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    Der Honiggarten - Das Geheimnis der Bienen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Der Honiggarten - Das Geheimnis der Bienen

    Ein falscher Moment macht vieles kaputt

    Von Oliver Kube

    Die aus „Die Borgias“ bekannte Holliday Grainger und Anna Paquin, die erst als Kind (mit „Das Piano“) und dann später als Erwachsene (mit „X-Men“ und „True Blood“) gleich zwei Mal zum Star avancierte, verbindet eine erstaunliche darstellerische Chemie miteinander: Selbst wer den 2009 veröffentlichten Roman von Fiona Shaw nicht kennt, wird bereits bei ihrer ersten Begegnung in der Kinoverfilmung „Der Honiggarten - Das Geheimnis der Bienen“ die zwischen ihren Figuren Lydia und Jean sprühenden Funken wahrnehmen. Und das, obwohl Regisseurin Annabell Jankel („Super Mario Bros.“) ihre Schauspielerinnen da noch angenehm subtil vorgehen lässt. Schließlich ahnt zumindest die von Granger verkörperte Lydia zu diesem Zeitpunkt der Story selbst noch nichts von ihren Neigungen (beziehungsweise hat sich diese zumindest selbst noch nie eingestanden). Trotz der zwei starken Stars fällt das Ergebnis aber zwiespältig aus – und Schuld daran ist vor allem eine sehr merkwürdige, geradeheraus missglückte Wendung im dritten Akt.

    1952, in einer schottischen Kleinstadt: Seit Lydia (Holliday Grainger) von ihrem Ehemann Robert (Emun Elliott) verlassen wurde, muss sie sich und ihren Sohn Charlie (Gregor Selkirk) allein durchbringen. Nach einer Rauferei in der Schule landet der Kleine zur Untersuchung bei Dr. Jean Markham (Anna Paquin), die gerade erst in ihren Geburtsort zurückgekehrt ist. Um dem verschlossenen, offenbar durch die Trennung seiner Eltern traumatisierten Jungen etwas aufzulockern, zeigt die Ärztin ihm ihr Hobby – einen Bienenstock. Sie erklärt den Umgang mit den Insekten und ihre Bedeutung für die Natur. Charlie ist sofort fasziniert und tatsächlich entfaltet der Umgang mit den Bienen bei ihm eine therapeutische Wirkung. Währenddessen entwickelt sich zwischen Jean und Lydia eine Freundschaft. Als Lydia ihren Job in der örtlichen Textilfabrik verliert und ihre Miete nicht mehr zahlen kann, ziehen Mutter und Sohn sogar bei der Ärztin ein. Bald kommen sich die Frauen immer näher, was in dem Provinznest für einen handfesten Skandal sorgt und auch Ex-Mann Robert wieder auf den Plan ruft …

    Die Liebe von Lydia und Jean wird in ihrem kleinen Dorf gar nicht gern gesehen.

    Zunächst macht Jankel, die in den 1980ern gemeinsam mit ihrem damaligen Kreativpartner Rocky Morton Musikvideos für so stilistisch unterschiedliche Acts wie Talking Heads, Rush oder Miles Davis inszenierte, bevor das Duo mit dem Thriller-Remake „D.O.A. - Bei Ankunft Mord“ als Filmregisseure debütierte, erst mal eine ganze Menge richtig: Die jeweilige Isolation der Protagonistinnen von der restlichen Dorfgemeinschaft wird glaubhaft vermittelt. Die eigenwillige Lydia trifft immer wieder auf Ablehnung, weil sie aus England zugereist ist und nicht zuletzt wegen ihres Akzents für alle weiterhin eine Fremde bleibt. Jean hingegen wird aufgrund eines dem Publikum zunächst unbekannten Ereignisses in ihrer Jugend geschnitten. Auch wie sich die Frauen einander annähern und der Junge sich zugleich von seiner psychischen Bürde zu befreien scheint, wirkt dank eines angenehmen Erzähltempos nie überstürzt oder hingebogen. Alles passiert in nachvollziehbaren Schritten, als Zuschauer ist man ehrlich berührt. Da fällt es auch nicht allzu sehr ins Gewicht, dass die Bösewichte der Geschichte, Ex-Mann Robert und seine Schwester Pam (Kate Dickie, „The Witch“), doch sehr eindimensional gezeichnet sind.

    Ein falscher Moment ist einer zu viel

    Aber dann soll die Intensitätsschraube doch noch angezogen werden: Die Intoleranz der konservativen Dorfgemeinschaft gegenüber eines solchen von der Norm abweichenden Familienmodells gipfelt darin, dass der zu Gewalt neigende Ex-Mann wieder im eben noch so unerwartet unbeschwerten, fast schon vorsichtig glücklichen Leben des Trios auftaucht. Das ist natürlich schon ein bisschen klischeehaft, geht als dramaturgisches Konzept allerdings zumindest so lange gut, bis die Situation schließlich in einer ebenso übertriebenen wie unpassenden Klimax aufgelöst wird.

    Der Ausflug in regelrechte Fantasy-Gefilde inklusive einer schwer zu schluckenden Holzhammer-Metaphorik zerstört die zuvor etablierte authentische Atmosphäre, die neben der exzellenten Ausstattung auch viel mit den stimmungsvollen Naturbildern von Kameramann Bartosz Nalazek („The Perfect Date“) zu tun hat. Als Zuschauer soll man hier, ohne dass es in irgendeiner Form vorbereitet wird, plötzlich einen märchenhaften Einschub schlucken, der an dieser Stelle einfach nicht funktioniert und sowieso im Kontext der Geschichte absolut deplatziert wirkt. Da kann nicht einmal das sich im Anschluss daran wieder deutlich echter und emotional ehrlicher anfühlende Finale mehr allzu viel retten.

    Fazit: Ein einziger falscher Moment kann einen Film fast komplett zerstören. Selten war das offensichtlicher als in diesem ansonsten so stimmigen Fünfzigerjahre-Drama mit seinen zwei erstklassig harmonierenden Hauptdarstellerinnen.

     

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