The Texas Chainsaw Massacre
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    Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion The Texas Chainsaw Massacre

    3,0

    Von Johannes Pietsch

    Die Geschichte des Kinos verläuft nicht linear, sondern gleicht eher einer Sinuskurve, also einem zyklischen Auf und Ab, dem recht starre Grenzen gesetzt sind. Jedes Genre und jeder Stil hat seine Zeit, Trends und Moden wiederholen sich, doch verlaufen diese Wiederholungen alles andere als synchron. Während Wes Cravens Scream in den 90er Jahren das große Revival des zu diesem Zeitpunkt gerade einmal etwas mehr als ein Jahrzehnt alten 80er-Jahre-Horrors einläutete, werden seit der Jahrtausendwende die harten Backwoods-Horrorfilme der 70er Jahre rekapituliert. Vor allem ein Film hat diesem Genre damals den Weg geebnet: Tobe Hoopers „The Texas Chainsaw Massacre“ (1974).

    Selten haben bei einem Film Ruf und wirklicher Inhalt so entscheidend auseinandergeklafft. Aus moderner Sicht ist der eklatante Widerspruch zwischen der formalen inhaltlichen und filmischen Öde dieses Werkes und der monströsen Wirkung, die es bis heute entfaltet, in keiner Weise mehr nachzuvollziehen. „The Texas Chainsaw Massacre“ gilt sowohl bei Fans als auch bei erklärten Gegnern als der Horror-Film der 70er Jahre schlechthin, als mystisch verklärter Kult-Klassiker, als Vorreiter aller späteren Slasher-, Killer- und Zombie-Orgien, als blut- und eingeweidespritzendes Fanal der gesamten Splatter-Wellen der nächsten Dekaden und als Objekt der hingebungsvollen Verehrung einer ganzen Generation von Horror-Adepten.

    Genau das ist „The Texas Chainsaw Massacre“ aber nicht. Den Grundstein des Splatter- und Hardcore-Horrors, der später in Gestalt von messerschwingenden Maskenträgern, eingeweidefressenden Zombies und Kannibalen über die Leinwände fegen sollte, legte nicht Tobe Hooper, sondern vielmehr George A. Romero 1968 mit Die Nacht der lebenden Toten, und seine Verkörperung wurde erst 1979 Zombie - Dawn of the Dead.

    Anerkennung oder gar Verehrung verdient Hoopers Schlachteplatte von 1974 hingegen keine Sekunde. Sein Film ist ein rohes, primitives, banales und ordinäres Machwerk, dem nicht einmal ansatzweise die filmhistorische Qualität zukommt, die ihm noch heute manche Kritiker zuschreiben. Alles daran ist billig, oberflächlich und geklaut. Als „ekelhaften Kotzbrocken“ haben Ronald M. Hahn und Volker Jansen den Streifen in ihrem „Lexikon des Horror-Films“ bezeichnet. Die Geschichte von fünf Jugendlichen, die in einer abgelegenen Gegend von Texas in die Hände einer Clique äußerlich ebenso wie geistig deformierter Irrer geraten und nacheinander abgeschlachtet werden, ist ebenso simpel wie perfide, und hat doch eine unüberschaubare Zahl von Nachahmern beeinflusst. Dabei ist die Idee noch nicht einmal neu, sondern war zwei Jahre zuvor bereits um ein vielfaches spannender und anspruchsvoller von John Boorman in seinen großartigen „Beim Sterben ist jeder der Erste“ erzählt worden.

    Bei Boorman waren es vier gelangweilte Großstädter, die sich bei einem Trip in die Wälder von West-Virgina gegen ein paar zurückgebliebene Hillbillies ihrer Haut erwehren müssen. Hooper verlegte die Handlung nach Texas, wo vier Jugendliche während eines scheinbar ziellosen Trips durch die Einöde die Nacht in einem einsam gelegenen Haus verbringen. Dummerweise hat sich im Nachbarhaus eine ganze Familie neuzeitlicher Kannibalen eingenistet, die angeführt von dem monströsen, mit einer Menschenhaut maskierten, Kettensägen-schwingenden Ober-Freak Leatherface (Gunnar Hansen) zum Gliedmaßen-zerfetzenden Halali auf das Frischfleisch bläst.

    Welche Eigenschaften konnten ausgerechnet eine solch primitive, sadistische, zugleich aber unfassbar billig produzierte und erbärmlich schlecht geschauspielerte Schlächterorgie zum Faszinosum und zum Kultfilm avancieren lassen? Als der Film 1974 in die Kinos kam, wurde wie 25 Jahre später bei Blair Witch Project die Legende ausgestreut, die Geschichte beruhe auf einem wahren Fall. So hartnäckig hielt sich das Gerücht, dass noch 1984 der Filmwissenschaftler Rolf Giesen in seinem bei Ullstein erschienenen „Lexikon des Phantastischen Films“ von einer Schlachterfirma in Wisconsin fabulierte, die angeblich 20 Jahre vor Tobe Hoopers Film Touristen verhackstückt und deren Haut zu Leder verarbeitet habe. Ein blühender Nonsens! Wahr ist vielmehr der Fall des 1957 in Wisconsin verhafteten Farmers Ed Gein, der tatsächlich Menschen umbrachte und ihre Überreste sammelte. Seine Verbrechen beeinflussten vor allem Robert Blochs Psycho, der 1959 erschien und 1960 von Alfred Hitchcock verfilmt wurde, und Thomas Harris Das Schweigen der Lämmer (1989), der 1991 von Jonathan Demme verfilmt wurde.



    Der wahre Ed Gein verbrachte den Rest seines Lebens in der Psychiatrie und starb 1984 an Krebs. Eine Kettensäge kam indes bei dem realen Vorbild von „The Texas Chainsaw Massacre“ nie zum Einsatz. Tobe Hooper soll nach Angaben eines jüngeren Interviews auf die Idee dazu gekommen sein, als er in einem amerikanischen Großstadt-Kaufhaus, völlig frustriert über dessen Überfüllung, in die Werkzeugabteilung geriet.

    Hoopers „Kettensägenmassaker“, der in Deutschland unter dem Titel „Blutgericht in Texas“ in die Kinos kam, war mit den selbst für die Verhältnisse von 1974 unglaublich geringen Produktionskosten von 155.000 Dollar eine konsequente Billigproduktion. Das Geld war so knapp bemessen, dass es für den Leatherface-Darsteller Gunnar Hansen nur ein einziges T-Shirt gab, das auch noch gefärbt war und deswegen nicht gewaschen werden durfte. Dieser Billig-Stil wurde zu einem der Markenzeichen, die den Kultstatus des Films ausmachen. Als sich Produzent Michael Bay und der deutsche Videoclip-Regisseur Marcus Nispel anno 2003 an eine poppig-bunte Neuverfilmung des Hooper-Werks (Texas Chainsaw Massacre) machten, imitierten sie konsequent dessen grobkörnige Bildqualität.

    Auch in einem weiteren Punkt unterscheidet sich „The Texas Chainsaw Massacre“ diametral von seinem Ruf. Seine Story ist zwar brutal, sadistisch und menschenverachtend, gezeigt wird davon jedoch so gut wie gar nichts. Das häufig und gern zitierte Prädikat als „härtester Schockfilm der Welt“ trägt „Texas Chainsaw Massacre“ zu Unrecht, zumindest gemessen an der explizit gezeigten Brutalität. Die wirklich schlimmen Gewaltszenen spielen sich vielmehr in der von Schreien und Kettensägendröhnen angeheizten Fantasie der Zuschauer ab, nicht aber auf der Leinwand. Leute flüchteten 1974 aus den ersten Vorführungen, weil sie das Grauen, das sie nicht sahen, nicht mehr ertragen konnten. Es ist einer der wenigen Merkmale des Films, die man zu Gunsten Tobe Hoopers auslegen kann, die er aber 1986 in Bausch und Bogen verriet, als er eine vor Blut, Eingeweiden und Gliedmaßen nur so triefende Fortsetzung drehte (In Deutschland wurde „Texas Chainsaw Massacre 2“ nur wenige Wochen nach dem Kinostart, mancherorts sogar während der Vorstellung, beschlagnahmt). Auch Marcus Nispel und Michael Bay begingen 2003 in ihrem Remake den Fehler, die Gewalt, die 1974 nur zu hören war oder sich nur im Dunklen abspielte, explizit zu zeigen.



    Das Hysterische am Sich-in-der-Fremde-Befinden und die Furcht vor dem „Anderen“, das in den bürgerlichen Alltag eindringt, die Normalität sozusagen überformt und deformiert, gehört seit „The Texas Chainsaw Massacre“ zu den Schlüsselmotiven des amerikanischen Horrorfilms. Es bezog (und bezieht bis heute) seine Spannung aus dem Gegensätzen von Suburbia und (rückständigen) Südstaaten. Jedes Eindringen in „fremde“ Lebensräume (der falsche Straßenzug/Bundesstaat etc.) wird gnadenlos abgestraft. Nur drei Jahre nach „The Texas Chainsaw Massacre“ erzählte Wes Craven in Hügel der blutigen Augen die gleiche Geschichte noch einmal, und John Carpenter verlegte sie 1976 in „Assault On Precinct 13“ in Gestalt eines Großstadt-Westerns auf ein einsames Polizei-Revier. Es überrascht nicht, dass beide Filme nahezu zeitgleich wie „Texas Chainsaw Massacre“ ihre Wiederauferstehung als Remakes erlebten.

    Noch nicht geboren war zur Zeit von „The Texas Chainsaw Massacre“ das reaktionäre Moment des Horrorfilms. Tobe Hooper, John Carpenter und George A. Romero zeigten die vermeintlich heile Welt als in Wahrheit korruptes, zerfressenes, von innen verfaultes System, das sich am Ende in apokalyptischer Weise selbst verschlingt. Erst die Heroen des Horrorfilms in den 80er Jahren - Michael Myers in Halloween, Jason Vorhees in „Freitag, der 13.“ und Freddy Krueger in Nightmare - Mörderische Träume - wechselten in die Rolle des erzkonservativen Moralapostels und strengen Sittenwächters, der Teenager dafür abschlachtet, dass sie Sex haben, nackt baden oder Drogen nehmen.

    Heute wetteifern die Enkel und Urenkel um das Erbe Tobe Hoopers und Wes Cravens: Eli Roth mit Hostel, Rob Schmidt mit Wrong Turn, Rob Zombie mit Haus der 1000 Leichen, Alexandra Aja mit dem neuen The Hills Have Eyes oder Victor Salva mit Jeepers Creepers – ihre Zahl ist Legion. Der Regisseur ist jedoch zum Verpackungskünstler geworden. Trotz allen Blutzolls und Eingeweidemengen sehen die Filme dieser jungen Generation von Regisseuren unglaublich schick, topmodern, modisch und ästhetisch aus. „Huhu - we will shock you!“ lautet seit „Scream” die Parole. Und darum steht Tobe Hoopers „The Texas Chainsaw Massacre“ heute in der Filmsammlung des New Yorker Museum of Modern Art, jedoch keiner seiner Epigonen.

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