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    The Vigil - Die Totenwache
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Vigil - Die Totenwache

    Dämonenvertreibung ohne Kruzifix

    Von Christoph Petersen
    Gerade wenn sich Horrorfilme handwerklich auf die eher traditionellen Tugenden des Genres verlassen, also viel mit plötzlichen Schnitten und lauten Geräuschen arbeiten, hilft es oft, wenn sie zumindest an einem unorthodoxen Schauplatz spielen. Dieser verleiht ihnen dann trotz altbekannter Schreckens-Taktiken oftmals eine gewisse Frische.

    Bei „The Vigil – Die Totenwache“, der im vergangenen Jahr in der Sektion Midnight Madness des Toronto Filmfestivals seine Weltpremiere feierte, ist nun allerdings das genaue Gegenteil der Fall – das größte Pfund des Dämonen-Horrors von Keith Thomas ist schließlich genau das: sein besonders orthodoxes Setting.

    "The Vigil" liefert Einblick in eine Gemeinde, von der man ansonsten nur wenig mitbekommt ...


    „The Vigil“ spielt nämlich in einer chassidistischen (sprich: ultraorthodox-jüdischen) Gemeinde in New York. Yakov Ronen (Dave Davis) hat sich vor einiger Zeit nach einer traumatischen Erfahrung von der Glaubensgemeinschaft abgewandt und besucht nun eine Selbsthilfegruppe, die aus weiteren Aussteigern besteht. Schließlich wurde ihnen bisher von niemandem beigebracht, wie man da draußen in der „realen“ Welt besteht – schon das Schreiben einer Bewerbung oder das Ansprechen einer Frau stellt für Yakov große Herausforderungen dar. Auch das Geld ist knapp, gerade in Anbetracht der saftigen Mieten in Brooklyn.

    Da kommt Yakov das Angebot seines strenggläubigen Freundes Reb Shulem (Menashe Lustig) gerade recht, für 400 Dollar eine Nacht lang die Totenwache für einen verstorbenen alten Mann zu übernehmen, dessen demente Witwe Mrs. Litvak (Lynn Cohen) sich nicht selbst darum kümmern kann. Scheinbar leicht verdientes Geld – nur ein paar Stunden im Wohnzimmer des kleinen Hauses herumsitzen und ab und zu ein paar Psalmen rezitieren. Aber da hat Yakov die Rechnung ohne den Dämon gemacht, der nach dem Tod seines bisherigen Opfers nach einem neuen Wirt sucht…

    Nicht neu, aber effektiv


    Keith Thomas erfindet das Rad mit seinem bescheidenen Debüt sicherlich nicht neu – trotzdem ist „The Vigil“ einer dieser auf engstem Raum angesiedelten Horrorfilme, in denen die erprobten Mechanismen des Genres derart effektiv und stilsicher angewandt werden, dass man sich dennoch durchgehend wohlig gruseln (und bei den zahlreichen Jump Scares im Sitz aufspringen) kann. Schon auf einer rein handwerklichen Ebene hat „The Vigil“ den Produzentenpapst Jason Blum („Get Out“, „Halloween“) so sehr überzeugt, dass er Keith Thomas als Nachfolgeprojekt bereits das sehr viel höher budgetierte Remake von Stephen Kings „Der Feuerteufel“ anvertraut hat.

    Aber das Besondere an „The Vigil“, abgesehen von der starken Leistung von Dave Davis („Bomb City“), der hier über weite Strecken eine einnehmende One-Man-Show abliefert, bleibt eben ohnehin das Setting: Nicht nur wirkt es erfrischend, wenn bei einer Dämonenvertreibung nicht automatisch erst mal Bibel und Kruzifix hervorgekramt werden. Keith Thomas liefert zusätzlich auch immer wieder spannende Einblicke in eine Gemeinschaft, die sich ansonsten gerade durch ihre Abgeschirmtheit auszeichnet. Dabei begegnet er den orthodoxen Gläubigen mit einer im Gruselgenre ungewöhnlichen Offenheit und Ambivalenz – sie sind weder die ultimativen Heilsbringer noch ist ihr strenger Glauben etwas, das zwingend als böse entlarvt werden muss.

    ... und zieht dann mit Schmackes die Spannungskurve an.


    Auch die sogenannten Mazzikim hat man jetzt im Kino noch nicht allzu oft zu sehen bekommen: Die jüdischen Dämonen laben sich am Schmerz ihrer Opfer – und genau das ist eine weitere Stärke des Films. Keith Thomas schlägt einen Bogen aus der beengten Wohnstube, in der der Tote aufgebahrt liegt, über die Schrecken des Holocaust bis hin zu antisemitischen Attacken im heutigen New York und entwickelt dabei tatsächlich einen Schmerz, der einem tief in die Glieder fährt. Und das ist ja häufig der effektivste Grusel – also jener, der aus wahrem Horror entspringt.

    Fazit: Ein Film für Fans von minimalistischem, aber effektivem Gruselkino, der zudem stark von seinem orthodoxen Schauplatz profitiert.

    Wir haben „The Vigil – Die Totenwache“ auf den Fantasy Filmfest Nights gesehen.

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