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Shoplifters - Familienbande
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Shoplifters - Familienbande
Von
Mit seinem siebten Film in Cannes und seinem fünften im offiziellen Wettbewerb hat der japanische Auteur Hirokazu Kore-eda („Nobody Knows“, „Unsere kleine Schwester“) die Goldene Palme des bedeutendsten Filmfestivals der Welt gewonnen. Und während die Festivaljury im Schnitt mindestens genauso oft daneben liegt wie nicht, kann man der Präsidentin Cate Blanchett und ihren Mitjuroren in diesem Jahr absolut keinen Vorwurf machen. Zwar behandelt Kore-eda auch in seinem Drama „Shoplifters“ wieder Themen wie den Zusammenhalt zwischen gesellschaftlichen Außenseitern und nicht alltägliche Familienkonstruktionen, die sich wie ein roter Faden durch seine gesamte Filmografie ziehen. Aber er tut dies mit einer solch tiefen Empathie, Menschlichkeit und Aufrichtigkeit (ohne dabei auch nur in die Nähe von Armutskitsch abzugleiten), dass man ihm zu seinem humanistischen Meisterstück nur gratulieren kann.

Nach der Arbeit auf der Baustelle zieht Osamu (Lily Franky) mit seinem Sohn im Grundschulalter Shota (Jyo Kairi) los, um im Supermarkt noch ein paar dringend benötigte Dinge für die Familie zu stehlen. Auf dem Heimweg stoßen sie auf die kleine Yuri (Miyu Sasaki), die vor Kälte zitternd auf dem Balkon spielt, während von ihren Eltern jede Spur fehlt. Kurzerhand beschließt Osamu, das Mädchen mit nach Hause zu nehmen. Dort warten bereits seine Frau Nobuyo (Sakura Ando), seine Teenager-Tochter Aki (Mayu Matsuoka) und die Großmutter Hatsue (Kirin Kiki), der die kleine Hütte gehört und die im Gegensatz zu den anderen noch verhältnismäßig gut von der Pension ihres verstorbenen Mannes leben kann. Eigentlich soll Yuri nach einem warmen Essen und einem Bad wieder nach Hause geschickt werden, aber als Osamu und Nobuyo die Striemen an ihrem Körper entdecken, beschließen sie, sie einfach als zusätzliche Tochter dazubehalten...

 

Ein niedlicher dreinschauendes kleines Mädchen als Yuri kann man sich kaum vorstellen. Trotzdem ist Hirokazu Kore-eda offensichtlich nicht daran gelegen, sein Publikum mit großen traurigen Kinderaugen zu erpressen – und das hat er auch gar nicht nötig, seine erstaunlich nüchtern erzählte Familiengeschichte ist schließlich auch ohne solche platten Manipulationen absolut herzzerreißend. Das liegt zunächst mal an der zentralen „Familie“ selbst, ein in diesem Fall offensichtlich aus Liebe und Fürsorge entstandenes Konstrukt, bei dem lange Zeit gar nicht genau klar ist, wie (und ob) die einzelnen Mitglieder eigentlich miteinander verwandt sind. Trotzdem fühlt es sich einfach richtig an, dass genau diese Menschen – widrige Umstände hin oder her – in einem Haus zusammenleben. Selbst die Aufnahme von Yuri in die Familie wirkt hier keinesfalls wie ein übergestülptes Story-Konstrukt, sondern ganz im Gegenteil wie die selbstverständlichste Sache der Welt. 

Natürlich ist es eine brüchige Idylle. Jedes Mal, wenn Shota die Zeigefinger umeinanderkreisen lässt und sich anschließend die Nase reibt (sein Ritual vor jedem Ladendiebstahl), ist das Auseinanderreißen der kleinen Familie nur einen aufmerksamen Supermarktmitarbeiter entfernt. Aber die Figuren wachsen einem so schnell ans Herz, dass es erst einmal gar keine Rolle spielt, dass das böse Erwachen zwangsläufig irgendwann kommen muss, man drückt ihnen einfach für jeden einzelnen weiteren gemeinsamen Moment die Daumen – und das geht nicht nur dem Publikum so: Bei einem Ausflug an den Strand, wo Yuri zum ersten Mal in ihrem jungen Leben das Meer sieht und die anderen im Wasser plantschen, flüstert die das alles von ihrem Handtuch aus beobachtende Hatsue ganz leise „Danke“.

Ladendiebstähle und Kindesentführung hin oder her, es ist keine Frage, dass Osamu & Co. hier auf der moralisch richtigen Seite stehen – und das liegt eben auch daran, dass an den Rändern der Geschichte immer wieder ganz subtil und unaufdringlich die Versäumnisse einer Gesellschaft in den Film hineinragen, die über solche Außenseiter sowieso am liebsten einfach hinwegsieht: So erfahren wir ganz nebenbei in einem Dialog vom Konzept des sogenannten „Workshare“, einer Initiative, die es Arbeitgebern bei schlechter Auftragslage erlaubt, zwei Arbeitnehmer dazu anzuhalten, sich einen Job bei je halber Bezahlung zu teilen. Trotzdem sind es nie diese sozialen Missstände, die die Figuren und ihr Schicksal definieren – Kore-edas Blick auf seine Protagonisten ist auch schlicht viel zu menschlich, als dass er sie je zu den bloßen Opfern eines scheiternden Staates degradieren würde.

Im Schlussakt gibt es noch einmal einige ziemlich überraschende Wendungen, die damit zu tun haben, wie diese Familie eigentlich ursprünglich mal zusammengekommen ist. Aber zu diesem Zeitpunkt ist es um den Zuschauer sowieso längst so sehr geschehen, dass er die Protagonisten als „Familie“ eh nicht mehr ernsthaft infrage stellen würde. Kore-eda fragt sich (und damit auch den Zuschauer) mit „Shoplifters“ einmal mehr, was eine Familie eigentlich ausmacht (und was eben auch nicht). Seine Antwort ist ebenso überraschend wie einleuchtend und mündet in ein Finale, das einem trotz aller Subtilität nicht weniger als das Herz zerreißt. Ganz großes Kino über sechs Menschen aus drei Generationen, die in einem kleinen Haus zusammenleben, sich umeinander sorgen und sich vor dem Stehlen eines Lollis jedes Mal die Nase reiben.

Fazit: „Shoplifters“ ist das zutiefst berührendes Porträt einer etwas anderen Familie, eine durch und durch humanistische Gesellschaftskritik und ein würdiger Gewinner der Goldenen Palme bei den Filmfestspielen von Cannes.

Wie haben „Shoplifters“ bei den Filmfestspielen in Cannes 2018 gesehen, wo er im Wettbewerb um die Goldene Palme gezeigt wurde.
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