Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz), der einen gewohnt amüsanten Kurzauftritt hinlegt – ihr Herz ausschüttet, Eisner sich mal wieder über ihren eigenwilligen fahrbaren Untersatz aufregt oder die beiden sich mit ihrem Vorgesetzten in die Haare kriegen: Im Wiener „Tatort“ stimmt die Chemie, und das entschädigt beim ansonsten recht konstruiert wirkenden Ausflug in die Steiermark für einige Logiklöcher und Längen.

    Ein Sonderlob gebührt dem glänzend aufspielenden Branko Samarovski („Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“) als kauziger Ruheständler Reinhard Sommer, der von Eisner kurzerhand reaktiviert wird und als Undercover-Ermittler im Seniorenbus auf Spurensuche geht: Sommer stiehlt mit seinem trockenen Humor, seiner ausgeprägten Vorliebe für Bier und Knödel und seinem gewitzten Naturell eine ganze Reihe an Szenen und mausert sich schnell zum Publikumsliebling. Die übrigen Senioren, die sich mit dem lukrativen Nebenverdienst im Nachbarland ihre schmale Rente aufbessern müssen, bleiben vergleichsweise blass: Die gemütlichen Kaffeefahrten und Apothekenszenen erinnern oft eher an harmlose Rentnerkomödien im Stile von „Das Beste kommt zum Schluss“ oder „Bis zum Horizont, dann links“ als an hochdramatische Serienhits wie „Breaking Bad“. Der guten Unterhaltung tut das nur bedingt Abbruch: Moritz Eisner und Bibi Fellner könnten ihren Urlaub wahrscheinlich auch neunzig Minuten am Strand verbringen oder sich über die Wassertemperatur im Pool streiten – man käme als Zuschauer dank der markigen Dialoge und der amüsanten Frotzeleien dennoch auf seine Kosten.

    Fazit: Gemütliche Kaffeefahrt statt „Breaking Bad“ – das humorvoll angehauchte Krimidrama „Tatort: Paradies“ thematisiert zwar Crystal Meth und Medikamentenschmuggel, punktet aber eher mit sympathischen Charakteren als mit einer cleveren Geschichte und einer steilen Spannungskurve.
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    Kommentare

    • Der Eine vom Dorf
      Nach der vierten Staffel "The Wire" müsste ich qualitativ gesehen die Tatorte ebenfalls meiden. Aber die Macht der Gewohnheit ist eben stärker und da stört es nicht, wenn die deutsche Krimireihe in einer anderen Liga spielt als meine derzeitige US-Serie.Hätte dem Fall von gestern auch 6/10 gegeben, jedoch einen Vermerk auf den konsequenten Schluss ergänzt. Dieser passte nämlich sehr sehr gut.Ach und danke, dass ihr weiterhin Tatort-Kritiken verfasst. :)
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