5 - Spitzenklasse
Großartige Schauspieler in der schönsten Stadt der Welt, eine sensible Inszenierung und doch bleibt ein schaler Nachgeschmack. Das Problem ist nicht der Film, Regisseur und Ensemble haben Shakespeare alle Ehre gemacht, sondern das zugrunde liegende Stück. Der Film ist ganz großes Kino, soweit es das Stück zuläßt. Ich habe nie begriffen, warum es in die Rubrik »Komödie« fällt, bis zur Urteilsverkündung in dem unsäglichen Prozeß, in dem Shylock nicht nur betrogen, sondern durch die Zwangstaufe auch noch um seine Existenz gebracht (als Christ darf er kein Geld verleihen, als Jude kein Land besitzen, er kann also weder Händler noch Bauer sein) wird, ist das Stück ein Drama, eine Tragödie.
»Der Kaufmann von Venedig« ist ein Beziehungsdrama. Zunächst wäre da die Beziehung zwischen Antonio und Shylock, die einander in innigem Haß verbunden, beide wirtschaftlich erfolgreich und doch gebrochene Männer sind. Antonio verachtet und demütigt Shylock, tritt und bespuckt ihn, wo immer er kann. Und er verzehrt sich nach Bassanio, dem charmanten Tunichtgut und Mitgiftjäger, der über seine Verhältnisse lebt, und dem er hoffnungslos verfallen ist. Seine Liebe und Selbstentäußerung geht sogar so weit, daß er ein Pfund seines Fleisches an Shylock verpfändet, um dem geliebten Hallodri das Werben um die reiche Erbin Portia zu finanzieren. Er stellt Bassanios Glück (sofern man es Glück nennen kann, nur des Geldes wegen zu heiraten) über sein eigenes. Shylock wiederum wurde Zeit seines Lebens von Antonio (und seinesgleichen) verachtet, beschimpft, bespuckt, gedemütigt. Er ist Witwer, die einzige Freude in seinem Leben, seine Tochter Jessica, erweist sich später als leichtlebiges Miststück, das mit Vaters Vermögen und dem erstbesten Mann durchbrennt. Als Antonio Shylock um Kredit bittet, scheint sich das Blatt zu wenden: nun ist der Mann, der ihn stets mit Geringschätzung behandelt hat, auf ihn angewiesen. Shylock bewilligt ihm den Kredit zinslos, um damit den Widersacher zu beschämen, und fordert dafür ein (zunächst noch) symbolisches Pfand: ein Pfund Fleisch aus Antonios Leib im Falle der Zahlungsunfähigkeit. Wer könnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, daß alle Schiffe Antonios, die bereits auf der Rückfahrt nach Venedig sind und von denen jedes einzelne mehr als genug Waren zur Tilgung des Kredits an Bord hat, sinken?
Das Wesen der Tragödie ist es, aufs Verderben zuzusteuern, und so nimmt sie ihren Lauf, unausweichlich. Antonios Schiffe sinken, Jessica brennt mit einem vom Bassanios Freunden (und indirekt mit Antonios Hilfe) durch, Shylock hält seinen berühmten Monolog (»Er hat mich beschimpft, mir ’ne halbe Million gehindert; meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gehetzt. Und was hat er für Grund! Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?«), und es kommt zum Showdown im Duell der verbitterten Männer.
Keiner kann gewinnen. Schiffe gesunken, Bassanio weg, Geld weg, Jessica weg. Was bleibt, ist Shylocks Chance, Antonio um sein Leben winseln zu sehen, ihn vor aller Welt zu demütigen, so wie der Shylock ein Leben lang gedemütigt hat. Es geht Shylock nicht darum, tatsächlich das Pfund Fleisch aus Antonio herauszuschneiden. Was hätte er davon? Er will Genugtuung, und die kann nur darin bestehen, daß Antonio mit der Schmach lebt, nicht darin, daß er stirbt. Der Fall kommt vor Gericht, und ausgerechnet Portia zieht den Kopf ihres Nebenbuhlers mit einem überaus fadenscheinigen Advokatentrick aus der Schlinge. Das Resultat: zwei Männer, die um der Leidenschaft willen alles verloren haben und eine Frau, die im Begriff ist, um der Leidenschaft (und Eitelkeit) willen alles zu verlieren (sprich: einen Mitgiftjäger zu heiraten, der zuvor das elterliche, sein eigenes und Antonios Vermögen durchgebracht hat.) So weit, so tragisch.
Das anschließende neckische Pfänderspiel um Portias Ring mit allerlei shakespeareschen Versatzstücken nebst Verwechslungen und dem obligatorischen Cross-Dressing wirkt aufgesetzt, ganz als ob Shakespeare das Drama schon fertig geschrieben hatte und dann Queen Lizbeth gesagt hat: »Will, ich möchte nächste Woche eine Komödie von Dir im Globe Theatre sehen!«
Hinzugefügt am 08.12.2005 um 00:07 Uhr
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