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    Watchmen - Die Wächter
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Watchmen - Die Wächter
    Von Jan Hamm
    Es gab einmal eine Zeit, als Superhelden noch rechtschaffen waren. Da schien gewiss, dass der maskierte Rächer jeden Schurken zurück ins Dunkel treiben würde. Doch schon Bob Dylan wusste: The times, they’re a changing. Der Traum ist ausgeträumt. Bereits Spinnenmann Peter Parker spürte das Beben der Superhelden-Postmoderne, als er in Sam Raimis Spider-Man 3 mit der zerstörerischen Kraft der eigenen Geltungssucht konfrontiert wurde. Im vergangenen Jahr zwang Christopher Nolans düstere Oper The Dark Knight dann einen dissoziierten Batman auf die Flucht vor den eigenen Schutzbefohlenen. Das Genre ist mit einem Schlag nicht nur erwachsen, sondern geradezu alt und resigniert geworden. Was soll jetzt noch kommen? Comic-Fans kennen die Antwort: „Watchmen“, jene Graphic Novel aus der Feder von Kultautor Alan Moore, die als einziger Comic in die Literatur-Top-100 des „Time Magazine“ aufgenommen wurde. Schon im Veröffentlichungsjahr 1986 wurden die Filmrechte verkauft, Interesse am Stoff bekundeten Hochkaräter wie Terry Gilliam (Brazil), Paul Greengrass (Das Bourne Ultimatum) und Darren Aronofsky (The Wrestler). Doch es sollten noch zwei weitere Dekaden verstreichen, bis schließlich Zack Snyder (300, Dawn Of The Dead) den Zuschlag bekam. Die Erwartungen waren astronomisch, die Skepsis groß – und tatsächlich wurde gut, was lange währte. Snyders Adaption ist ein visuell berauschendes und anspruchsvoll erzähltes Antihelden-Epos, das keinen Millimeter von der Brutalität und Abgründigkeit der Vorlage abweicht. In dieser Superhelden-Dystopie hat „The Dark Knight“ seinen Nachfolger im Geiste gefunden.

    Eine alternative Realität im Jahre 1985: Die USA haben Vietnam besiegt, Richard Nixon (Robert Wisden) tritt seine fünfte Amtszeit an. Das nukleare Wettrüsten mit der Sowjetunion steht kurz vor der kriegerischen Eskalation. Niemand ist in der Lage, die drohende Apokalypse abzuwenden. Weder der durch einen Strahlenunfall zum gottgleichen Dr. Manhattan (Billy Crudup, Der gute Hirte, Almost Famous) mutierte Physiker Jon Osterman, noch die maskierten Watchmen, die durch einen Staatserlass in den Ruhestand gezwungen wurden. Damit ist es jedoch abrupt vorbei, als ein vermummter Attentäter auftaucht und den Comedian (Jeffrey Dean Morgan, P.S. Ich liebe dich) aus dem Fenster eines Wolkenkratzers wirft. Der letzte noch aktive Vigilant, der Soziopath Rorschach (Jackie Earle Haley, Little Children), sieht darin einen Angriff auf alle noch verbliebenen Watchmen und begibt sich auf die Jagd nach dem Mörder. Mit der Hilfe seiner Ex-Kollegen Dan Dreiberg alias Night Owl II (Patrick Wilson, Hard Candy), Laurie Juspeczyk alias Silk Spectre II (Malin Akerman, 27 Dresses) und Adrian Veidt (Matthew Goode, Match Point), dem klügsten Mann der Welt, kommt Rorschach einer schrecklichen Verschwörung auf die Spur...

    Mit einem programmatischen Szenen-Trio eröffnet „Watchmen“ eine Welt, die nicht erst auf den Wahnsinn zusteuert, sondern längst darin versinkt. Der Comedian, ein misanthropischer Superheld ohne Superkräfte, wird ermordet. Eine mit dem Dylan-Song The times, they’re a changing unterlegte Nachrichten-Collage führt in Moores alternative Realität ein. Und Rorschach, eine der furchteinflößendsten Figuren der Comic-Geschichte, legt Zeugnis über sein Seelenleben ab: „All die Huren und Politiker werden heraufschauen und schreien: Rette uns. Und ich werde flüstern: ‚Nein‘!“ Bis zum bitteren Ende hält der Film an seiner Dystopie fest. Die Protagonisten in „Watchmen“ sind Psychopathen, Vergewaltiger und Männer, die ihre Maskenvergangenheit mit Actionfiguren und Comics vermarkten. Sie sind ein Produkt ihrer Umwelt, eines militaristischen Staates, der die Existenz Dr. Manhattens für Propaganda-Zwecke ausschlachtet: „Gott ist echt, und er ist Amerikaner!“

    War Superman noch ein guter Patriot, erscheinen irdische Belange in den divinen Augen Dr. Manhattans zunehmend irrelevant. Konsequent: Außer bei gesellschaftlichen Anlässen streift der Strahlenmann nackt umher. Um Kleinigkeiten wie Schamgefühle schert sich jemand, der durch Zeit und Raum blicken kann, natürlich nicht weiter; ebenso wenig wie Snyder, der die amerikanische Prüderie mit einem gut sichtbaren und leuchtend blauen Gemächt geradezu verhöhnt. Und er gräbt noch tiefer, etwa, wenn es gerade Dr. Manhatten ist, der schlicht nicht mehr weiß, wie er seine Freundin im Bett glücklich machen kann. „Watchmen“ entwirft eine Psychologie Gottes, die den klassischen Heldenstrip als Projektionsfläche von Omnipotenz-Phantasien entlarvt. Die bissige Selbstreferenzialität der Comic-Vorlage funtioniert auch im Medium Film hervorragend.

    Als problematisch galt die Adaption der Erzählstruktur. Moore befasste sich kapitelweise mit den Hintergründen der einzelnen Figuren und schuf so eine ausgefeilte Charakterhistorie als Grundlage für den Showdown. Snyder begegnet dem dramaturgischen Problem, indem er die ersten Handlungsschritte des Films als Hyperlink-Sammlung für zahlreiche Rückblenden in die Beziehungsgeschichte der Watchmen nutzt. Das hat zur Folge, dass der eigentliche Plot zu Beginn kaum von der Stelle kommt. Doch Snyder hält Kurs und entschlackt die komplexe Vorlage, wo es nötig ist. Das Ziel, das schockierende Finale der Detektivgeschichte, gerät nie aus dem Blickfeld. In der zweiten Hälfte nimmt „Watchmen“ dann Fahrt auf, was keineswegs ein Mehr an überbordenden Actionsequenzen mit sich bringt. War Snyder bei 300 noch darum bemüht, neben stylischen Schlachtpanoramen überhaupt eine Handlung zu transportieren, steht hier jederzeit die Entwicklung der Figuren im Vordergrund. Ganz über seinen Schatten springen kann Snyder zwar nicht, auch hier finden sich Slow-Fast-Slow-Motion-Spielereien, dennoch kann Entwarnung gegeben werden: „Watchmen“ verkommt nie zum selbstverliebten Effekt-Reigen (wie etwa Frank Millers The Spirit), sondern unterstreicht stattdessen gekonnt seine Comic-Herkunft.

    Überhaupt ist der Film ein optischer Genuss. Statt Greenscreen-Aufnahmen überwiegen atmosphärische und ungeheuer detailverliebte Sets. Kenner der Vorlage werden sich über die schiere Masse an Verweisen auf ausgelassene Subplots freuen, Neueinsteiger bekommen ein immerhin vages Bild davon, wie komplex die düster-verregnete Welt von „Watchmen“ ist. Hervorragende Arbeit haben auch die Kostümdesigner geleistet, insbesondere mit Rorschachs Outfit. Wäre da nicht die geisterhafte Maske mit ihren stimmungsabhängig morphenden Tinten-Testmustern, könnte er glatt einem Film Noir entsprungen sein. Doch so schick die Montur auch sein mag – sein wahres Gesicht zeigt der brutale Vigilant erst ohne die Maske. Mit seiner Darstellung eines verstörten Pädophilen dominierte Jackie Earle Haley schon Little Children, hier läuft er endgültig zur Hochform auf. Haleys Interpretation des kühlen Psychopathen kann sich durchaus mit Heath Ledgers ikonographischem Joker messen. Den Gegenentwurf stellt Matthew Goode, der Adrian Veidt durch seine unerschütterliche Ruhe eine bedrohliche Aura der Überlegenheit verleiht. Auch ohne große Namen überzeugt der restliche Cast auf ganzer Linie.

    Einzig Snyders Weggefährte Tyler Bates kann sich nicht nennenswert profilieren und liefert einen Score ab, der einprägsame Motive vermissen lässt. Musikalisch gehört der Film aber ohnehin den Klassikern der Popgeschichte. Ob gen Showdown mit Jimi Hendrix’ „All Along The Watchtower“ oder zum Begräbnis des Comedian mit Simon & Garfunkels „The Sound Of Silence“ – der Einsatz zeitgenössischer Musik ist stilsicher und effektiv. Gerade der unbeholfenen Romanze zwischen Laurie und Dan verpasst ein überraschender Auszug aus Nenas „99 Luftballons“ einen Schuss subtilen Humor.

    Humor kommt ohnehin nicht zu kurz, etwa wenn Nixon und Kissinger sich in einem augenzwinkernd an Stanley Kubricks Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben angelehnten War Room beraten. Hier beweist Snyder Format und ergänzt Referenzen zur Comicgeschichte mit solchen zur Filmgeschichte. Ebenso dem neuen „Watchmen“-Medium geschuldet ist eine abgewandelte Auflösung der Geschichte, die im Vorfeld für reichlich Aufruhr unter Comic-Fans gesorgt hat. Doch auch ohne das lovecraft’sche Flair eines gewissen Tentakelmonsters wird die Handlung schlüssig zu Ende geführt. Mehr noch: Snyders dritte Regie-Arbeit, sein persönlicher Make-it-or-break-it-Film, ist eine zugleich eigenständige als auch vorlagengetreue Adaption einer legendären Graphic Novel. Aufgrund der expliziten Gewaltdarstellungen und des tiefschwarzen Tonfalls scheidet „Watchmen“ für Zartbesaitete zwar aus. Dank den unzähligen Schauwerten, einer Subtext-starken Geschichte und tollen Darstellern bietet Snyders Requiem auf das Superhelden-Genre dennoch ein nahezu perfektes Leinwanderlebnis. Damit hat er den Spieß umgedreht: Sollte Christopher Nolan zu seinem dritten „Batman“-Teil antreten, würde nun plötzlich er vor der unumgänglichen Frage stehen: Was soll jetzt noch kommen?

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