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Master Z: The Ip Man Legacy
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Master Z: The Ip Man Legacy

Grandioses Gekloppe

Von Oliver Kube
Fortsetzungen allein reichen offenbar nicht mehr. Stattdessen setzen Studios zunehmend auf Spin-offs, um ihre Erfolgs-Franchises auch in der Breite soweit wie möglich auszubauen. Das ist nun auch bei der nicht nur in China, sondern auch global erfolgreichen „Ip Man“-Reihe um den legendären Martial-Arts-Kämpfer (1893-1972) und realen Lehrer von Bruce Lee nicht anders. Nach „Ip Man“ (2008), „Ip Man 2“ (2010) und „Ip Man 3“ (2015) warten die Fans aktuell gebannt auf „Ip Man 4“, der bereits im Juli 2019 in den chinesischen Kinos anlaufen soll. Aber bevor es soweit ist, kommt in Deutschland nun erst mal das „Ip Man 3“-Spin-off „Master Z: The Ip Man Legacy“ von Woo-Ping Yuen in die Lichtspielhäuser. Und der Action-Krimi ist zum Glück mehr als nur eine fade Zwischenmahlzeit, um die Wartezeit auf das nächste große Martial-Arts-Fest der Hauptreihe zu verkürzen.

Lange musste der Martial-Arts-Meister Cheung Tin Chi (Jin Zhang) auf seinen Kampf gegen den legendären Ip Man warten, den er dann allerdings (in „Ip Man 3“) verlor. Deshalb hat er sich auch entschlossen, den Sport aufzugeben und fortan ein einfaches Leben als Ladenbesitzer zu führen. Eines Tages hilft er jedoch spontan zwei jungen Frauen (Yang Liu Chen, Chrissie Chau) bei einem Streit mit ein paar Rowdys, wodurch er ins Visier der Gang um den psychopathischen Kit (Kevin Cheng) gerät. Nachdem dieser sein Heim niedergebrannt hat, ist Tin Chi obdachlos und muss vorübergehend bei Fu (Xing Yu), dem Bruder beziehungsweise Verlobten der beiden Mädchen, einziehen. Fu betreibt eine Bar, die primär von vergnügungssüchtigen Ausländern frequentiert wird und in der Tin Chi als Kellner anfängt. Doch auch in dieser Umgebung kommt er Kit und seinen Kumpanen wieder in die Quere. Das gefällt weder Kits Schwester, der mit Drogengeld zur erfolgreichen Unternehmerin aufgestiegenen Kwan (Michelle Yeoh), noch Honkongs mächtigstem Drogenboss Davidson (Dave Bautista)...

Diesmal der Gute: Jin Zhang als Wing-Chun-Meister Cheung Tin Chi.


Auch für den Ableger wurden wieder erstaunlich große Namen verpflichtet: Neben einheimischer Prominenz wie Jin Zhang („Pacific Rim 2: Uprising“) und der hierzulande dank „Der Marsianer“ bekannten Popmusik-Sensation Yang Liu Chun sowie der ohnehin weltweit gefeierten Michelle Yeoh („Tiger & Dragon“) steigen zudem Thai-Superstar Tony Jaa („Triple Threat“) und Dave Bautista („Avengers 4: Endgame“) mit in den Ring. Auf dem Regiestuhl platzgenommen hat unterdessen der legendäre Kampfchoreograph Woo-Ping Yuen, der auch schon den Fights in „Ip Man 3“, der „Matrix“-Trilogie sowie Quentin Tarantinos „Kill Bill“ die Extraportion Würze verliehen hat.

Vom Saulus zum Paulus


Da seit den Ereignissen von „Ip Man 3“ kaum Zeit vergangen ist, befinden wir uns zu Beginn des Spin-offs weiterhin im Spät-50er/Früh-60er-Milieu der britischen Kronkolonie Hongkong. Aber statt erneut dem bekannten Helden Ip Man (Donnie Yen ist hier nur in kurzen Flashbacks dabei) zu folgen, sehen wir, wie es mit dessen einstigem Konkurrenten um die Krone der Kung-Fu-Disziplin Wing Chun weitergeht. Es ist eine zwar nicht völlig neue, aber trotzdem recht originelle Idee, eine eigentlich als Antagonist etablierte Figur plötzlich zum Protagonisten umzufunktionieren. Ein Beispiel dafür ist „The Scorpion King“. In „Die Mumie kehrt zurück“ war Dwayne Johnson noch als Schurke dabei, während er im nicht einmal ein Jahr später veröffentlichten Prequel plötzlich den Helden gab. Und apropos Johnson: Im kommenden Action-Bombast „Hobbs & Shaw“ muss der „Fast & Furious 7“-Bösewicht Deckard Shaw (Jason Statham) nun auch beim Weltretten mithelfen.

Damit so ein Unterfangen überhaupt gelingen kann, müssen natürlich zuerst einmal die Emotionen der Zuschauer gegenüber der Hauptfigur auf links gedreht werden. Das glückt Regisseur Yuen bereits in den ersten Szenen, in denen er Tin Chi aus einem radikal neuen Blickwinkel präsentiert. Nachdem sich der erneut von Jin Zhang verkörperte Kämpfer – glaubhaft von seinen brutalen, rücksichtslosen Tendenzen geläutert – entschließt, die Tätigkeit als bezahlter Schläger und Hitman aufzugeben, sehen wir ihn bei einigen sanften, emotionalen Momenten mit seinem kleinen Sohn (Henry Zhang). Das Murenzhuang genannte, hölzerne Trainingsgerät ist das einzige, was in der kargen Wohnung des Vater-Sohn-Duos noch an eine Vergangenheit als großer Wing-Chun-Meister erinnert. Nun steht es als Kleiderständer in der Ecke.

Weniger Finesse, dafür 100 Prozent pure Power: Dave Bautista.


Im weiteren Verlauf sind diverse Szenen recht offensichtlich nur aus einem einzigen Grund eingebaut worden: Man brauchte eine Entschuldigung, um die nächste elaboriert ins Bild gesetzte Hauerei vom Zaun brechen zu können. Tin Chis Unterhaltung mit Fu auf dem Dach von dessen Bar ist so eine. Ein Umstand, der Genre-Fans sicher ebenso wenig stören wird wie die Momente, bei denen man sich aufgrund des unbeholfenen Schauspiels einiger Nebenakteure nie so ganz sicher sein kann, ob sie nun dramatischer oder vielleicht doch komischer Natur sein sollen. Schließlich hat der Einsatz von Slapstick auch in eigentlich tragischen Szenen eine lange Tradition im Hongkong-Kino.

Es haben bereits eine ganze Menge Schlagabtäusche stattgefunden, bevor es nach etwa 70 Minuten zum mit Abstand besten Scharmützel innerhalb von „Master Z: The Ip Man Legacy“ kommt: In einem geschlossenen Raum treten Tin Chi und Fu mit bloßen Händen gegen geschätzt 50 Männer mit Schwertern an. Hier lässt dann irgendwann auch endlich Michelle Yeoh die Fäuste fliegen. Die „Tiger & Dragon“-Veteranin zeigt, welch beeindruckende Athletin sie noch immer ist. Zum Finale der turbulenten, brillant geschnittenen Sequenz ist der Zuschauer fast mehr außer Atem als die Martial-Arts-Genies auf der Leinwand.

So breit wie andere hoch: Dave Bautista


Tony Jaas Auftritt als gedungener Killer ist mit wenigen Minuten Screentime leider nur ein glorifizierter Cameo-Auftritt – die einzige echte Enttäuschung bei diesem Film. Dave Bautista, der hier zusätzlich auch als Produzent mit an Bord ist, bekommt da schon bedeutend mehr zu tun. Wobei er seinen zunächst zwielichtigen, später abgrundtief bösen Charakter wirklich glaubhaft rüberbringt. In Sachen Prügelspaß greift der US-Amerikaner allerdings ebenfalls erst spät ein. Doch das Warten lohnt sich, denn es ist einfach grandios, dem Wrestling-Hünen, der zeitweise wirkt, als wäre er doppelt so breit wie seine asiatischen Widersacher, beim Zermalmen zuzusehen. Besonders wenn er auf seine von purer Power angetriebene Weise dem sich ungleich disziplinierter und eleganter bewegenden Jin Zhang gegenübersteht.

Die Fights, selbst die kleineren und kürzeren, sind allesamt fantastisch mit allen erdenklichen Tricks und Finessen (Drahtseile, Zeitlupen, Jump-Cuts, extreme Close-ups usw.) ins Bild gesetzt. So lässt sich über die Schwächen der generisch gestrickten, oft vorhersehbaren Story locker hinwegsehen. Viel Spaß macht zudem das liebevoll ausgestattete Studio-Setting, das ein wunderbar pulpiges Nostalgie-Feeling aufkommen lässt. Mit diesem Debüt im Rücken darf auch Master Z gern noch das eine oder andere Leinwand-Abenteuer nachlegen.

Fazit: Das „Ip Man“-Spin-off überzeugt trotz dünner Geschichte mit großartigen Martial-Arts-Momenten, Top-Ausstattung und einem beindruckenden Cast.

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