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El Clan
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
El Clan
Von Christian Horn
Nach außen hin geben die Puccios eine ganz normale, ja sogar vorbildliche Familie aus einem bürgerlichen Viertel von Buenos Aires ab. Doch hinter der Fassade der Normalität brodelt es gewaltig: Patriarch Arquímedes (Guillermo Francella) führt die düsteren Familiengeschäfte rund um Entführung, Erpressung und Mord mit strenger Hand. Während der Vater die Straße gründlich mit einem Wasserstrahl reinigt, darben gefesselte und geknebelte Entführungsopfer im Keller der Familie. Aus diesem beunruhigenden Gegensatz zwischen scheinbarer Normalität und menschlichen Abgründen bezieht „El Clan“ von Pablo Trapero („Die verborgene Stadt“) seine große innere Spannung. Das auf einer wahren (Boulevard-)Geschichte basierende Kriminal- und Familiendrama konnte in seinem Produktionsland Argentinien im August 2015 sogar einen neuen Besucherrekord aufstellen und kommt 2016 auch in die deutschen Kinos. Dort sollte man es sich nicht entgehen lassen…

Buenos Aires, Anfang der 1980er-Jahre: Arquímedes Puccio, seine Ehefrau und die fünf Kinder der Familie genießen in ihrer bürgerlichen Nachbarschaft einen guten Ruf. Die Puccios gehen regelmäßig in die Kirche, fegen penibel die Straße und wissen mit dem ältesten Sohn Alejandro (Peter Lanzani), der Rugby in der Nationalmannschaft spielt, eine Berühmtheit in ihren Reihen. Doch keiner der Bekannten ahnt, was wirklich im Haus der Puccios passiert. Der Vater arbeitet für die Militärregierung und entführt Menschen, die er im Familienheim gefangen hält. Arquímedes erpresst Lösegeld und tötet die Opfer nach der Zahlung trotzdem. Das Ende der Militärdiktatur im Dezember 1983 bringt scheinbar auch das Ende dieser Machenschaften mit sich. Doch Patriarch Arquímedes macht mit den Entführungen weiter. Sein Sohn Alejandro hegt zwar erhebliche moralische Zweifel am väterlichen Geschäft, schaut sich aber weiterhin als Spitzel auf der Straße nach neuen Opfern um.


Die Eröffnungsszene bringt den Horror, der dieser wahren Geschichte innewohnt, auf den Punkt: Die Puccios sitzen ganz gediegen beim Abendessen beisammen, als ein Polizeikommando das Haus stürmt. Kaum ist die Musik verstummt, hört man die Schreie aus einem Kellerverschlag, wo das letzte der insgesamt vier Entführungsopfer der Puccios Todesängste aussteht. Nach diesem Paukenschlag gibt es einen Sprung zurück an den Anfang der Geschichte. Fortan wechselt Regisseur/Drehbuchautor/Cutter und Produzent Pablo Trapero munter zwischen den Zeitebenen, was anfangs etwas verwirrend ist. Im Zentrum des Dramas stehen dabei Arquímedes und sein ältester Sohn Alejandro. Einerseits verdammt der Filius seinen Vater, andererseits wünscht er sich den Respekt des Familienoberhaupts. So entspinnt sich vor dem Hintergrund der unruhigen argentinischen Gesellschaft der frühen 1980er-Jahre ein abgründiges Familiendrama, das den Konflikt vor allem in der Vater-Sohn-Beziehung zuspitzt.

Eine Schlüsselszene, die prototypisch für die unglückselige Verquickung der beiden Hauptfiguren steht, sagt dabei zugleich auch viel über die Machart von „El Clan“ aus. Während Alejandro im Auto sein erstes Mal mit seiner Freundin erlebt, foltert und tötet Arquímedes eines der Entführungsopfer. In einer Parallelmontage wechselt Pablo Trapero stetig zwischen den beiden Szenen. Untermalt ist das Geschehen durch den Hit „Sunny Afternoon“ der Britpop-Formation „The Kinks“. Diese ironisch-verspielte Form der Gewaltdarstellung erinnert sofort an die Filme von Quentin Tarantino (man denke an die Folterszene aus „Reservoir Dogs“). Zugleich wird die Parallelmontage aber nicht selbstzweckhaft für einen „coolen“ Moment eingesetzt, sondern führt Vater und Sohn in einer eindringlichen Sequenz zusammen, wobei auch der Songtext alles andere als Beiwerk ist: „Save me, save me, save me from this squeeze“, trifft den Gemütszustand von Alejandro, der an eine Flucht aus der Familie denkt. Und die Zeile „I gotta big fat mama trying to break me“ verweist auf die Rolle der Mutter, die die Geschäfte ihres Gatten als Notwendigkeit für das Familienwohl an die Kinder vermittelt.

Dass das vielschichtige Drama als Ganzes funktioniert, ist auch den glaubwürdigen Darstellern geschuldet, die ihren realen Vorbildern übrigens frappierend ähnlich sehen. Der in Argentinien vorrangig als Comedian aktive Guillermo Francella („In ihren Augen“) verleiht dem mordenden Familienvater eine dämonische Präsenz. Sein Konterpart Peter Lanzani, der in seiner Heimat bislang vor allem als TV-Star, Sänger und Zeitweise-Lebensgefährte von Disney-Star Martina Stoessel („Violetta“) bekannt war, überrascht in seiner ersten großen Kinorolle und transportiert die innere Zerrissenheit der Figur zwischen familiärer Loyalität und moralischen Zweifeln ebenso greifbar. Großartig in Szene gesetzt werden sie von Pablo Trapero, der beim renommierten Filmfestival in Venedig dafür als Bester Regisseur mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde

Fazit: „El Clan“ ist eine manchmal zwar etwas zu verworrene, aber insgesamt unbedingt sehenswerte Adaption einer wahren Familiengeschichte zwischen Mord und Alltäglichkeit.
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