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Yardie
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Yardie
Von
Yardie ist eine jamaikanische Bezeichnung für Gangster, aber zugleich auch eine Umschreibung für die nach Großbritannien ausgewanderten Jamaikaner. Die Hauptfigur in Idris Elbas Regiedebüt „Yardie“ ist beides – wobei eigentlich fast alle Figuren beides sind oder zumindest gerne beides wären. Und damit sind wir schon bei den Problemen des Rache-Dramas. Der gefeierte Schauspieler (unter anderem „Pacific Rim“, „The Wire“), der sich nach einem Ausflug ins Musikgeschäft nun auch als Regisseur versucht, hat legt hier offenbar wenig Wert auf Differenzierung und Subtilität, findet dabei aber auch nicht zu einer überzeugenden Stilisierung des Deutlichen und Überdeutlichen. So wird schon in den ersten Minuten der eigentlich erschütternde Tod eines kleinen Mädchens durch völlige Übertreibung und extremes Posieren zu einem kaum so gewollten komischen Moment. Obwohl die Adaption des gleichnamigen Romans von Victor Headley aus dem Jahr 1992 viele starke Szenen und einen guten Soundtrack bietet, bleibt das Gesamtergebnis unterdurchschnittlich.

1973 tobt in Jamaika ein Krieg zwischen zwei Gangsterbanden. Der zehn Jahre alte D (Antwayne Eccleston) muss mitansehen, wie sein älterer Bruder Jerry Dread (Everaldo Creary), der für ihn eine Vaterfigur ist, als Organisator eines Friedenskonzerts zwischen die Fronten gerät und stirbt. Sechs Jahre später ist D (nun: Aml Ameen) ein Gangster und arbeitet sich in der Bande von King Fox (Sheldon Shepherd), der den Krieg damals für sich entschied, nach oben. Doch mit seinen Wutausbrüchen und dem Drang, den Mord an seinem Bruder zu rächen, erweist sich D nach und nach als Problem für den Gangsterboss. 1983 schickt er den Heißsporn daher nach London, wo er sich um die Kokaingeschäfte mit der lokalen Mob-Größe Rico (Stephen Graham) kümmern soll. Doch kaum ist er in London angekommen, sorgt D erneut für Ärger und setzt einen Bandenkonflikt in Gang. Er taucht deswegen bei seiner großen Liebe Yvonne (Shantol Jackson) unter, die mit ihrer gemeinsamen Tochter (Myla-Rae Hutchinson-Dunwell) schon vor Jahren vor der Gewalt in Jamaika geflohen ist. Doch dann erfährt D, dass der Mörder seines Bruders auch in London lebt...



Mit einem starken Soundtrack und schönen Aufnahmen von Jamaika erzeugt Idris Elba in den ersten Minuten das richtige Flair, um den Zuschauer in seine dramatische Rachegeschichte zu ziehen. Doch schon hier gibt es Brüche. Wenn Jerry Dread in bester „Platoon“-Manier zu Boden sinkt und die Arme in den Himmel reißt und dabei zusätzlich noch ein gerade bei den Bandenauseinandersetzungen getötetes Mädchen gen Himmel reckt, geht mit einem Schlag die ganze Dramatik der Szene verloren. Der Moment ist mit Gefühlen und Bedeutungen überfrachtet, das Pathos schlägt so in hohl wirkende Gesten um. Immer wieder ruiniert Elba auf diese Weise Momente, die eigentlich ganz stark sein könnten. Er und die Drehbuchautoren Brock Norman Brock („Bronson“) und Martin Stellman („Für Königin und Vaterland“) versuchen einfach zu viel in dem Film unterzubringen. Familiendrama, Gangsterthriller, Milieustudie, eine Erzählung über ethnische Konflikte – alles das steckt in Ansätzen in „Yardie“, dazu kommen noch zahlreiche mystisch überhöhte Szenen rund um den toten Jerry Dread, der seinen kleinen Bruder immer wieder heimsucht, sich dabei nie organisch in das Ganze fügen, sondern Fremdkörper bleiben.

In der Originalfassung unterhalten sich die Figuren in einem teilweise schwer verständlichen jamaikanischen Slang (bei der Berlinale-Vorführung gab es zusätzliche englische Untertitel, nachdem es vorher bei der Weltpremiere in Sundance ohne Untertitel Beschwerden gab). Zusätzliche Authentizität gewinnt der Film durch die Cast-Mitglieder Everaldo Creary und Sheldon Shepherd, die keine professionellen Schauspieler sind, sondern Mitglieder von No-Maddz, einer jamaikanischen Reggae-Band und eines Kunstkollektivs, die auch außerhalb ihrer Heimat aufgrund einer Werbekampagne mit Sprint-Superstar Usain Bolt und einem großen Sportartikelhersteller bekannt wurden. Es hat also durchaus ein ganz spezielles Flair, wenn uns Idris Elba hier erst nach Jamaika und dann in die jamaikanische Enklave des Londons der 1980er entführt. Dazu donnern die Beats, denn nahezu jede Figur ist nicht nur Gangster, sondern auch Musiker – so besitzen sowohl King Fox als auch Rico noch eigene Labels. Der daraus resultierende Ausflug von D in die Londoner Musikszene und die kurze Spontan-Karriere als MC einer Gruppe musikbegeisterter Teenager ist dabei allerdings einer von mehreren Nebenhandlungssträngen, die recht unverbunden zusätzlich in den Film gepresst werden.

Doch dramaturgische Holprigkeiten und thematische Überfrachtungen sind nicht die größten Probleme des Films. Am stärksten leidet seine Wirkung vielmehr darunter, dass die Motivation der Figuren häufig kaum oder gar nicht nachvollziehbar bleibt. Am deutlichsten wird dies bei Yvonne, die D sofort klarmacht, dass sie mit seinen Drogen und kriminellen Geschäften nichts zu tun haben will, als er vor ihrer Haustür steht. In der kurz darauf folgenden Montage gibt es trotzdem viele Momente der Zweisamkeit mit vielen, vom Drogengeld gekauften Geschenken für sie und ihr Kind. Woher ihr Sinneswandel kommt? Ob es einfach Schwäche ist? Dafür gibt es kein Indiz, das fällt einfach unter den Tisch, wie so vieles in „Yardie“. Denn auch in der mit ein paar unnötigen Wendungen zu viel vollgestopften zweiten Hälfte stehen die Beweggründe der Figuren meist an zweiter Stelle – was vor allem auch den Protagonisten betrifft. Obwohl Elba D gegenüber der Buchvorlage abgemildert und sympathischer gezeichnet hat, fällt es schwer, mit ihm mitzufiebern. Dafür ist er in seinen Handlungen viel zu erratisch – trotz der als Erklärung gedachten, größtenteils aber eher störenden Voice-Over-Ausführungen des rachsüchtigen Gangsters und Hobby-Musikers. Da kann auch der überzeugende, aus der ersten Staffel der Netflix-Serie „Sense8“ bekannte Hauptdarsteller Aml Ameen wenig ausrichten.

Fazit: Idris Elbas Regiedebüt "Yardie" hat viel Flair und gute Momente, aber seine 100 Minuten Laufzeit sind einfach viel zu überfrachtet mit Themen, Motiven und Nebenhandlungen.

Wir haben „Yardie“ bei der Berlinale 2018 gesehen, wo der Film als Panorama Special gezeigt wird.
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