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    Nomadland
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Nomadland

    Prekäre Poesie

    Von Christoph Petersen
    Man kann es nicht anders sagen: Für Chloé Zhao läuft’s einfach! Nach ihrem Festival-Geheimtipp „Songs My Brother Taught Me“ und dem Arthouse-Hit „The Rider“ übernahm die Regisseurin und Drehbuchautorin die Verantwortung für den kommenden Marvel-Blockbuster „Eternals“ mit Angelina Jolie. Trotz des hochbudgetierten Mammut-Projekts fand sie „nebenbei“ aber auch noch die Zeit, um mit „Nomadland“ einen weiteren „kleinen“ Film zu drehen, der bei seiner Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde und somit als einer der Topfavoriten in die anstehende Oscar-Saison startet.

    Dabei bleibt nur zu hoffen, dass „Nomadland“ nicht unter der schieren Last dieser Vorschusslorbeeren leidet – denn das Roadmovie-Drama ist das genaue Gegenteil einer klassischen Oscar-Produktion, bei denen es häufig eben auch darum geht, die eigenen Ambitionen und das eigene Pathos mit möglichst breiter Brust auszustellen. „Nomadland“ hingegen ist – wie seine in klapprigen Wohnwagen hausenden Protagonisten – durch und durch bescheiden: Statt auf laute Töne oder großgemachte Gefühle setzten Chloé Zhao und ihre Hauptdarstellerin Frances McDormand auf die in ihren Händen gewaltige Kraft leiser Poesie.

    Frances McDormand hat gute Chancen, für "Nomadland" ihren dritten Oscar abzustauben.


    Selbst nach dem Tod ihres Mannes ist Fern (Frances McDormand) in der Kleinstadt Empire wohnen geblieben. Aber nach der Schließung des einzigen großen Arbeitgebers wurde schließlich sogar die Postleitzahl des Ortes gestrichen. Seitdem lebt Fern in ihrem kleinen Transporter – und fährt immer dorthin, wo es gerade einen Job für sie gibt. Allerdings funktioniert das nicht immer so reibungslos wie in den Wochen vor Weihnachten, wo sie als Packerin in einem riesigen Amazon-Lager gutes Geld verdient.

    Dabei müsste sich Fern gar nicht derart abplagen. Sie hätte genug Möglichkeiten, wieder in eine „normale“ Existenz zurückzukehren. Aber trotz der Mühsal, der Gefahren und der ständigen Rückschläge schätzt sie das Leben im Auto – die Freiheit, die Menschen und dass man sich von niemandem endgültig verabschieden muss, weil man ihn irgendwann „die Straße runter“ sicherlich noch einmal wiedersehen wird…

    Kein Problemfilm


    „Nomadland“ basiert lose auf dem Sachbuch-Bestseller „Nomadland: Surviving America In The Twenty-First Century“, für den sich Jessica Bruder ein Jahr lang sogenannten „Arbeitsnomaden“ angeschlossen hat. Aber auch wenn die Journalistin ein Schlaglicht auf die Schattenseiten der amerikanischen Wirtschaft wirft, ist ihr Buch mehr als eine Anklage des Systems – an vorderster Stelle stehen stattdessen die Menschen, deren Warmherzigkeit, Widerstandskraft und Kreativität Jessica Bruder in ihrem Jahr auf der Straße kennen und schätzen gelernt hat.

    Chloé Zhao hat dabei nicht nur viele der Protagonisten aus dem Buch in ihren Film eingeladen, um nun auf der großen Leinwand ihre – bisher nur selten beachteten – Geschichten zu erzählen. Sie wahrt darüber hinaus auch den unvoreingenommenen Geist der Vorlage: In seinem Auto zu leben und von Job zu Job zu ziehen, ist in „Nomadland“ nicht per se etwas Schlechtes, für das man in allen Fällen eine Lösung finden muss – stattdessen wird mit atemberaubenden Panoramen und leiser Poesie ein Freiheit atmender Pioniergeist heraufbeschworen, ohne deshalb die kleinen und großen Probleme und Gefahren des harten Nomaden-Alltags auszusparen. „Nomadland“ stilisiert die modernen Nomaden weder zu Opfern noch zu Helden – und setzt ihnen gerade deshalb ein so eindringliches Denkmal.

    Eine Oscargewinnerin unter lauter Laien


    Wie in den ersten beiden Filmen von Chloé Zhao sind auch in „Nomadland“ die meisten Darsteller Laien, die auf der Leinwand eine Version von sich selbst verkörpern – nur thront mittendrin diesmal Frances McDormand („Fargo - Blutiger Schnee“) als zugleich liebevolle und widerborstige Fern, bei der man lange nicht durchschaut, ob sie eigentlich vor etwas davon oder zu etwas hin läuft. Normalerweise stellt sich bei solch einer Schauspieler-mit-Laien-Situation immer die Frage, ob die Amateure mit dem Profi mithalten können…

    … aber in „Nomadland“ ist fast das Gegenteil der Fall: Denn die „echten“ Nomaden bringen schließlich genau jene Authentizität mit, die auch Frances McDormand mit ihrer Performance anstrebt (und auch erreicht): Gleich in der ersten Szene des Films parkt Fern an einem Highway-Straßenrand, um irgendwo im fröstelnden Nirgendwo des verschneiten South Dakota an einen Rinderzaun zu pinkeln – und auch sonst agiert die zweifache Oscar-Gewinnerin konsequent uneitel. Dabei bewahrt sie sich zwar ihren eigenbrötlerischen No-Nonsens-Gestus, agiert aber zugleich sehr viel zurückgenommener als etwa in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“.

    Intime Geschichten in gewaltigen Landschaften...


    Der Zuschauer treibt durch den Film wie die Nomaden durch die Jahreszeiten, in denen jeweils immer andere Jobs für sie abfallen. Kaum einmal sieht man Fern beim Fahren im Auto – stattdessen geschehen die Übergänge von einer Camp-Stätte zur nächsten meist übergangslos. Die Orte sind genauso flüchtig wie die Bekanntschaften, die zwar oft nur kurz und trotzdem so tief und innig sind: Hier redet kaum jemand Bullshit, Smalltalk gibt es quasi nicht – stattdessen geht es gleich ans Eingemachte, also um die kleinen, aber allein da draußen plötzlich riesengroße Probleme (wie einen geplatzten Reifen) oder eben die Träume, die einen immer weiterziehen lassen.

    Chloé Zhao hüllt das in Landschaftsaufnahmen voller Poesie und Anmut, die sich trotz ihrer Bildgewalt nie in den Vordergrund drängen – unterlegt von einem subtilen Score des italienischen Komponisten Ludovico Einaudi, der nur deshalb nicht als Favorit ins Oscar-Rennen geht, weil die Stücke, für die er sich von seinen Wanderungen durch die Alpen inspirieren ließ, überwiegend von einem früher veröffentlichten Album stammen. Aber auch wenn „Nomadland“ damit in der Kategorie Bester Score nicht teilnahmeberechtigt ist, wird in der kommenden Award-Saison kaum ein Weg an dem Drama vorbeiführen. Da drückt man gerne die Daumen, weil es eben für keine Sekunde so wirkt, als hätten es die Macher - anders als bei klassischen Oscar-Projekten wie „Green Book“ & Co. – es speziell auf solch einen Preisregen angelegt…

    Fazit: Mit „Nomadland“ entwickelt „The Rider“-Regisseurin Chloé Zhao – trotz des zwischenzeitigen Marvel-Blockbuster-Gigs – ihre ganz eigene Art des Filmemachens konsequent weiter. Ein berührendes, bildgewaltiges und trotzdem durch und durch bescheidenes Roadmovie voll flüchtigem Glück, das gerade deshalb so tief berührt, weil es nicht auf die Tränendrüse drückt.

    Wir haben „Nomadland“ auf dem Filmfest Hamburg gesehen

     

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