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2 - Nicht gut
Kann die Vergangenheit begraben werden? - Der Film “Unkenrufe” nach dem Roman von Günter Grass versucht das Deutsch - Polnische Verhältnis satirisch zu entspannen.
Die menschliche Unke der Geschichte heisst Erna Brakup, eine Danziger Marktfrau, die nach dem Krieg in der Heimat geblieben ist und jetzt mit verschwörerischem Blick und ostpreussischem Akzent die neue Zeit mit ihren schicksalhaften Verwicklungen kommentiert. In ihre seherischen Zwischenrufe mischt sich das Quäken einer echten Unke wie eine schrille Mahnung. Auch so kann man Kassandra wieder auferstehen lassen. Aber wozu die Warnungen, ist doch die Katastrophe mit Zerstörung und Vertreibung längst Erinnerung, steht jetzt - 1989 - der Fall des Eisernen Vorhangs vor der Tür?
Tatsächlich beschwören die Unkenrufe die Vergangenheit herauf, wollen die Erinnerung wieder zum Leben erwecken, um sie für die Zukunft nutzbar zu machen. Dazu bedienen sie sich des Kunsthistorikers Alexander Reschke und der polnischen Restauratorin Alexandra Piatkowska, er aus Danzig vertrieben, sie aus Litauen. Ihr zunächst von Misstrauen und wechselseitigen Vorhaltungen geprägtes Zusammentreffen mündet in den Austausch von Kindheitserinnerungen, sie im Sowjetkommunismus, er bei den Nazis - erzählt in Rückblenden - bis aus Verständnis Liebe wird und eine Utopie Gestalt annimmt.
Versöhnungsfriedhöfe in Wilna und Danzig, in denen vertriebene Polen, bzw. deutsche Heimatvertriebene die letzte Ruhe finden können, organisiert und finanziert von einer Stiftung.
Bei der Umsetzung aber entwickelt sich die ernsthafte Erinnerungsarbeit zu einer Gegenwartsgroteske, die den Versöhnungsgedanken mehr und mehr satirisch pervertiert.
Zu Beginn entwickelt sich das Projekt durchaus stilvoll und mit Würde, so dass die ersten Familien ihre Angehörigen mit Freudentränen auf einer Urnengrabstätte in einem ruhigen Waldstück bestatten können. Dann der erste Konflikt: Die Litauer weigern sich, einen polnischen Friedhof einzurichten. Schliesslich eine Katastrophe: Einige Vertriebene versehen die Grabplatten mit Deutsch - Nationalen Parolen und rufen polnische Hooligans auf den Plan. Daraufhin wird um den Ort der Versöhnung eine Mauer gebaut.
Dann knirscht es im Stiftungsrat, ohnehin eine brisante Mischung: Ein schlitzohriger deutscher Bauunternehmer, eskortiert von einem Kirchenrat und einer Mitarbeiterin vom Bund der Vertriebenen, auf
polnischer Seite ein Priester, ein windiger Funktionär und ein devisenhungriger Banker. Das Stichwort Devisen lässt die Mehrheit der Organisatoren jetzt von einer lukrativen Verwertung des Bestattungstourismus träumen, von Seniorenheimen, von Freizeitanlagen bis hin zu Golfplätzen - sozusagen Spassprogramm vor dem Ende.
Angeekelt verlassen Alexander Reschke und seine Partnerin den Verein. Dann ein seltsames Zwischenspiel. Das Paar hat einen bengalischen Rikschafahrer kennen gelernt und will seine Rikschafabrik mit Stiftungsgeldern unterstützen. Das scheitert, aber warum überhaupt diese skurrile Figur? Sie ist ein ideeller Import, der auf die Erfahrungen von Günter Grass in Indien zurück geht.
Eine überflüssige Werktreue, so entbehrlich wie die Suche Reschkes nach dem Grab eines Bischofs mit nackten Frauenbildern - schale Altherrenfantasie. Auch die Erinnerung des Kunsthistorikers an einen Auftritt Hitlers in Danzig hätte man sich sparen können. Das Fahrzeug des “Führers” überfährt dabei eine Unke - eine allzu platte Pointe.
Stark jedoch der Tod der Seherin Erna Brakup. Sie will nicht auf dem Versöhnungsfriedhof begraben werden, dessen lebensfremde Künstlichkeit sie durchschaut hat.
Auch Alexander und Aleksandra nehmen Abschied von dem Wunsch, noch einmal Danzig zu sehen und zu sterben. Stattdessen entführt sie das Drehbuch in ihr Traumland Italien und lässt sie vor Neapel tödlich verunglücken. Damit stirbt auch ihre Erinnerungsarbeit.
Haben wir nun eine Komödie oder eine Tragödie gesehen? Eher absurdes Theater mit zu vielen Schauplätzen und dramaturgischen Brechungen bis hin zu unglaubwürdigen Überspitzungen.
Schade: Die Gestaltungskraft der Hauptdarsteller Matthias Habich und Krytyna Janda, die den Film prägt, hätte mehr Straffheit und Konsequenz verdient, vor allem mehr psychologische Entfaltung. So wird der Ernst der Frage vertändelt: Kann die Vergangenheit trotz des Schmerzes der Erinnerung so begraben werden, dass eine lebendige Zukunft entsteht. Freilich, wenn man den aktuellen Streit um das Zentrum der Vertreibung in Berlin betrachtet, dann hört man höhnisch die Unke rufen.
Hinzugefügt am 31.08.2005 um 17:44 Uhr
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