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Moolaadé - Bann der Hoffnung
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Moolaadé - Bann der Hoffnung
Von Jörn Schulz
Regisseur Ousmane Sembène ist einer der wenigen unabhängigen und äußerst kritischen Filmemacher Schwarzafrikas. In seinem neuesten, preisgekrönten Kultur-Drama prangert er eine kulturelle Praxis an, die in Ländern wie Malaysia, Indonesien und bei vielen Völkern Afrikas an der Tagesordnung ist – die Beschneidung junger Mädchen als traditionelles Ritual, um sie auf eine arrangierte Vermählung vorzubereiten. Symbolgewaltig inszeniert Sembène den Kampf zwischen Tradition vs. Moderne und erweist sich als wahrer Humanist.

Ein kleines Dorf irgendwo in Afrika: Weil sechs junge Mädchen wissen, welch höllische Schmerzen ihnen bei der Beschneidung bevorstehen, flüchten sie vor dem Ritual. Vier von ihnen suchen Schutz bei Collé Ardo (Fatoumata Coulibaly), einer Frau, die vor Jahren ihre eigene Tochter, Amasatou (Salimata Traoré), vor der Verstümmelung gerettet hat. Der Preis dafür ist allerdings, dass Amasatou als Bilakoro, als Unreine behandelt wird und laut den kulturellen Regeln nicht verheiratet werden darf. Da die Beschneiderinnen den vier flüchtenden Mädchen auf den Fersen sind, muss Collé einen rituellen Bann um ihren Hof errichten: die Moolaadé. Dieser verschafft den Mädchen eine Art Asylrecht auf dem Hof, das die Verfolgerinnen respektieren müssen. Weil es sich bei den Mädchen indes nicht um Collés eigene Kinder, sondern um die Töchter anderer Mütter handelt, entbrennt ein verbitterter Kampf zwischen den Beschneiderinnen und Collé, zwischen Tradition und Moderne. Die Auseinandersetzung zwischen Collé und den Verfolgerinnen gerät außer Kontrolle als Collés Ehemann ihr beflieht, die Moolaadé aufzuheben. Da die Beschützerin sich weigert, ihrem Mann zu gehorchen und weil der Ruf nach der Unversehrtheit der Mädchen immer lauter wird, bleibt den Dorfältesten nur eine Wahl: Collé zum Schweigen zu bringen oder Veränderungen zu akzeptieren und damit die kulturelle Tradition infrage zu stellen.

„Moolaadé - Bann der Hoffnung“ ist ein Film voller einprägsamer Bilder. Im Kopf hängen aber bleibt zweifelsohne die Beschneidungsszene: Fünf Frauen, eingehüllt in blutrote Gewänder, vollziehen die „Salindré“, den „Reinigungsprozess“ eines jungen, weiblichen Körpers. Sie knien in einem Halbkreis am Boden. In ihrer Mitte strampelt ein kleines Mädchen wie wild geworden um sich. Sie jammert und stöhnt, will aufstehen und weglaufen. Doch sie kann nicht entkommen; die Frauen drücken sie fest zu Boden. Bäche aus Schweiß perlen dem Gesicht des Mädchens herunter. Sie weiß, was auf sie zukommt. Es ist eine weitere Frau mit einem Messer in der Hand. Sie hockt sich vor das kleine Mädchen und nähert sich dessen Unterleib. Das Mädchen will sich losreißen, hat aber gegen die Übermacht keinerlei Chance. Was sich nun hinter dem Rücken der Frauen abspielt, bleibt dem Blick der Kamera verborgen. Jedoch ist allgemein bekannt, was da vor sich geht: Dem kleinen Mädchen werden in einem bestialisch schmerzhaften Eingriff die Klitoris und die inneren Schamlippen entfernt. Obendrein noch ohne Betäubung, ohne steriles Operationsbesteck und ohne ärztliche Überwachung. Die möglichen Folgen dieses rabiaten Rituals: Wundinfektion, Schockzustand, HIV-Übertragung, lebenslange psychische Schäden sowie ein hohes Risiko unfruchtbar zu werden. Und: Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation stirbt etwa eines von zehn Mädchen bei der „Operation“. Was von den Frauen im Film also euphemistisch mit „Reinigung“ bezeichnet wird, ist genau genommen nichts anderes als die Verstümmelung weiblicher Genitalien.

Der Film überzeugt mit den vielen weiteren, eindrucksvollen Bildern und Zeichen. Äußerst geschickt weiß der Regisseur den Konflikt zwischen der seit Jahrhunderten überlieferten, kulturellen Praxis und dem modernen, aufklärerischen Denken zu vermitteln. So manifestiert sich im Schauplatz, einem kleinen afrikanischen Dorf, in dem der Islam herrscht, Polygamie rechtens ist und wo Frauen wie Untertanen vor ihren Männern niederknien, die althergebrachten Traditionen. Die Ungleichheit der Geschlechter wird als gegeben angesehen. Jedem halbwegs aufgeklärten Menschen dürften dabei die Haare zu Berge stehen.

Stellvertretend für die Moderne deuten nur einige wenige Hoffnungsschimmer auf das 21. Jahrhundert hin: Ein paar Radios dudeln unablässig und verkünden von den Errungenschaften der Gegenwart; der Sohn des Dorfoberhauptes kehrt aus Frankreich zurück und hat einen Fernseher in seinem Gepäck mitgebracht; Mercenaire (Dominique T. Zeida), der fliegende Händler, verkauft Batterien für die Radios im Dorf und verteilt nebenbei Kondome ergo sexuelle Aufklärung. Doch die Zeichen der Moderne sind in Gefahr, denn sie werden von den Verfechtern der Traditionen als Übeltäter gebrandmarkt und beseitigt. So schicken z. B. die Dorfältesten ihre Schergen los, um alle Radios im Dorf einsammeln und auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen. Die religiöse Radioverbrennung als Versuch, zu den alten Zeiten zurückzukehren. Der fliegende Händler wird aus dem Dorf gejagt und gelyncht.

Sicher: Der Film fordert die Sehgewohnheiten eines europäischen Kinozuschauers heraus. Schon der Umstand, dass ein zweistündiges Werk nur im Original mit Untertitel ins Kino kommt, dürfte nicht jedermanns Sache sein. Auch die Handlung wirkt an einigen Stellen teils verworren, abschweifend und langatmig. Hier gilt aber: anderes Land, andere Filmkultur! Wer diese Strapazen dennoch schultert, bekommt aber letztlich ein sehr sehenswertes Werk präsentiert. Mit „Moolaadé – Bann der Hoffnung“ ist Sembène ein künstlerisch anspruchsvolles Stück afrikanisches Kino gelungen. Der Film trägt dazu bei, die Gewichtung zwischen Tradition und Innovation neu zu verhandeln und alles Althergebrachte zu überdenken, was sich auch auf andere Kulturen übertragen lässt. Für diese Leistung wurde das Werk 2004 in Cannes mit dem Titel „Bester Film“ in der Reihe „Un Certain Regard“ ausgezeichnet.
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