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    Ich weiß, wer mich getötet hat
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    0,5
    katastrophal
    Ich weiß, wer mich getötet hat
    Von Jürgen Armbruster

    Je steiler der Aufstieg, desto tiefer der Fall. So manche Stars und Sternchen mussten im jüngst vergangenen Jahr 2007 Bekanntschaft mit der sinnbildlichen Schwerkraft machen. Von Alkohol- und Drogeneskapaden, Fehlgriffen in der Kleiderordnung, Scheidungs- und Beziehungskriegen bis hin zu Festnahmen und Strafvollzug wurde die gesamte Klaviatur möglicher Fehltritte hoch und runter geleiert. Immer eine Meldung wert war dabei Lindsay Lohan. Das ehemalige Disney-Girl und Everybody’s Darling ließ keines der zahlreichen Fettnäpfchen aus und fügte der eigenen Karriere zielsicher Dellen in der Größe des Grand Canyon zu. Unten-Ohne-Auftritt, Fahren unter Alkohol- und Drogeneinfluss, mehrere gescheiterte Entziehungsversuche, eine dreijährige Bewährungsstrafe, drohender finanzieller Kollaps… Lindsay Lohans Berater, PR-Agenten und Anwälte hatten alle Hände voll zu tun. Und als ob diese privaten Aussetzer nicht schon schlimm genug wären, kommt nun auch noch der künstlerische Offenbarungseid hinzu: In Chris Sivertsons unsagbar schlechtem Erotik-Mystery-Torture-Thriller „Ich weiß, wer mich getötet hat“ beweist die junge Dame nun, was sie mittlerweile für Geld alles bereit ist zu tun.

    Aubrey Fleming (Lindsay Lohan) ist die Vorzeige-Schülerin ihrer Highschool. Sie ist attraktiv, beliebt und überaus talentiert. Im Grunde geht es für die begabte Nachwuchs-Pianisten und Hobby-Autorin nur darum, sich für einen der zahlreichen möglichen Karrierewege zu entscheiden. Doch dann verschwindet Aubrey eines abends spurlos und ihre Eltern (Julia Ormond, Neal McDonough) sind – vollkommen zu Recht – voller Sorge. Sie ist einem brutalen Serienkiller in die Hände gefallen, der sie mehrere Tage lang festhält und foltert. Nach zwei Wochen gelingt ihr die Flucht, doch die Ärzte können ihr rechtes Bein und ihren rechten Arm nicht mehr retten – und entscheiden sich zur Amputation. Schlimmer noch: Aubrey gibt vor, sich an nichts mehr erinnern zu können und hält sich selbst für die Stripperin Dakota Moss, eine Figur aus einem ihrer eigenen Romane. Die ermittelnden FBI-Agenten Julie Bascome (Garcelle Beauvais) und Phil Lazarus (Spencer Garrett) schenken Aubrey keinen Glauben. Da dem Serienkiller bisher noch nie jemand lebend entkommen ist, vermuten sie, dass Aubrey mehr weiß, als sie zugeben möchte. Unterdessen macht sich Aubrey – nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde – auf die Suche nach der eigenen Identität…

    Lindsay Lohan als Stripperin! Wir erinnern uns noch alle an das Rauschen im Blätterwald der Yellow Press, als erstmalig über die Besetzung der Hauptrolle in „Ich weiß, wer mich getötet hat“ berichtet wurde. Ob man dies nun persönlich gut oder schlecht findet, sei einmal dahin gestellt, allerdings leben wir in einer Zeit, in der mit einer solchen Meldung die komplette Marketing-Kampagne eines Films gestemmt werden kann. Dementsprechend freuten sich die verantwortlichen Damen und Herren in der Promo-Abteilung der Produktionsgesellschaft 360 Pictures wahrscheinlich wie ein Kleinkind zu Weihnachten, denn ab diesem Zeitpunkt hatten sie den leichtesten Job der Welt. Alles, was sie zu tun hatten, war immer wieder vereinzelte Bilder oder Video-Schnipsel durchsickern zu lassen, damit der Film weiterhin im Gespräch bleibt und sich Fanboys an den erotischen Bildern ihrer Lindsay erheitern können. Doch wie so oft gilt auch hier: Viel Lärm um nichts! Die Auftritte von Lindsay Lohan als Stripperin sind in etwa so erotisch wie ein Kaffeekränzchen mit den Jacob Sisters. Natürlich bleiben Schlüpfer und BH immer am Körper, und dank des exzessiven Gebrauchs der Zeitlupe sieht alles auch nach wesentlich mehr aus, als es eigentlich ist. Im Grunde wird den Zuschauern in mehreren Rückblenden immer wieder die gleiche Szene vorgesetzt und wer hier und da bei genauerem Hinsehen den Einsatz eines Body Doubles vermutet, wird von der Wahrheit wahrscheinlich nicht all zu weit entfernt sein. Eine echte Mogelpackung.

    Im Grunde ist dies jedoch lediglich eine Randnotiz, denn losgelöst davon spricht die Qualität des Films eine deutliche Sprache. Vor allem handwerklich ist „Ich weiß, wer mich getötet hat“ eine einzige Zumutung. Regisseur Chris Sivertson, von dessen bisherigen Filme es (zu Recht) keiner bis nach Deutschland geschafft hat, fährt alles auf, was als hip, cool und trendy gilt. Mal werden die Farbregler bis an den Anschlag hoch gedreht (vorzugsweise blau und rot), dann gibt es wieder vereinzelte Schwarz-Weiß-Szenen. Einstellungen in Zeitlupe wechseln sich mit Zeitraffer-Aufnahmen ab und hier und da darf sich dann sogar eine Szene einschleichen, die sogar rückwärts abläuft. Bei den blutigen Folterszenen zu Beginn hält Sivertson die Kamera voll drauf, schließlich wollen ja auch die Gorehounds befriedigt werden. Kurzum: Sivertson bemüht sich derart krampfhaft darum, hip, cool und trendy zu sein, dass „Ich weiß, wer mich getötet hat“ vor allem folgendes nicht ist: hip, cool und trendy…

    Der endgültige Todesstoß ist letztlich das Drehbuch von Debütant Jeff Hammond. Wäre dieses ein Schulaufsatz gewesen, würde man es als Lehrer dem Schüler noch einmal mit nach Hause geben und es komplett neu schreiben lassen – mit der Anweisung, von allem ein bisschen weniger ins fertige Werk zu packen. Das fängt schon mit den wahnwitzigen Prothesen an. Da es die Dreharbeiten logistisch ein wenig erschwert hätte, wenn die Hauptdarstellerin über drei Viertel der Spielzeit in einem Rollstuhl sitzen würde, schrieb Hammond einfach kurzerhand High-Tech-Prothesen in sein in der Gegenwart spielendes Drehbuch. Einfach die Dinger auf den verbleibenden Stumpf stecken, und es kann schon wieder losgehen (wem kommen da nicht Erinnerungen an die Schlusssequenz von Das Imperium schlägt zurück hoch). Dumm nur, dass die Batterien dieser Prothesen so ziemlich genau einen Tag halten und sie somit immer dann den Geist aufgeben, wenn es dunkel und gefährlich wird. Was dem Zuschauer dann letztendlich als Auflösung aufgetischt wird, schlägt so ziemlich alles, was es an Schwachsinn bisher auf der großen Leinwand zu sehen gab (Achtung, Spoiler!): Aubrey und Dakota sind wirklich zwei verschiedene Personen. Genauer gesagt Zwillinge, die bei der Geburt getrennt wurden. Und da Zwillinge ab und an durch ein unsichtbares Band verbunden sind, fallen Dakota einfach so die Körperteile ab, die Aubrey während ihres Folter-Martyriums auch verliert. In Wirklichkeit ist Dakota also immer noch in der Hand des Killers und muss gerettet werden. Frei nach Peter Lustig: Klingt komisch, ist aber so… (Spoiler Ende)

    „Ich weiß, wer mich getötet hat“ ist einer jener Film, die eigentlich direkt in die Videotheken gehören und die der verantwortungsbewusste Videothekar im Interesse seiner Kunden am besten in einer der hinteren Reihen in der Ecke verstecken sollte. Losgelöst davon, ist der Film aber auch ein Produkt unserer Gesellschaft. Lindsay Lohan wurde als damals noch Minderjährige durch Freaky Friday und Girls Club schlagartig berühmt und musste fortan in der Öffentlichkeit erwachsen werden. Anstatt – wie jeder Teenager – in aller Ruhe Fehler machen zu können und aus diesen die persönlichen Lektionen fürs Leben zu ziehen, lauerten die zahlreichen Paparazzi in ihrem Umfeld nur auf diese. Und wenn sie sich zu einem Fehler hat hinreisen lassen, dann gab es gleich Druck von den Produzenten und Studiobossen, was weitere Fehltritte nach sich zog. Ein Teufelskreis, dem sich die junge New Yorkerin offensichtlich bisher nicht entziehen konnte. Somit sollte „Ich weiß, wer mich getötet hat“ vor allem als das genommen werden, was er ist: ein stiller Schrei nach Hilfe…

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