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    Reise zum Mittelpunkt der Erde
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Reise zum Mittelpunkt der Erde
    Von Carsten Baumgardt

    Einmal einen abendfüllenden Spielfilm in 3D zu inszenieren, ist der Traum vieler Filmemacher. Offensichtlich jedoch nicht der von Indie-Regisseur Paul Chart, der für Walden Media und New Line Cinema die dreidimensionale Neuauflage von Jules Vernes Fantasy-Klassiker „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ realisieren sollte. Chart stieg nämlich in dem Moment aus dem Projekt aus, als ohne sein Einwirken beschlossen wurde, den Abenteuerfilm in 3D zu drehen. Vernes Roman zählt zu seinen Lieblingswerken und den Gedanken, dass das große Action-Abenteuer zu einer inhaltsschwachen Vergnügungspark-Fahrt im Kinoformat verkommt, konnte Chart nicht ertragen. Womit wir auch gleich beim Hauptproblem von Eric Brevigs „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ angelangt wären. Seine 3D-Version des klassischen Stoffes funktioniert als Effektwundertüte ganz gut, scheitert als Film aber kläglich.

    Der Bostoner Vulkanologe Trevor Anderson (Brendan Fraser) soll ein paar Tage auf seinen 13-jährigen Neffen Sean (Josh Hutcherson) aufpassen. Doch beim Durchstöbern der Sachen seines vor zehn Jahren verschollenen Bruders Max (Jean Michel Paré) stößt Trevor auf eine spezielle Ausgabe von Jules Vernes „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“. Diese ist mit verschlüsselten Notizen versehen, die darauf hindeuten, dass Max an die Echtheit von Vernes Beschreibungen glaubte und womöglich sogar auf dessen Pfaden wandelte. Trevor und Sean machen sich auf den Weg nach Island, wo Professor Lidenbrock, der Held des Romans, leben soll. Doch der ist längst verstorben, stattdessen treffen Trevor und sein Neffe auf Lidenbrocks Tochter Hannah (Anita Briem). Die erfahrene Bergführerin geleitet das Duo zu einem Vulkankegel. Dort zwingt ein elektromagnetischer Sturm die Gruppe, Unterschlupf zu suchen. Dabei werden die drei verschüttet und von der Außenwelt abgeschnitten. Es bleibt nur die Flucht durch stillgelegte Minengänge, die sie immer tiefer hinab ins Erdinnere führen…

    An den amerikanischen Kinokassen entwickelte sich „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ zu einem Überraschungshit, der als Langläufer sogar die 100-Millionen-Dollar-Schallmauer knackte. Auch in Frankreich verbuchte der weltweit ausgewertete Film mit gut einer Million Besuchern einen Erfolg. Und in Deutschland? Hier mussten die Zuschauer lange auf einen Starttermin warten. Schon in den USA zeigte sich, dass „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ in den 3D-Kinos abräumte, während die Einspielergebnisse in der 2D-Fassung deutlich schlechter ausfielen. Und da das 3D-Kino in Deutschland ein kleines, hässliches Stiefkind ist, das im Keller vor den Leuten versteckt wird, macht eine Auswertung des Films hierzulande auch wirklich wenig Sinn.

    Die Idee, Vernes Klassiker in 3D neu aufzulegen, klingt im ersten Moment toll. Doch „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ gelingt es partout nicht, die Möglichkeiten der spannenden Technologie auszuschöpfen. Mit Eric Brevig sitzt ein Visual-Effects-Spezialist auf dem Regiestuhl, dessen einzigen Live-Action-Credits als Regisseur einige Folgen der TV-Trash-Serie „Xena“ umspannen. Natürlich ist dieser Mann kein begnadeter Geschichtenerzähler: Obwohl er meist nur drei Schauspieler führen muss, gelingt es ihm nicht, Struktur in die Auftritte des Trios zu bringen. Vulkanologe Trevor erweist sich trotz Forscheretikette als Trottel, dem Brendan Fraser (Die Mumie - Das Grabmal des Drachenkaisers, L.A. Crash, Der stille Amerikaner) im Stile seiner „Mumien“-Darbietungen versucht, Charme zu verleihen – was aber misslingt, weil die Figur zu eindimensional angelegt ist. Anita Briem (The Nun, The Storyteller) erfüllt ihre Pflicht als begleitendes Eye-Candy und Cleverle aus dem hohen Norden. Der Dritte im Bunde, Josh Hutcherson (Die Chaoscamper, Zathura), meistert seine Wandlung vom gelangweilten Teenager zum begeisterten Mini-Abenteurer ohne Mühe und Glanz.

    Werktreue ist hier nicht zu erwarten. Der Film ist ein sehr freies Sequel und keine direkte Adaption. Professor Lidenbrock, der Protagonist von Vernes Roman, wird nur als Verbindungspunkt genutzt und spielt in Brevigs Version keine Rolle. Stattdessen rückt seine Tochter Hannah an seine Stelle. Dazu wird aus dem Deutschen Otto Lidenbrock in der Hollywood-Fassung ein Isländer, da dieser mehr nordische Exotik als ein tumber Germane ausstrahlt. Die titelgebende Reise zum Mittelpunkt der Erde konzentriert sich voll auf die 3D-Effekte und fällt dementsprechend extrem schlicht aus. Es dauert nicht lang, bis das Helden-Trio sich fleischfressender Pflanzen erwehren und vor Dinosauriern flüchten muss. Der Inszenierung haftet eine unverkennbare Naivität an, die „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ zu einer bunten Wundertüte für Kinder macht, aber Erwachsene außen vorlässt. Von der Faszination der Vorlage bleibt nicht viel übrig. Wer sich auf eine moderne Adaption dieses fantastischen Stoffes freut, wird bitter enttäuscht, weil ihm nur eine simple und abgespeckte 3D-Schablone geboten wird. Doch auch wer auf die unbestrittenen Schauwerte in der dritten Dimension setzt, muss nach einer halben Stunde mit ersten Ermüdungserscheinungen rechnen, weil auch die 3D-Einlagen aufgrund der lahmen Story irgendwann ihren Aha-Effekt verlieren.

    Fazit: „Journey To The Center Of The Earth“ weiß durch seine effektive 3D-Optik zu gefallen, ist filmisch aber als überlange Vergnügungspark-Fahrt sehr schwach auf der Brust. Noch eine Warnung: Auf 2D bleibt von den Qualitäten des Films kaum mehr etwas übrig. Wer also die Chance hat, sich den Film anzuschauen, sollte unbedingt ein 3D-Kino vorziehen.

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