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    Chi-Raq
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Chi-Raq
    Von Christoph Petersen
    Seit 2001 sind in Chicago mehr Menschen ermordet worden, als es amerikanische Todesopfer im Afghanistan- und Irakkrieg zusammen zu beklagen gab (nämlich mehr als 7.300). Die Bewohner der besonders gefährdeten Vororte, in denen sich vorwiegend schwarze junge Gangmitglieder gegenseitig über den Haufen ballern, nennen ihre Stadt deshalb auch nur noch „Chi-Raq“ (also CHIcago + iRAQ). Nun kann man sich kaum einen passenderen Regisseur vorstellen, um diesen unhaltbaren Missstand filmisch anzuklagen, als „Malcolm X“-Mastermind Spike Lee, zumal es sich bei seinem Drama „Chi-Raq“ auch noch um den ersten von Amazon produzierten Kinofilm handelt, was ihm größere kreative Freiheit garantierte als es bei den klassischen Hollywoodstudios üblich ist. Diese Freiheit reizt Lee auch definitiv bis zur Schmerzgrenze aus, was dem Film letztendlich allerdings mehr schadet als nützt.

    „Chi-Raq“ beginnt mit dem Hip-Hong-Song „Pray 4 My City“ von Hauptdarsteller Nick Cannon. Lee lässt den Track fast in seiner kompletten Länge laufen, ohne ihn zu bebildern – lediglich die Songzeilen poppen rot vor schwarzem Hintergrund auf. Schon in diesen Auftaktminuten entwickelt der Film eine aufrüttelnde Kraft, aber die wird er später nur noch ein einziges Mal erreichen, wenn Father Mike Corridan (John Cusack) als Reaktion auf den Tod eines kleinen Mädchens eine Wutpredigt gegen die Gangs, die Waffen-Lobby NRA und den Staat hält, bei der auch im Zuschauer das Blut zu brodeln beginnt. Davon abgesehen dominiert aber bald Lees experimenteller erzählerischer Ansatz - und der erstickt in seiner dramaturgischen Unausgegorenheit und seiner tonalen Uneinheitlichkeit die politische Aussage und ganz allgemein den Spaß am Zugucken förmlich:


    In „Chi-Raq“ drohen die Frauen ihren Gangbanger-Männern mit Sexstreik, wenn nicht endlich Frieden im Viertel einkehrt – ihr Motto: „No Freedom! No Pussy!“ Übernommen ist die Idee aus der antiken Komödie „Lysistrata“ von Aristophanes (uraufgeführt 411 v. Chr.) – ein Umstand, dem Lee Rechnung trägt, indem er seine Darsteller vornehmlich in Versen sprechen lässt. Das ist durchaus schlüssig, wirkt aber trotzdem ziemlich gewollt und so entwickeln die Verse einfach nicht denselben Punch wie Cannons Auftaktsong. Und auch die zwischenzeitlichen Auftritte von Samuel L. Jackson („The Hateful 8“), der als Dolmedes immer wieder den aktuellen Stand der Handlung zusammenfasst, fühlen sich nur die ersten ein, zwei Male frisch an.

    „Chi-Raq“ ist nicht nur zu lang, er verliert auch immer wieder über lange Passagen komplett sein Tempo: Lee hätte ruhig noch mal in den Schneideraum zurückkehren sollen, hieß es dann auch bei vielen Kritikern. Geholfen hätte das aber wohl nur bedingt, denn neben einem stimmigen Rhythmus fehlt es „Chi-Raq“ auch an einem einheitlichen Tonfall: Ausgewalzte emotionale Momente mit Müttern (Angela Bassett, Jennifer Hudson), die um ihre erschossenen Kinder weinen, berühren eben einfach nicht, wenn man gerade erst einem Südstaatengeneral in Konföderiertenflagge-Unterhose dabei zugesehen hat, wie er in Erwartung einer heißen Nummer mit einer schwarzen Amazone eine Bürgerkriegskanone reitet.

    Fazit: Spike Lee ist verständlicherweise sehr, sehr wütend, und das verleiht „Chi-Raq“ zu Beginn auch eine mitreißende Vitalität. Aber dann verliert der Regisseur von Meisterwerken wie „Do The Right Thing“ oder „25 Stunden“ jeglichen Fokus, und von da an schleppt sich die unausgegorene Friedenssatire nur noch mühsam bis zum noch fast zwei Stunden entfernten Abspann.

    Dieser Film läuft im Programm der Berlinale 2016. Eine Übersicht über alle FILMSTARTS-Kritiken von den 66. Internationalen Filmfestspielen in Berlin gibt es HIER.
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