2.5 - Na ja
"Na super", dachte ich. "Woodstock." Ich gehöre zu der Sorte Menschen die weder dabei waren (geht ja auch schlecht wenn man 88 geboren ist), die keine Schwäche für bunte Farben oder T1er haben und die vor Freude kotzen könnten wenn sie jemanden über "Liebe und Frieden" daherschwafeln hören.
Und dann kommt dieser Film.
Es geht um die jüdische Familie Teichberg, die ein Motel im Staate New York unterhält. Dies jedoch mehr schlecht als Recht, denn Elis (Demetri Martin) kratzbürstige Mutter (Imelda Staunton), dem Holocaust entkommen, lässt die Laken nach einem Gastbesuch gerne mal auf den Betten nachdem sie daran geschnüffelt und sie für unbefleckt gehalten hat, und die chronisch sparsam ist. Elis Vater Jake (Henry Goodman), ein recht verbraucht wirkender alter Mann, verbringt seine Tage damit das mit recht wenig Liebe zubereitete Essen der Mutter herunterzuwürgen und seine Klappe zu den Geschehnissen zu halten.
Dann gibt es noch Elis Schwester, die sich jedoch auf einen Auftritt beschränkt,nämlich dem, in dem sie Eli erklärt dass er nicht sein ganzes Geld in das Motel der Eltern stecken soll sondern endlich sein eigenes Leben leben soll.
Und das ist auch das Motiv des Filmes: Ein junger Mann der versucht, sich von seinem Elternhaus abzukapseln, dessen Gewissen ihn aber davon abhält.
Nun wird ein Kredit seitens der Bank verweigert, und Eli sieht sich ratlos. Was tun um das Motel vor dem Ruin zu bewahren? Als er nach der Probe der in seiner Scheune ansässigen Theatergruppe "Earth-Light-Group" ( welche nicht nur ein bedenkliches Logo, sondern auch die nötige Portion "Kunstgefühl" a.k.a. "wirre Realitätsflucht" inne haben) die Zeitung liest, kommt er auf eine Idee: Da in Walkill die Genehmigung für Woodstock, ein Hippiefestival abgelehnt wurde und Eli sowohl den Platz als auch die Motivation hat, lässt er das Festival einfach in seiner Stadt ablaufen. Ungeachtet der konservativen Bürger seiner eigenen Stadt, die die ganze Idee überhaupt nicht gutheißen und ihn dafür sogar aus den örtlichen Lokalitäten ekeln versucht Eli nun mit Hilfe von Mike (anfangs noch subtil, später recht nervig) und seiner Feundin (durchweg blass geblieben), den Veranstaltern des Festivals, das Ganze zu managen. Im Wege stehen ihm dabei nicht nur Gesundheitsbehörden und seine Mutter, sondern auch so lapidare Dinge wie hunderttausende Menschen die uneingerechnet dazuströmen, Regenfälle (im August regnet es nicht!) und Die Entdeckung seiner eigenen Vorlieben.
Puh. Da hat Ang Lee einiges an Stoff geliefert, der großartig hätte werden können. Hätte. Aus folgenden Gründen die, einzeln geliefert nicht sehr störend, zusammengesetzt aber das Filmerlebnis zuerstören, ist er es nicht geworden:
Der Film musste sich anfangs entscheiden ob er entweder den Familienaspekt oder den Woodstock-Aspekt in den Vordergrund stellen möchte, und diese Entscheidung wäre essentiell gewesen. Nun versucht der Regisseur aber, die beiden Aspekte gleichwertig miteinander zu verbinden, und das gelingt ihm nicht. Dadurch erreicht er, dass die Personen blass, vorhersehbar und somit langweilig erscheinen. Und dadurch dass mich das Schicksal dieser Familie nicht mehr so sehr interessiert wie noch am Anfang des Filmes (dadurch dass sich im Plot und menschlich einfach nichts Wirkliches entwickelt) versuche ich, mich auf die Festivalaktivitäten zu konzentrieren. Doch auch da sieht der Zuschauer nach etwa 10 Minuten nichts Neues mehr: Tanzende, kiffende Hippies, glückliche Menschen, Friede, Freude, Eierkuchen und ein Eli, der durch die Massen watet mit einem Welpenblick auf dem Gesicht.
Und das über 60 Minuten lang? Nein, danke.
Dabei hatte der Film einen solch gelungenen Anfang! Ich konnte mich herrlich über die Mutter amüsieren die die Gäste vergrault und mit ihren Holocaust-Sprüchen einen Klopfer nach dem anderen reißt. Doch durch den Film hindurch wird einfach nur klar, wie traurig flach dieser Charakter bleibt: So geschädigt ist sie durch den Krieg und ihre furchtbaen Erfahrungen, dass sie nicht anders kann als in ihrer Rolle stecken zu bleiben und zu allen griesgrämig zu sein. Man wünscht sich, dass sie wenigstens zum Ende hin einsieht was sie ihrem Sohn angetan hat und ist entsetzt über das Horten des Geldes in ihrem Geheimfach, obwohl wir alle das von unseren Großeltern kennen, nur auf´s Essen übertragen. Aber das Gegenteil passiert: Eli verlässt seine Familie ohne sich mit ihr auszusprechen. Ob sie dazu überhaupt in der Lage ist, bleibt zu spekulieren. Ich glaube, nicht. Und ihre Begründung, der einzige offene Satz den das Drehbuch sie zu ihrer Familie sagen lässt, ist, dass sie Angst habe. Und das ist auch dem letzten Zuschauer des Filmes schon vorher glasklar gewesen.
Elis Vater Jake ist die einzige Person, die mich berührt hat. Auch wenn man sich nicht vorstellen kann, wie jemand eine solche Person wie seine Frau lieben kann, blieb er doch sein ganzes Leben lang bei ihr. Mit ihm spricht Eli, bevor er seine Heimat endgültig verlässt, und ihn umarmt er. Er erklärt Eli, dass er sich durch ihn endlich wieder einmal lebendig fühle, und das lässt einem das Herz aufgehen und der Mutter umso weniger verzeihen dass sie nicht in der Lage ist ihre Dankbarkeit auch nur in einem Wort auszudrücken.
Dadurch dass dies die einzige aussagekräftige Szene des ganzen Filmes ist hat es mich, gerade im vergleich zu Brokeback Mountain (der ja auch nach Ang-Lee-Manier nüchtern gedreht ist, bei dem man die Figuren aber liebgewinnt und versuchen möchte, sie zu verstehen), sehr überrascht dass ich am Ende wohl eine der wenigen war, die enttäuscht aus dem Saal kamen.
Demetri Martin, mir völlig unbekannt, macht seinen Job gut. Nicht überdurchschnittlich, aber in Ordnung. Man nimmt ihm auf den ersten Blick seine Hilflosigkeit und sein gutes Wesen ab. Was ihm aber nicht wirklich hilft, sich den Film hindurch zu etablieren. Man möchte ihn andauernd in die richtige Richtung schubsen, ihm zurufen er solle sich nicht so für Undankbarkeit aufgeben und endlich Mut schöpfen. Doch das tut er erst ganz am Ende des Films, und da ist es definitiv überfällig. Dass er homosexuell ist war schon klar als der DJ in der Bar sein Equipment anschloß, da kam also nichts Überraschendes. Was den Film noch platter macht.
Dann gab es eine ganze Menge, wo ich mich bis jetzt, nach gründlichem Nachdenken, noch immer frage, wozu es gut sein sollte. Oder bin ich einfach nur nicht in der Lage, die Symbolik zu durchschauen? Da wäre einmal Vilma, der/die Transsexuelle, die sich als Bodyguard anbietet. Man könnte sie jetzt als die Person ansehen, die Eli auf seine Homosexualität aufmerksam macht, aber dafür bleiben auch die Konversationen zwischen den beiden zu schwach. Ist die dafür gedacht, Elis Vater Jake aus der Reserve zu locken und Eli zu zeigen, dass er doch geschätzt wird auch wenn sein Vater ihm das nicht sagen kann? Diese Rolle hätte auch Mike übernehmen können. So bleibt mir denn ein großes Rätsel, was man hiermit bezweckte.
Es folgte der LSD-Trip: Hielt man es für nötig, nach der Konzentration auf Elis Familie und den fehlenden Konzerteinblendungen noch schnell eine Szene zwischenzuschieben in der deutlich wird wie es in Woodstock abging? Welche Drogen man ihn welcher Gesellschaft nahm ist uns doch allen völlig klar. Das hätte nicht so überbetont werden müssen.
Dann haben wir den Kriegsgestörten ehemaligen besten Freund Elis, der seine Mission vielleicht nicht übertreibt, aber doch irgendwie nicht zu passen scheint. Es ist klar, dass Ang Lee versucht, alle Aspekte mit auf zu nehmen, und dass der Vietnamkrieg mit rein musste ist auch deutlich. Aber so? Indem man noch eine völlig kaputte Person zeigt, für die man neben der Mutter zwar Mitleid, aber keine echte Sympathie aufbringen kann?
Der Zuschauer hat emotional schon genug damit zu tun, die Mutter und den Vater im Hintergrund ihres furchtbaren Lebens zu sehen, folglich ist er mit dem durch die Gegend schleichenden, überhaupt nicht auf seine Erfahrungen klar kommenden Zurückkehrer völlig überfordert. Und dann, der nächste Fehler, wird noch hier und da versucht, einen Rückblick auf die gemeinsame Vergangenheit unseres Protagonisten mit seinem ehemals besten Freund herzustellen ("Erinnerst du dich an XY? Wir waren verlobt.") Das kratzte mich irgendwie nicht die Bohne, dafür wirkte alles zu übertrieben. Wobei ich aber sagen muss, dass ich die Hügel-Schlamm-Szene recht nett fand. Aber auch hier wird wieder klar, wie Eli das emotionale Auffangbecken und der gute Samariter für alle ist, und sich wieder null um sich selbst kümmert. Und spätestens an dieser Stelle machte es mich dann auch langsam recht sauer.
Und dann, mein persönliches Graus: Mit Splitscreens arbeiten. Wozu? Muss man des Zuschauers Augen vergewaltigen? Und dann in solcher Art und Weise, indem man jedem einzelnen Screen auch noch den Ton lässt?! Völlig unnötig.
Das Thema blasse Charaktere sprach ich schon an, sehr sympathisch kam aber Eugene Levy rüber (ist er nicht putzig!), und auch die Atmosphäre des prüden Dorfes kam sehr gut rüber. Etwas was Herr Lee kann! Dass die Story aber unter dem Festival wie auch das Festival unter der Story leidet ist für mich nicht verzeihbar, und deshalb habe ich ab etwa der Hälfte des Filmes sehr oft auf die Uhr geschaut. Wie Blackeyes schon sagte: Es kam einfach nichts.
Die Hauptriege der Charaktere bleibt flach, entwickeln tun sich einzig Eli und sein Vater, und das ist Gift. Und ein wirkliches Happy-End bleibt dann auch aus. Wobei ich das ja auch gar nicht erwartet hätte.
Mein Fazit: Nach Brokeback Mountain eine Enttäuschung. Für eine 5 reicht es aber doch noch, schliesslich ist der Anfang gut gelungen!
Oh,und was ich noch sagen wollte: Ich wollte diesen Film mögen! Schon alleine für das wunderbare Anfangsbild des blühenden Flieders auf dem Feld hätte ich gerne die Höchstnote vergeben. Doch dann kam es anders.
Hinzugefügt am 26.08.2009 um 11:26 Uhr
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