„Was passiert hier?“ oder auch die Unfähigkeit der Religion
Die Coen Brüder schaffen es immer wieder mich mit einem großen Fragezeichen zurück zu lassen. Einige ihrer Filme enden ganz plötzlich und man fragt sich: „Das war´s?“. Doch was vielleicht zu Beginn willkürlich oder abrupt wirkt, regt dann doch irgendwann zum Nachdenken an. Die schwarze Komödie Burn After Reading“ von 2008 war eines dieser Werke und hat mich wirklich beeindruckt. Nur ein Jahr später drehten die Coens ihre nächste Komödie, „A Serious Man“. Mit diesem Film verarbeiteten beide eine recht persönliche Geschichte ihrer Jugend, formten daraus jedoch etwas ganz Eigenes. „A Serious Man“ ist zwar als Komödie betitelt, doch würde das dem Film unrecht tun. Es ist tatsächlich gar nicht so einfach das Erlebnis gut zu beschreiben, aber ich werde es einfach mal versuchen…
1967, Minnesota: Der Professor Larry Gopnik lebt in einer jüdischen Gemeinschaft und schlägt sich mit ungewöhnlich vielen Problemen und Schicksalsschlägen herum. Da wäre seine Frau, die die Scheidung will, sein Sohn, der Drogenprobleme hat, der Nachbar, der Larrys Rasen verunstaltet und ein Schüler, der ihn mit Geld bestechen will, um eine gute Note zu bekommen. Larry sucht Hilfe bei mehreren Rabbis…
„A Serious Man“ ist einer dieser wundervollen Filme, die man auf unzählige Arten interpretieren kann. Die Coens sind in der Hinsicht wirklich großartig und liefern immer wieder facettenreiche und metaphorische Geschichten ab. In diesem Falle scheint für Larry alles den Bach hinunter zu gehen. Da er in einer gläubigen, jüdischen Welt lebt, sucht er natürlich Hilfe bei seinem Gott bzw. bei seinen Rabbis. Doch die Religion scheint keine Hilfe zu sein, im Gegenteil, sie macht alles irgendwie nur noch schlimmer. Larry selbst ist als Professor ein gebildeter Mann, der komplexe Dinge versteht, doch wenn es darum geht selber Entscheidungen zu treffen, greift er auf einfache „Lösungen“ zurück oder auch eben keine Lösungen.
Eine Tragödie jagt die nächste und Larry und wir als Zuschauer wollen wissen, was passiert und warum es passiert. Aber natürlich wird es uns nicht so einfach gemacht. Wobei die Antwort dann doch irgendwie einfach ist. Wie Larry es im Film selbst beschreibt, anhand von Schroedingers Katze: Etwas kann passieren oder auch nicht. Alles ist möglich und nichts zur selben Zeit. Immer wieder zeigt uns der Film offensichtliche Widersprüche, mal größer, mal kleiner (vor allem der wilde Prolog festigt diese Idee gleich zu Beginn).
„A Serious Man“ ist ein wilder Ritt und wechselt gekonnt zwischen Drama, Komödie und Kunstfilm. Wie Larry in der Geschichte, werden wir immer wieder von den Ereignissen überrascht. Und das ist sehr unterhaltsam. Der Film ist dahingehend jedoch nicht immer perfekt in meinen Augen, da gerade das Tempo der Geschichte manchmal etwas holprig sein kann. Da ich nun jedoch weiß, worauf der Film hinaus läuft, kann es gut sein, dass mir das Ganze beim zweiten Mal deutlich besser gefallen wird. Ich bin mir sogar sicher, dass „A Serious Man“ ein Film ist, der mit der Zeit immer besser werden kann, weil er eben so viel Interpretationsspielraum gibt.
Der Cast ist natürlich sehr toll mit Michael Stuhlbarg (jedoch mit einer schwachen deutschen Synchronstimme…) als neurotischen Larry und Richard Kind als Onkel Arthur. Zudem ist das Ganze großartig gefilmt von Roger Deakins und auch der mysteriöse Klavier-Score von Carter Burwell ist sehr stimmig.
Fazit: Ich bin wirklich beeindruckt von „A Serious Man“ und würde ihn gern besser bewerten, aber irgendwie fehlt mir am Ende dann noch das nötige Etwas zum wirklich großartigen Film. Dennoch haben die Coen Brüder ein wirklich interessantes und wildes Werk geschaffen, welches sich auf viele verschiedene Arten interpretieren lässt. Sehr sehenswert!