Mein FILMSTARTS
Tatort: Die letzte Wiesn
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Tatort: Die letzte Wiesn
Von Lars-Christian Daniels
Stolze 16 Dienstjahre mussten die Münchner Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) darauf warten, bis sie 2007 im „Tatort: A gmahde Wiesn“ erstmalig ein wenig Oktoberfest-Luft schnuppern durften. Doch Volksfeststimmung kam dabei keine auf: Regisseur Martin Enlen beleuchtete in seinem Krimi den beinharten Konkurrenzkampf um die besten Plätze auf der Theresienwiese, statt Ermittlungen im Festzelt oder an der Schießbude zu zeigen. In Marvin Krens „Tatort: Die letzte Wiesn“ ist dies ganz anders: Pünktlich zum Oktoberfest-Start 2015 stürzen sich Batic und Leitmayr ins ausgelassene Festzeltgetümmel und suchen zwischen Bierbänken und Zapfanlagen nach einem Serientäter. Überzeugend ist der Krimi aber nur bedingt: Der 70. Einsatz der Münchner Kommissare punktet zwar mit authentischer Wiesn-Atmosphäre und stimmungsvollen Schunkelbildern, doch das Drehbuch lässt die Klasse vieler anderer „Tatort“-Folgen aus der Isarstadt vermissen.

Wie in jedem Herbst verlässt der Münchner Hauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) die Stadt: Den Wiesn-Trubel erträgt er einfach nicht. Seine Wohnung vermietet er vorübergehend an zwei schwedische Studentinnen und fährt nach Italien, um ein paar Tage auszuspannen. Doch der Urlaub währt nicht lange: Sein Kollege Ivo Batic (Miroslav Nemec), der während des Oktoberfests seine kroatischen Tanten bei sich einquartiert hat, ruft Leitmayr zurück. Auf der Geldbörse eines tot aufgefundenen Festbesuchers wurden seine Fingerabdrücke sichergestellt. Leitmayr hatte den offenbar sturzbetrunkenen Italiener auf dem Weg zum Bahnhof angesprochen und ihm sein Portemonnaie zurück in die Tasche geschoben. Obduktionsbericht und Tox-Screening ergeben, dass der Tote nur 0,7 Promille Alkohol im Blut hatte – die Ursache für seinen desolaten Zustand war nicht das Bier, sondern Liquid Ecstasy, kurz „GHB“. Im Festzelt von Wiesn-Wirtin Kirsten Moosrieder (Gisela Schneeberger) häufen sich die GHB-Fälle plötzlich rapide. Ist ein Serientäter am Werk, der den Feiernden die Droge ins Bier mischt? Batic und Leitmayr wagen sich an die Front...




Dreharbeiten auf dem Oktoberfest sind naturgemäß kein leichtes Unterfangen: Filmemacher und Horror-Spezialist Marvin Kren („Blutgletscher“), der für den NDR zuletzt den „Tatort: Kaltstart“ und den „Tatort: Die Feigheit des Löwen“ inszenierte, drehte 2014 im „echten“ Wiesn-Trubel. Dass Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl, die seit fast 25 Jahren für die Krimireihe im Einsatz sind, dabei immer wieder von Besuchern erkannt wurden, erschwerte die Angelegenheit ebenso wie die Tatsache, dass bei nächtlichen Drehs im Festzelt hunderte nüchterne Komparsen auf Knopfdruck ausgelassene Stimmung simulieren sollten. Zu spüren ist von diesen schwierigen Bedingungen nichts: Der 956. „Tatort“ punktet mit authentischen Volkfest-Bildern, bei denen Kren den Zeitdruck und die physischen Anforderungen an die gestressten Servicekräfte fein herausarbeitet. Eher albern wirkt der urbayrische Jung-Assistent Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer), der in Lederhosen auf dem Präsidium aufschlägt – die Mutmaßungen von Fallananalytikerin Christine Lerch (Lisa Wagner) hingegen vermitteln den Eindruck, dass diese Figur aus dem Stammcast noch irgendwie im Krimi untergebracht werden musste.

Batic und Leitmayr suchen unter tausenden in Trachten gekleideten Wiesn-Besuchern die Nadel im Heuhaufen – ein ebenso unübersichtliches wie reizvolles Wimmelbild-Szenario, dessen Potential die Filmemacher aber nur bedingt ausschöpfen. Mit dem überzeichneten Einzelgänger Arthur Graensel (Julius Feldmeier), der sich mit Kopfhörern und unerschütterlich ernster Miene sofort vom „Atemlos“-gröhlenden Bierzelt-Volk abhebt, ist der Hauptverdächtige schnell gefunden. Nennenswertes Profil verleihen die Filmemacher dem einsamen U-Bahn-Fahrer allerdings nicht, und ein nächtlicher Besuch in dessen Wohnung – Auftritt einer weißen Taube inklusive – driftet gar in unfreiwillige Komik ab. Deutlich gelungener ist da eine unangekündigte Stippvisite bei Leitmayr: Seine schwedischen Zwischenmieterinnen bleiben auf dem Oktoberfest erwartungsgemäß nicht lange allein und verwandeln die heimischen vier Wände des Kommissars in ein Schlachtfeld. Dass beim Kollektivschlaf der Übernachtungsgäste im Hintergrund ausgerechnet der „Tatort“-Vorspann über eine Leinwand flimmert, wirkt eher bemüht als witzig – amüsanter fällt da eine morgendliche Begegnung im Badezimmer aus.

Diese heiteren Sequenzen bringen die Geschichte unter dem Strich aber ebenso wenig voran wie der Besuch der kroatischen Tanten, der zu einer feuchtfröhlichen Gartenrunde bei Batic führt und die Erklärung für den Krimititel „Die letzte Wiesn“ liefert. Die Drehbuchautoren Stefan Holtz („Bang Boom Bang“) und Florian Iwersen („Morgenland“) verlieren sich oft in Nebenkriegsschauplätzen und vernachlässigen dabei die Charakterzeichnung bei ihren Figuren. Besonders deutlich zeigt dies der uninspirierte, wenn auch mit viel Lokalkolorit durchsetzte Handlungsstrang um die Methoden von Wiesn-Wirtin Kirsten Moosrieder, die die Geschäfte ihres verstorbenen Mannes übernommen hat. Egal ob Moosrieder, Assistent Georg Schemberg (Daniel Christensen) oder Restaurantleiter Korbinian Riedl (Leo Reisinger) – keine Person wird von den Filmemachern so ausführlich skizziert wie die alleinerziehende Bedienung Ina Sattler (Mavie Hörbiger, „What A Man“). Der auffallende Fokus auf diese Schlüsselfigur macht den „Tatort“ letztlich ziemlich vorhersehbar, wenngleich sich Hörbiger ein Sonderlob verdient: Die Schauspielerin balanciert die vollen Masskrüge gekonnt durchs Mittelschiff und dürfte nach den Dreharbeiten gehörigen Muskelkater verspürt haben.

Fazit: Marvin Krens „Tatort: Die letzte Wiesn“ ist ein etwas enttäuschender Oktoberfest-Krimi aus München, der seine stärksten Momente direkt an der Festzelt-Front hat.
Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
  • Die neuesten FILMSTARTS-Kritiken
  • Die besten Filme aller Zeiten: Usermeinung
  • Die besten Filme aller Zeiten: Pressemeinung

Kommentare

  • Der Eine vom Dorf
    Stimme vollkommen mit der Kritik überein. Insbesondere die Tanten hätte man getrost weglassen können, ohne dass es dem Fall geschadet hätte.
Kommentare anzeigen
Back to Top