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    Der Wert des Menschen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Der Wert des Menschen
    Von Michael Meyns
    Ein sozialrealistisches Drama wie Stéphane Brizés „Der Wert des Menschen“, das seine Uraufführung im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes 2015 erlebte, wird von Festivalmachern und Kritikern gerne auf die „richtige“ politische Haltung abgeklopft, was nicht sehr viel mit seiner künstlerischen Qualität zu tun haben muss. Umgekehrt ist ein Film mit einer „guten Moral“ (so nennt es Berlinale-Chef Dieter Kosslick) natürlich nicht automatisch ästhetisch minderwertig. Brizés Porträt eines Mannes, der mit schwierigen Umständen und grober Ungerechtigkeit zu kämpfen hat und dabei vor allem Haltung bewahren und sich selbst treu bleiben will, besticht dann auch nicht nur durch das engagierte Finger-auf-die-sozialen-Wunden-legen, sondern auch durch das ausdrucksstarke Spiel von Hauptdarsteller Vincent Lindon („Welcome“). In seinen scheinbar regungslosen Gesichtszügen zeichnet sich die menschliche Seite des Dramas ab und zugleich verhindert er, dass der Film in Tristesse und Trostlosigkeit versinkt.

    Zum dritten Mal in Folge nach „Mademoiselle Chambon“ und „A Few Hours of Spring“ spielt Vincent Lindon die Hauptrolle in einem Film von Stéphane Brizé und schon die erste Szene zeigt, warum der Regisseur immer wieder auf ihn zurückgreift: In einer langen Einstellung sieht man da Lindons arbeitslosen Protagonisten, wie er mit einem Angestellten auf dem Arbeitsamt redet. Eine unnötige Fortbildung hat dieser Thierry hinter sich gebracht, einen Anschlussjob gab es natürlich nicht. Seine Empörung ist groß, aber er nimmt sich zusammen, auch in Bewerbungsgesprächen, wo er mehr oder weniger deutlich als unvermittelbar bezeichnet wird, auch als er schließlich einen lausigen Job als Sicherheitskraft im Supermarkt findet. Nun hat er zwar Arbeit, aber das Gesetz des Marktes zwingt ihn dazu, Kunden und andere Angestellte wegen aus sozialer Not verübter Kleinstdiebstähle zu verfolgen. Immer mehr brodelt es in Thierry, immer stärker wird sein Gerechtigkeitssinn in Frage gestellt, bis es ihm am Ende zu viel wird. Seine Geste des Widerstands ist keine große, das würde auch nicht zu diesem Film passen, in dem 97 Minuten genau und ungeschönt (dabei durchaus auch etwas repetitiv) von der tristen Realität der Gegenwart erzählt wird. Aber in ihrer Menschlichkeit ist sie umso berührender.

    Fazit: In seinem nicht zuletzt dank des starken Hauptdarstellers Vincent Lindon sehenswertem Sozialdrama „Der Wert des Menschen“ schildert Stéphane Brizé, wie ein Mann in einer Welt zunehmender sozialer Kälte um Würde und Gerechtigkeit kämpft.
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