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Neben den Gleisen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Neben den Gleisen
Von
In gewisser Weise könnte man „Neben den Gleisen“ als eine Art Fortsetzung von „Wadans Welt - Von der Würde der Arbeit“ verstehen, also jenem mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm, den Regisseur Dieter Schumann 2010 über den Niedergang der Wismarer Wadan-Werft gedreht hat. Damals ging es um den Verlust der (Wert-)Arbeit, diesmal stehen vor allem diejenigen im Fokus, die in den Medien häufig „die Vergessenen“ genannt werden und für die Trump und AfD angeblich einstehen. Wer hier im Kiosk am Bahnhofsplatz von Boitzenburg, geöffnet von 5.00 bis 22.00 Uhr, sein Bier und dazu häufig ein paar Kurze trinkt, der hat meist keinen Job oder zumindest keinen, auf den er stolz sein kann. Nur der Taxifahrer macht ganz gute Geschäfte, denn einige Kilometer entfernt hat vor einiger Zeit ein Erstauffanglager für Flüchtlinge aufgemacht.

Dieter Schumann ist in seinen Filmen schon öfter für den „kleinen Mann“ in die Bresche gesprungen. Trotzdem ist es überraschend, mit welcher Offenheit ihm die Kiosk-Gäste hier Rede und Antwort stehen – sowohl was private Rückschläge als auch ihre politischen Ansichten angeht. Eine 15-jährige Berufsschülerin im Vorbereitungsjahr erzählt, dass Flüchtlinge ein fünfjähriges Kind bei lebendigem Leib gegessen hätten, zumindest würde das so auf Facebook stehen. Ein anderer, gerade volljährig und seit seinem achten Lebensjahr drogenabhängig, kündigt stolz an, dass ein Wirtschaftsflüchtling kein schönes Leben mehr haben würde, wenn er ihm begegnen sollte. Es ist erstaunlich (und auch ein bisschen verstörend), mit welcher Herzlichkeit der Regisseur seinen Protagonisten auch nach solchen (im Film nicht kommentierten oder eingeordneten) Statements begegnet: Der Prügel-Androher ist wenig später sogar der Star eines kurzen aus der Selfie-Perspektive gedrehten Videos, in dem er sich gemeinsam mit einer Freundin in kitschigen Bravo-Lovestory-Einstellungen inszeniert. Eine faszinierend-widersprüchliche Sequenz - die Sehnsüchte sind also noch da, nur die Hoffnung ist längst verloren.


Solche über die bloßen Aussagen hinausweisenden Momente sind jedoch selten – und entlarvende Situationen wie jene, in der eine Teenagerin erst Anti-Flüchtling-Statements verbreitet und dann auf ihrem Handy stolz Fotos ihres besten Freundes (ein Syrer, für den sie sogar Arabisch lernt) vorzeigt, bleiben ebenfalls Mangelware. Dieter Schumann hakt aus dem Off auch mal nach, aber immer nur wenn es um Privates geht, nie um offensichtliche Widersprüche oder blanken Unsinn aufzudecken. Das ist okay, der ungeschminkte Blick allein hat ganz sicher auch einen gewissen Wert. Nur muss man sich eben fragen, inwieweit der Erkenntnisgewinn dann noch über das Lesen eines Internetforums hinausgeht – denn dort wird schließlich ebenso frei von der Leber weg (Mist) erzählt wie hier vor der Kamera des Dokumentarfilmers. Wenigstens fährt dem Deutschland-GmbH-Gläubigen, der nur allzu gern seine anti-amerikanischen Verschwörungstheorien vor der Kamera ausbreitet, der Regionalexpress vor der Nase weg.

Fazit: Ein erstaunlich empathisches Porträt jener Menschen, die neben den Gleisen ihr Bier trinken und den ICEs nur beim Vorbeifahren zuschauen – aber zu oft bleibt es dabei, dass einige der Kiosk-Gäste im Internet aufgeschnappte Anti-Flüchtlings- oder Anti-Kapitalismus-Statements wie auswendig gelernt runterrattern, ohne dass die Filmemacher mal nachhaken würden.
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