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Unsere Kritik zu "Altered Carbon": "Blade Runner" trifft auf "Ghost In The Shell"
Von Markus Trutt — 02.02.2018 um 07:55
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Steht uns mit „Altered Carbon“ der nächste Netflix-Hit ins Haus? Wir haben die komplette erste Staffel vorab gesehen und verraten euch zum Start am heutigen 2. Februar 2018, ob die Sci-Fi-Serie hält, was die beeindruckenden Trailer versprechen.

Netflix

„Gott ist tot, wir haben seinen Platz eingenommen“, gibt der Superreiche Laurens Bancroft (James Purefoy) seinem Gegenüber Takeshi Kovacs (Joel Kinnaman) in einer Szene von „Altered Carbon - Das Unsterblichkeitsprogramm“ süffisant zu verstehen. Und tatsächlich sind Bancroft und seinesgleichen dank moderner Technologie, Macht und Unmengen an Geld nahezu unsterblich. Die neue Sci-Fi-Serie aus dem Hause Netflix präsentiert eine Zweiklassengesellschaft mit extremen, streckenweise schockierenden Auswüchsen. „Altered Carbon“ ist konsequent und schonungslos in der Darstellung seiner stimmigen dichten Welt, die angeschnittenen großen Themen bleiben bisweilen jedoch etwas auf der Strecke.

Mehr als 300 Jahre in der Zukunft hat nahezu jeder Mensch ein Implantat im Nacken, auf dem seine Erinnerungen und seine gesamte Persönlichkeit gespeichert sind. Stirbt man, ohne dass jenes Implantat beschädigt wird, ist es möglich, das Bewusstsein – gegen entsprechende Bezahlung – auf einen beliebigen anderen Körper zu übertragen. Der Tod ist damit für viele nur noch ein vorübergehender Zustand – so auch für den eingangs zitierten Laurens Bancroft. Der ist nach dem jüngsten Transfer seines Ichs überzeugt davon, dass seine letzte Inkarnation ermordet wurde. Um das zu beweisen, soll der Ex-Elitesoldat Takeshi Kovacs der Sache auf den Grund gehen. Dessen Bewusstsein liegt allerdings seit 250 Jahren auf Eis und braucht erst einmal eine neue Hülle...

Glaubhafte Zukunftsvision

Die Umgebung, in die der wiederbelebte Takeshi (und mit ihm der Zuschauer) gestoßen wird, ist ebenso rau wie faszinierend. Im Gegensatz zur stoischen Hauptfigur fällt es einem nicht schwer, sich auf diese abgründige Welt einzulassen. Richard K. Morgans Cyberpunk-Bestseller „Das Unsterblichkeitsprogramm“ liefert hier die Grundlage für eine durchdachte Zukunftsvision, die auch abseits der verheißungsvollen Prämisse dank vieler weiterer origineller Einfälle (wie etwa KI-Hotels, Augenimplantat-Smartphones oder Virtual-Reality-Folterkammern) glaubhaft Form annimmt.

Lebendig wirkt der schrecklich-schöne Großstadt-Moloch aber auch dank der aufwändigen Umsetzung in bester „Blade Runner“-Manier. Das stattliche Budget (Netflix soll sechs bis sieben Millionen Dollar pro Folge locker gemacht haben) ist der Serie zu fast jeder Sekunde anzusehen. Eindrucksvoll-futuristische Neon-Panoramen und teils malerische Kombinationen aus CGI und echten Aufnahmen lassen das Sci-Fi-Herz höher schlagen. Den visuellen Ton als Regisseur der Auftaktfolge gab niemand Geringeres als Miguel Sapochnik vor, der schon mit „Repo Man“ einen vergleichbar dreckigen Sci-Fi-Reißer vorlegte und zudem für die Hit-Serie „Game Of Thrones“ so denkwürdige Momente wie die „Schlacht der Bastarde“ in Szene setzte. Lediglich die Außenszenen am Boden von Bay City schmälern in „Altered Carbon“ das ansonsten aufgebaute Gefühl von Weite und Größe der Metropole, erwecken sie doch den Eindruck, als spielten sie sich alle größtenteils auf nur einer Straße ab.

Erzählerische Stolpersteine

Die Erzählung kann in „Altered Carbon“ nicht immer mit der Qualität der Inszenierung mithalten. Spannend aufgebaut wird besonders noch das Mysterium um den (zunächst) zentralen Mord (oder Selbstmord?). Allein durch die zahllosen Möglichkeiten, die die Welt von „Altered Carbon“ für die Auflösung bietet und die erst nach und nach enthüllt werden, wird das Rätsel wendungsreich verdichtet und der Krimi-Unterhaltungswert lange Zeit hochgehalten. Mit fortlaufender Handlung rücken die entsprechenden Ermittlungen aber immer stärker in den Hintergrund, bis sie fast schon beiläufig abgehakt und stattdessen einem weitaus schwächeren Storystrang untergeordnet werden. Auch zwischenzeitlich wandert der Fokus immer wieder zu allerlei Nebenschauplätzen, von denen einige zwar durchaus sinnvolle Hintergründe (etwa zu Kovacs Vergangenheit) liefern, die oftmals das Tempo aber auch deutlich ausbremsen. Wie häufig bei Netflix-Produktionen hätten ein, zwei Folgen weniger hier vielleicht schon Wunder gewirkt.

Gleichzeitig werden viele der interessanten Fragen, die aufgeworfen werden, etwas stiefmütterlich behandelt. Das Autorenteam um Serien-Schöpferin Laeta Kalogridis („Shutter Island“, „Terminator: Genisys“) reißt bei der Darstellung einer Gesellschaft, in der die Angst vor dem Tod größtenteils der Vergangenheit angehört, eine Fülle aufregender Themen an – vom Verhältnis zwischen Arm und Reich über Rassismus und Religion bis hin zum Sinn des Lebens selbst –, bleibt dabei aber oftmals an der Oberfläche. Am ehesten wird das Augenmerk hier noch auf den Verfall der moralischen Werte derjenigen gerichtet, die ein unsterbliches Dasein in übermäßigem Wohlstand fristen. Drastisch, manchmal gar schwer erträglich werden die perversen Vergnügen offengelegt, mit denen sich die gelangweilte und abgestumpfte Oberschicht ihre (grenzenlose) Zeit vertreibt.

Nichts für Kinder

In Sachen Gewalt geht „Altered Carbon“ regelmäßig in die Vollen. Hier werden Menschen blutig durchlöchert, bei lebendigem Leib verbrannt, Gliedmaßen und Köpfe abgetrennt sowie unzählige Knochen gebrochen. Dennoch wird das Ganze selten unnötig zelebriert. Bevor die Brutalität nicht mehr nur zur Illustrierung der finsteren Dystopie dienen, sondern zum Selbstzweck verkommen würde, wird in der Regel abgeblendet oder weggeschnitten – hart ist das Gezeigte aber in jedem Fall.

Mindestens genauso hart ist allerdings auch Hauptdarsteller Joel Kinnaman („Suicide Squad“, „House Of Cards“). Dem charmanten Schweden nimmt man sowohl den mürrischen Ermittler als auch die rabiate Kampfmaschine (trotz rosa Einhorn-Rucksack) mühelos ab. Kinnaman bildet als Kovacs zugleich auch das emotionale Zentrum der Geschichte, obwohl daran der unglaublich charismatische Will Yun Lee („Wolverine: Weg des Kriegers“, „San Andreas“), der eine frühere Inkarnation Kovacs‘ in Rückblenden verkörpert, ebenfalls großen Anteil hat. Gegen das schlagkräftige Duo fällt ein Gros der restlichen Darsteller und ihrer Figuren merklich ab, was sich wiederum negativ auf die Tragweite mancher Beziehungen untereinander auswirkt. Es sagt wohl schon einiges aus, dass Kovacs die beste Chemie mit einer von Menschen faszinierten künstlichen Intelligenz (ebenfalls fantastisch: Chris Conner) hat, mit der er sich immer wieder amüsante Wortgefechte liefert.

Fazit

„Altered Carbon“ ist gerade hinsichtlich des Erzähltempos und der Entwicklung der Handlung nicht frei von Schwächen. Doch die atmosphärische Welt, die kompromisslos-mutige Inszenierung und der über weite Strecken fesselnde Krimi-Plot, in dem vor allem Joel Kinnaman mit einnehmender Präsenz glänzt, machen die aufwändige Netflix-Produktion besonders für Sci-Fi-Fans zu einem sehenswerten Vergnügen.

 

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