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This Is Spinal Tap
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
This Is Spinal Tap
Von Jan Görner
„I'm not Liam Gallagher" war die schmunzelnde Antwort von Komiker Ricky Gervais auf die Frage, ob er glaubt, dass es sich bei Spinal Tap um eine echte Band handele. Es wird überliefert, dass der ehemalige Oasis-Sänger ein Konzert der britischen Hardrocker in der Carnegie Hall verlassen habe, nachdem ihn sein Bruder und Intimfeind Noel aufklärte, dass die drei Figuren auf der Bühne tatsächlich Schauspieler seien und Amerikaner noch dazu. Man möchte diese Geschichte nur zu gerne glauben, denn wenn der in Bandstreitigkeiten mehr als beschlagene Britpopper Gallagher das Gesehene in Rob Reiners Mockumentary „This Is Spinal Tap" (1984) für bare Münze nimmt, dann befindet er sich nicht nur in guter Gesellschaft, es ist auch ein Zeugnis dafür, dass dieser Film alles richtig gemacht hat.

Zentraler Dreh- und Angelpunkt sind die Bemühungen des Werbefilmregisseur Marty DiBergi (Regie-Debütant Rob Reiner selbst), im Rahmen einer Promo-Tour für das schon vor Verkaufsbeginn umstrittene neue Album von Spinal Tap deren glamouröse Rückkehr auf die Bühnen der USA zu begleiten und in Interviews die Geschichte der Band zu ergründen. Spinal Tap besteht aus den beiden Kindheitsfreunden Nigel Tufnel (Leadgitarre: Christopher Guest), David St. Hubbins (Gitarre, Gesang: Michael McKean) sowie Derek Smalls (Harry Shearer) am Bass. In verschiedenen Rückblicken verfolgt DiBergis „Rockumentary" die Geschichte der Band von bemühten Beatles-Verschnitten (als The Originals, The New Originals und The Thamesmen) über psychedelischen Blumenkinder-Pop bis in die traurige Hard-Rock-Gegenwart mitsamt der obligatorischen Spandexhosen und der allseits beliebten Methode, die Gitarre mit einer Geige anzuschlagen. Nach zahlreichen Streitigkeiten und empfindlichen Rückschlägen steht die Band schließlich am Rande der Auflösung...

In nur 84 Mockumentary-Minuten werden alle Mythen des Tourneefilms durchgespielt und entlarvt. Wenn beispielsweise ein euphorisierter weiblicher Fan zu Beginn des Films davon redet, dass sie sich eins mit jedem Mitglied der Gruppe fühle, dann könnte man sich in diesem Moment auch in einer „echten" Dokumentation befinden. Durch nichts verrät sich der Film in diesen Stellen als Satire. Erst im weiteren Verlauf drehen Guest, Shearer und McKean das Ganze ein paar Grade weiter, ohne dabei in bloße Karikaturen abzugleiten. Eine Szene, in der die Band an Elvis Presleys Grab steht und zu Ehren des Kings versucht „Heartbreak Hotel" anzustimmen, sich stattdessen dann aber über die Harmonie zu streiten beginnt, sind exemplarisch dafür wie schlicht ihre Gemüter sind und wie versessen sie Musik lieben.

The review for „Shark Sandwich" was merely a two word review which simply read „Shit Sandwich". - Marti DiBergi

Die Bandmitglieder sind keine Idioten, sie sind in ihrer Launenhaftigkeit mehr wie Kinder, die es gewohnt sind, dass alles nach ihrer Nase läuft. Dass ihre Platten von der Kritik mit Verachtung ausgenommen werden, ist für Spinal Tap nichts Neues, der finanzielle Misserfolg hingegen ist ihnen bisher fremd gewesen. Diese Fallhöhe macht den Film aus. Wir lieben es, den Aufstieg eines Stars zu beobachten - noch viel mehr kitzelt es unseren Voyeurismus, seinem Niedergang beizuwohnen. In seinem gockelhaften Gehabe erinnert David St. Hubbins nicht zufällig an Mick Jagger und dass zumindest äußerlich Lemmy von Motörhead für Derek Smalls Pate stand, ist schwer zu übersehen. Der Film verzichtet dabei auf Entwertungen. Eine so tumb-liebenswerte Figur wie Nigel Tufnel wäre dankbares Futter für eine gallespritzende Abrechnung mit dem arroganten Rockstar-Typus, doch das bleibt aus. Und wenn Derek Smalls seine Bandkollegen als „Feuer" und „Eis" klassifiziert und sich selbst in der Mitte als lauwarmes Wasser versteht, dann beschreibt dies seinen unbedarften Charakter am besten.

„Their appeal is becoming more selective." - Ian Faith auf die Frage, ob Spinal Taps Popularität sinkt

„This Is Spinal Tap" war seinerzeit kein großer kommerzieller Erfolg beschieden, zu einer Kinoauswertung in Deutschland kam es erst gar nicht und bis heute liegt der Streifen in keiner Synchronfassung vor. Als illegal kursierende Bootleg-Version begann er stattdessen sein langes Leben als Geheimtipp und schließlich als Kultstreifen in Musikerkreisen. Neben Regisseur Reiner wird auch jeder der drei Hauptdarsteller als Autor genannt. Doch ist es schwer zu sagen, wo das Skript beginnt und die Improvisation aufhört. Das gesamte Ensemble geht dermaßen in seinen Rollen auf, dass sie sogar den Audiokommentar zum Film „in character" durchführen und bis heute gelegentlich als Spinal Tap auftreten und Interviews geben. Mockumentaries leben davon, den Anschein von Realität zu erwecken. Es braucht nur einer der Beteiligten aus der Rolle zu fallen, um Zweifel beim Zuschauer zu sähen. Und so steht und fällt auch „This Is Spinal Tap" mit seinem Cast. Ausgetauschte Blicke zeugen von blindem Verständnis; in Interview-Szenen versuchen die Fake-Rocker, sich gegenseitig zum Lachen zu bringen. Authentische Zwischenmenschlichkeit perfektioniert das Spiel zwischen Schein und Sein – das weiter davon profitiert, dass das Dreiergespann ihre Instrumente selber spielt und die Songs aus ihrer Feder stammen. Spinal Tap ist eine echte Band - nur eben keine ernst gemeinte.

„Certainly, in the topsy-turvy world of heavy rock, having a good solid piece of wood in your hand is often useful." - Ian Faith über seine Angewohnheit einen Cricketschläger umherzutragen

„This Is Spinal Tap" ist auch deshalb ein ironisches Meisterwerk, weil es sich nicht nur über die Musikszene lustig macht, sondern auch das Kino an sich veralbert. Während die durchschnittliche Tournee-Doku, wie etwa Scorseses Altrocker-Auftrieb „Shine a Light", konsequent an der Oberfläche verharrt, hält Reiner im Stil des Cinema Verité immer drauf und lässt zu, dass sich seine Interviewpartner um Kopf und Kragen reden. Dieser Mikrokosmos folgt seiner eigenen Logik und diese einzufangen, ist Rob Reiner schlichtweg perfekt gelungen. „This Is Spinal Tap" ist ein brillant gespielter und hervorragend inszenierter Musikfilm, der nach allen Maßstäben als Klassiker gelten darf. Für Musiker, Musikliebhaber oder auch einfach nur für Menschen, die einen der lustigsten Filme aller Zeiten sehen wollen, senden Rob Reiner und Co. 84 Minuten live aus dem Paralleluniversum einer alternden Rockband. Großartig!
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