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    Dead Man
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Dead Man
    Von Ulrich Behrens

    Der Mensch des Menschen Wolf ...

    „To see a world in a grain of sand,

    And a heaven in a wild flower,

    Hold infinity in the palm of your hand,

    And eternity in an hour.

    A robin redbreast in a cage

    Puts all heaven in a rage.

    A dove-house fill'd with doves and pigeons

    Shudders hell thro' all its regions.

    A dog starv'd at his master's gate

    Predicts the ruin of the state.

    A horse misused upon the road

    Calls to heaven for human blood.

    Each outcry of the hunted hare

    A fibre from the brain does tear.“ [1]

    Wege, die sich kreuzen oder auch nicht. Strecken, die zurückgelegt werden. Endlos scheinende Wege, durch eine Wildnis, die keine mehr ist, durch eine Zivilisation, die etwas auf sich hält, vor allem auf ihre kulturelle Hybris gegenüber allem, was nicht weiß, nicht europäisch, nicht indianisch und nicht schwarz ist. Wege, die zu nichts zu führen scheinen – in einem „kulturell erschlossenen“ Land, dessen Weite eben doch nicht endlos und dessen Kultur eben doch nicht hochstehend ist. „Machine“ – ein Ort am Arsch der Welt, schmutzig, schlammig, verkommen, verkorkst, eben Sinnbild der „neuen Welt“, des nicht mehr so neuen Amerika, Symbol für die Maschine, die sich durch die Weite des Westens unaufhaltsam vorwärts bewegt, bis zum Pazifik, mal als Dampfwalze, die alles nieder macht, was sich ihr in den Weg stellt – vor allem Indianer und ihre Habe, ihre Zelte –, mal als scheinbar örtlich gebundene Industrieanlage, die von einem der Protagonisten der „neuen Welt“, Mr. John Dickinson (Robert Mitchum), in patriarchalisch-diktatorischer Manier mit dem Colt oder dem Gewehr in der Hand verteidigt wird – ein Werk, herüber exportiert aus der alten Welt, wiederholend, was in nur wenigen Jahrzehnten schon in Europa die Welt umgekrempelt hat für die neuen Herren und die neuen Sklaven. Es ist angerichtet.

    „A skylark wounded in the wing,

    A cherubim does cease to sing.

    The game-cock clipt and arm'd for fight

    Does the rising sun affright.

    Every wolf's and lion's howl

    Raises from hell a human soul.

    The wild deer, wand'ring here and there,

    Keeps the human soul from care.

    The lamb misus'd breeds public strife,

    And yet forgives the butcher's knife.

    The bat that flits at close of eve

    Has left the brain that won't believe.

    The owl that calls upon the night

    Speaks the unbeliever's fright.“ [1]

    Das „Zeitalter der Industrialisierung“ hat alles gleich gemacht: die Menschen, die nun entweder arbeiten oder Unternehmer sind, die Städte, die alle gleich aussehen, wie der Indianer Niemand (Gary Farmer) konstatiert, der durch halb Amerika und dann über den Atlantik nach England verschleppt wurde, bis er in seine kaum wieder zu erkennende Heimat zurückkommen konnte. Jetzt hat das „kulturelle Aufbauwerk“ hier den Hobel angesetzt.

    Nur der Unschuldige, der unbedarfte junge Mann, der in der Eisenbahn sitzt, mit einer Nickelbrille auf der Nase, einem karierten Anzug aus Cleveland, einem Koffer – der sieht das alles nicht, der kennt nichts und der weiß nichts, vor allem nicht, was ihn erwartet, in „Machine“. Eine Stelle wurde ihm, Mr. William Blake (Johnny Depp), zwei Monate zuvor versprochen, eine Stelle als Buchhalter bei Mr. Dickinson. Da sitzt er, im Zug, der sich durch die amerikanischen Landschaften bewegt, als wäre hier nichts geschehen, als sei alles in Ordnung. Schweigend sitzt er in seinem Abteil. Die Fahrgäste wechseln, keiner sonst spricht ein Wort. Ein paar Blicke hier und da. Nur der im Gesicht von Ruß geschwärzte Maschinist (Crispin Glover) spricht ihn an, und wir erfahren, dass Blake seine Eltern verloren hat und nun auf eine neue Zukunft in „Machine“ hofft. Ha, was glaubt der, wo er hinkommt und was ihn erwartet.

    „He who shall hurt the little wren

    Shall never be belov'd by men.

    He who the ox to wrath has mov'd

    Shall never be by woman lov'd.

    The wanton boy that kills the fly

    Shall feel the spider's enmity.

    He who torments the chafer's sprite

    Weaves a bower in endless night.

    The caterpillar on the leaf

    Repeats to thee thy mother's grief.

    Kill not the moth nor butterfly,

    For the last judgement draweth nigh.“ [1]

    Was ihn erwartet? Mr. Dickinson hat längst einen Buchhalter, und sein Adjutant Scholfield (John Hurt) und die anderen Angestellten des kapitalistischen Patriarchs im Büro lachen hämisch, als Blake darauf besteht, Dickinson persönlich sprechen zu wollen. Der jagt ihn mit der Flinte hinaus. Aus der Traum. Und wie das Schicksal so spielt, wenn man keinen Cent mehr in der Tasche hat, nimmt das Drama seinen Lauf. Der Papierblumen verkaufenden jungen Thel (Mili Avital) schaut Blake ein bisschen zu tief in die Augen und in den Üppiges enthüllenden Ausschnitt. Ihr Freund Charlie (Gabriel Byrne), Sohn von Dickinson, überrascht die beiden im Bett, erschießt Thel, nachdem sie ihm erklärte, sie habe ihn nie geliebt, und trifft auch Blake, woraufhin dieser, unerfahren im Umgang mit rauchenden Colts, Charlie beim dritten Versuch tödlich im Hals trifft – und von einer Sekunde auf die andere zum Outlaw wird, auf den Dickinson die drei Killer Cole Wilson (Lance Henriksen), Conway Twill (Michael Wincott) und „The Kid“ Pickett (Eugene Byrd) ansetzt.

    Wieder Schicksal: Nobody, der Indianer, der von seinem Stamm weggegangen ist, der alleine und philosophierend durch die Berge, Wälder und Prärien zieht, findet den verletzten Blake, versorgt ihn – und hält ihn für den englischen Dichter gleichen Namens. Der Dichter ist tot, und den, den Niemand hier sieht, sehen will, dass ist der Dichter auf seinem letzten Weg in die ewigen Jagdgründe, einer, der seinen Tod noch nicht gefunden hat, weil er ihn vielleicht nicht akzeptieren will. Niemand sieht seine Aufgabe darin Blake, den vermeintlichen Dichter, auf seinem Weg zu begleiten, ihn vor dem Zugriff durch die Blake verfolgenden Killer zu schützen. „Hast du Tabak?“ Nein, Blake hat keinen Tabak, er raucht nicht, und muss sich doch diese Frage mehrmals anhören. Rauchen steht hier auch für eine Art symbolisch-kulturelle Untermauerung der eigenen Vergänglichkeit.

    „He who shall train the horse to war

    Shall never pass the polar bar.

    The beggar's dog and widow's cat,

    Feed them and thou wilt grow fat.

    The gnat that sings his summer's song

    Poison gets from slander's tongue.

    The poison of the snake and newt

    Is the sweat of envy's foot.

    The poison of the honey bee

    Is the artist's jealousy.

    The prince's robes and beggar's rags

    Are toadstools on the miser's bags.

    A truth that's told with bad intent

    Beats all the lies you can invent.“ [1]

    Warum glaubt dieser William Blake nicht an seinen Tod? Weil der weiße Mann den Tod in seinem Leben nicht wirklich einkalkuliert hat. Die „neue Welt“ ist eine Welt der scheinbar Unsterblichen, eine des unaufhaltsamen, rastlosen und endlosen Fortschritts, der sich mit Gewalt und Geld seine Wege bahnt – Wege, nicht zu verwechseln mit den Pfaden, auf denen Niemand auf seinem Pferd dahin trabt, Wege, die so breit sind wie ein ganzer Landstrich.

    Blake, verletzt, unfähig sein Schicksal als Outlaw nun in die eigene Hand zu nehmen, zu reagieren und zu agieren, ist auf dem Weg, den ihm ein anderer weist. Er erwehrt sich seiner Verfolger, zum Beispiel der beiden glatzköpfigen Marshalls (Mark Bringleson, Jimmy Ray Weeks), des auf die Belohnung gierigen Händlers auf der Poststation (Alfred Molina), der drei die Bibel zitierenden Fellhändler (Iggy Pop, Billy Bob Thornton, Jared Harris), die alle das Zeitliche segnen, während der skrupellose Kopfgeldjäger Cole Wilson sich seiner beiden ihm von Dickinson aufgezwungenen Partner entledigt.

    Nur Niemand weiß, was William Blakes Schicksal sein wird. Er, der an Mythen und die Kraft der Natur glaubende Indianer – ein dicker Indianer mit zerzaustem Federschmuck auf dem langen schwarzen Haar –, ist sich seiner und des Schicksals sicher. Die Welt der Geister ist die Welt, in der Blake aufgehoben scheint.

    „It is right it should be so;

    Man was made for joy and woe;

    And when this we rightly know,

    Thro' the world we safely go.

    Joy and woe are woven fine,

    A clothing for the soul divine.

    Under every grief and pine

    Runs a joy with silken twine.

    The babe is more than swaddling bands;

    Every farmer understands.

    Every tear from every eye

    Becomes a babe in eternity;

    This is caught by females bright,

    And return'd to its own delight.

    The bleat, the bark, bellow, and roar,

    Are waves that beat on heaven's shore.“ [1]

    Jim Jarmuschs „Dead Man“ ist nicht nur formal ein Western, der gegen fast alle Klischees und Regeln des Genres inszeniert ist: Ein Outlaw wider Willen, ein unfreiwilliger Held, der keiner ist, ein Indianer, der nach körperlichem Aussehen und Mentalität eher als verkleideter Indianer wirkt, drei Killer, von denen einer ein Kannibale, der seine Eltern missbraucht, ermordet und gegessen hat, der andere ein endloser Schwätzer ist – vor allem aber eine Geschichte, die nicht in Ruhm und Ehre, Rettung und Erlösung endet und die amerikanische Gesellschaft als kulturell hochstehende aussehen lässt und immer wieder reproduziert, sondern eine Handlung, die von vornherein das Todbringende in zweierlei Hinsicht vor Augen führt: William Blake hat in dieser Welt nichts verloren. Der Irrtum, dem Niemand in der Person des Buchhalters unterliegt, ist nur die eine Seite der Reise in die ewigen Jagdgründe. Die andere besteht in der Leere, nachdem Blakes Illusionen nach dem Rausschmiss bei Dickinson zerbrechen und durch nichts ersetzt werden. Blake ist dem Leben ausgeliefert und damit dem Tod - a dead man. Sein Tod ist „beschlossene Sache“, sein Tod als Outlaw oder sein Tod als vermeintlicher Dichter in einem mit allerlei Dingen der Natur ausgestatteten Boot, in das ihn Nobody bettet. Blake endet als „legendärer“ Outlaw – wie viele vor ihm. Für Niemand aber endet er als der große Dichter William Blake.

    Andererseits das Todbringende des Westens, der „neuen Welt“, in der außer halsabschneiderischen und skrupellosen Industriekapitalisten wie Dickinson nur Wegelagerer wie die drei Killer und die drei Fellhändler zu existieren scheinen. Jarmuschs Sicht auf die amerikanische Geschichte, aber auch auf die Filmgeschichte und ihr Western-Genre ist eben eine ganz andere, eine wirklich eigene, ein besonderer Kommentar zur Geschichte der Zivilisation, eine spezifische Fußnote zu unserer Kultur, vorab der amerikanischen.

    „The babe that weeps the rod beneath

    Writes revenge in realms of death.

    The beggar's rags, fluttering in air,

    Does to rags the heavens tear.

    The soldier, arm'd with sword and gun,

    Palsied strikes the summer's sun.

    The poor man's farthing is worth more

    Than all the gold on Afric's shore.

    One mite wrung from the lab'rer's hands

    Shall buy and sell the miser's lands;

    Or, if protected from on high,

    Does that whole nation sell and buy.

    He who mocks the infant's faith

    Shall be mock'd in age and death.

    He who shall teach the child to doubt

    The rotting grave shall ne'er get out. [...]“ [1]

    Unterstützt wird dies durch die wieder einmal exzellente Kameraarbeit Robby Müllers, der dem in Schwarz-Weiß gedrehten Film Szenen abgewinnt, die diesen anderen Blick hervorheben. Bereits in den Anfangssequenzen erweist sich dies, wenn Müller nur eingeschränkte Blicke nach außen und die Sicht auf die Räder der Eisenbahn erlaubt, wenn er später den Weg der Darsteller vor allem als einen Weg im Kreis visualisiert, als einen inneren Weg ohne Ausweg, ohne Alternative, der mit den Pfaden da draußen kaum etwas zu tun hat. Hinzu kommen die genialen Gitarrenriffs von Neil Young, vor allem das beherrschende „Dead Man Theme“.

    „The whore and gambler, by the state

    Licensed, build that nation's fate.

    The harlot's cry from street to street

    Shall weave old England's winding-sheet.

    The winner's shout, the loser's curse,

    Dance before dead England's hearse.

    Every night and every morn

    Some to misery are born,

    Every morn and every night

    Some are born to sweet delight.

    Some are born to sweet delight,

    Some are born to endless night.

    We are led to believe a lie

    When we see not thro' the eye,

    Which was born in a night to perish in a night,

    When the soul slept in beams of light.

    God appears, and God is light,

    To those poor souls who dwell in night;

    But does a human form display

    To those who dwell in realms of day.“ [1]

    „Dead Man“ zeigt Wege, die keine wirklichen sind, die zu nichts führen als dem Tod, Wege einer Kultur, die sich selbst genügsam ist und in der das Leben keine wirkliche, und das heißt auch: keine spirituelle Wirklichkeit einschließende Bedeutung hat. Und der Film zeigt analog dazu Räume, deren klaustrophobische Enge erschreckend ist, zumal diese Räume in der schier endlosen Weite des Westens angesiedelt sind. Dass Jarmusch seinen Protagonisten dennoch Komik in der Tragik abgewinnt, dürfte nach „Down by Law“, „Night on Earth“, „Stranger than Paradise“ und zuletzt „Coffee and Cigarettes“ kaum verwundern.

    Johnny Depp und Gary Farmer überzeugen ebenso wie Alt-Mime Robert Mitchum sowie Michael Wincott und Lance Henriksen. Für Depp eine Paraderolle, für Farmer eine (gut genutzte) Chance, einen ganz besonderen Indianer darzustellen.

    [1] William Blake: Auguries Of Innocence, geschrieben zwischen 1800 und 1803, zuerst veröffentlicht 1863 (Auszug)

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