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    Possession
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Possession
    Von Gregor Torinus
    Als 1981 Andrzej Zulawskis „Possession" erschien, fiel der Film sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum durch. In Deutschland kam der im geteiltem Berlin spielende Film erst gar nicht in die Kinos. Dabei ist „Possession" alles andere als ein schlechter Film. Es hat einfach seine Zeit gedauert, bis diese einmalige Mischung aus extremen Psychodrama, ätzender Gesellschaftssatire und surrealem Horrorfilm sein Publikum fand. An den internationalen Kinokassen war „Possession" zwar ein allgemeiner Misserfolg, doch auf Video avanzierte das verquere Meisterwerk noch während der 80er Jahre zum Kultfilm. Inzwischen ist „Possession" beim Label Bildstörung in hervorragender Qualität auf DVD erschienen – die erste deutsche Veröffentlichung dieses Filmes überhaupt.

    Der Agent Mark (Sam Neil) kommt nach einer längeren berufsbedingten Abwesenheit zu seiner Frau Anna (Isabelle Adjani) und dem gemeinsamen kleinen Sohn Bob (Michael Hogben) zurück. Doch der Haussegen hängt schief, da Anna ein Verhältnis zu haben scheint. Der scheinbare Nebenbuhler ist auch relativ schnell in der Person des linksintellektuellen Esoterik-Freaks Heinrich (Heinz Bennet) gefunden. Allerdings hat auch dieser Anna schon längere Zeit nicht mehr gesehen. Gibt es also noch einen weiteren Mann in Annas Leben? Um das herauszufinden heuert Mark einen Privatdetektiv an. Was dieser herausfindet liegt jenseits des Vorstellungsvermögens aller Beteiligten...

    „Possession" ist ein Film der Brüche. Und zwei bedeutsame Brüche im Leben des polnischen Regisseurs gingen der Entstehung dieses Ausnahmefilms voraus. 1977 stoppte die polnische Regierung die Arbeit an Zulawskis Science-Fiction-Epos „Der silberne Planet", da der Film zu Recht als politisch subversiv empfunden wurde. Daraufhin verließ er endgültig sein Heimatland, um seine künstlerischen Visionen ohne Einschränkungen durch die kommunistische Zensur verwirklichen zu können. Als dann auch noch seine Ehe mit der polnischen Schauspielerin Malgorzata Braunek in die Brüche ging, schien Zulawskis Leben in Trümmern zu liegen. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse schrieb er gemeinsam mit dem Amerikaner Frederic Tuten das Drehbuch zu „Possession". Doch selbst Tuton war bis zu den Dreharbeiten nicht klar, wie radikal die filmische Umsetzung der bereits als Skript außergewöhnlichen Geschichte geraten würde.

    Laut Aussage des Regisseurs wurde Berlin ganz bewusst als Drehort gewählt, da er dort dem Ostblock vom Westen her so nah wie nirgendwo sonst kommen konnte. Und so feiert „Possession" auch keine Berlin-Romantik sondern konfrontiert das Publikum bereits in den ersten Einstellungen mit Bildern von der Mauer, den Grenzposten und direkt im Todesstreifen gelegenen Gräbern von erschossenen Flüchtlingen. Auch die Wohnung, in der die Protagonisten wohnen, liegt direkt an der Mauer. Und der Grenzposten, der per Fernglas in diese Wohnung hineinspäht, ist ein realer Grenzposten, der die Dreharbeiten zum Film observiert. Somit erzeugt „Possession" von Anfang an den Eindruck eines äußerst starken Realitätsbezugs.

    Diese bedrohlich-düstere Stimmung wird noch durch die durchgehend eiskalt-blaustichigen Weitwinkelaufnahmen des Kameramanns Bruno Nuytten gesteigert. Die optische Gestaltung trägt auch dazu bei, dass sehr früh eine starke innere Unruhe im Film spürbar wird. Die Handkamera ist zumeist ganz nah an den Protagonisten dran und verfolgt diese auf Schritt und Tritt. Oder sie umkreist nervös das Geschehen, etwa in der Szene, in der Mark seine Auftraggeber trifft. Dabei vermeidet Nuytten die heutzutage modischen Verwacklungen, die gleich zeigen, dass eine Handkamera am Werke ist. Seine Arbeit ist zu jedem Zeitpunkt ebenso flüssig wie präzise und entwickelt so trotz aller Expressivität eine Sogwirkung statt zu verwirren.

    Mehr als nur expressiv ist auch das Spiel aller Hauptdarsteller. Was hier insbesondere Isabelle Adjani an Gefühlsausbrüchen auf die Leinwand bringt, geht bis an die Grenze des Darstellbaren. Schnell festigt sich der Eindruck, es hier mit einem extremen Psychodrama zu tun zu haben. Das ist allerdings nur eine Seite des Films. Recht früh machen sich auch erste Irritationen bemerkbar, die dem gesamten Geschehen eine leicht surreale Note geben. Der zentrale Ehestreit ist so extrem dargestellt, dass zwischenzeitlich fraglich wird, wie ernst all das gemeint sein kann. Hinzu kommen merkwürdige Details, die allerdings nur vordergründig nicht zum ernsten Tonfall des Films passen. So fragt einer der Auftraggeber Marks zu Beginn, ob die zu observierende Zielperson noch immer rosa Socken trage. Und Annas deutscher Freund Heinrich ist solch eine Karikatur eines eitlen Linksintellektuellen, dass viele seiner Szenen fast zur Komödie geraten.

    All dies kann jedoch nicht hinreichend darauf vorbereiten, welche Richtung der Film noch einschlagen wird. Nach rund vierzig Minuten mutiert „Possession" im wahrsten Sinne des Wortes immer mehr zu einem im Reich der Phantastik angesiedelten Horrorfilm. Was es mit Annas unbekanntem Liebhaber tatsächlich auf sich hat, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Aber auch andere Details wie der Umstand, dass Bobs ebenfalls von Isabelle Adjani gespielte Lehrerin Helen seiner Mutter bis auf Haar gleicht, rücken den Film im immer mehr in den Bereich des Phantastischen. Bei einem so rätselhaften Film wirkt es fast schon konsequent, dass bis zum Schluss nicht alle losen Enden zusammengeführt werden. Was es etwa mit der besagten Lehrerin auf sich hat, darüber kann nicht bloß Mark nur Theorien aufstellen. „Possession" ist trotz seines ausgeklügelten Drehbuchs und des realitätsnahen Grundtons alles andere als ein klassisch erzählter Film. Die tieferen Wahrheiten, die in diesem Schlüsselwerk Zulawskis enthalten sind, erschließen sich nicht über die Handlung, sondern sind eher auf emotionaler und auf symbolischer Ebene zu finden. Auch eine genaue filmische Zuordnung ist kaum möglich. Zulawski verschmilzt in „Possession" Elemente des europäischen Autorenkinos und des amerikanisch geprägten Genrefilms zu etwas ebenso Neuem wie Fremdem. „Possession" ist ein Alien von einem Film. Allerdings kein freundlicher Alien, wie Steven Spielbergs fast zeitgleich entstandener Kassenschlager „E.T.", sondern eher so etwas wie ein früher filmischer Vorläufer zur Musik von Aphex Twin.

    Fazit: „Possession" ist ein experimentelles, irritierendes und beklemmendes Filmkunstwerk – dass es eine Weile dauerte ehe Zulawskis Film sein Publikum gefunden hatte verwundert nicht. Wer sich auf „Possession" einlässt, wird mit einer ebenso unbequemen wie faszinierenden Erfahrung belohnt.
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