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Experiment ohne Experiment: Unsere Kritik zu Steven Soderberghs "Mosaic" zum Serienstart in Deutschland
Von Markus Trutt — 14.02.2018 um 16:30
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Mit „Mosaic“ hat Steven Soderbergh im vergangenen Jahr ein interaktives Serienprojekt an den Start gebracht. Nun startet das Format hierzulande ohne den experimentellen Überbau. Ob sich dennoch ein Blick lohnt, verraten wir in unserer Kritik.

HBO

Eher erfolglos wurde in der Vergangenheit hin und wieder versucht, Filme mit interaktiven Elementen zu versehen. Wie in Videospielen Einfluss auf bestimmte Abzweigungen in einer Geschichte zu nehmen, stieß im älteren Medium jedoch auf keine allzu große Akzeptanz. Dennoch hat sich niemand Geringeres als Oscargewinner Steven Soderbergh („Traffic“, „Ocean’s Eleven“) mit „Mosaic“ nun an ein ganz ähnliches, app-gestütztes Projekt gewagt. Hierzulande bleibt uns das Experiment als solches allerdings verwehrt, stattdessen bekommen wir „Mosaic“ nun als fortlaufende Miniserie präsentiert. Was übrig bleibt, ist ein zwar toll gespielter und inszenierter, im Kern dann aber nur noch auf eine 08/15-Krimihandlung bauender Snack für zwischendurch.

Seit sie vor 26 Jahren ein innovatives und megaerfolgreiches Kinderbuch veröffentlicht hat, lebt die Autorin und Illustratorin Olivia Lake (Sharon Stone) in Saus und Braus in den verschneiten Bergen von Utah. Ein Nachfolgewerk hat sie nie zustande bekommen. Stattdessen konzentriert sie sich mittlerweile voll und ganz auf wohltätige Arbeit, mit der sie Kinder an Kunst heranführen will. Als eines Tages aber kurz nacheinander der aufstrebende Künstler Joel (Garrett Hedlund) und der (vermeintliche) Investor Eric (Frederick Weller) in ihr Leben treten, nimmt Olivias Schicksal eine tragische Wendung...

Mut zum Experiment

Man kann es Steven Soderbergh zweifellos hoch anrechnen, dass er sich gern an ungewöhnlichen Ideen versucht (demnächst kommt mit „Unsane“ etwa auch sein neuer, komplett mit dem iPhone gedrehter Film in die Kinos). Dass dabei nicht alles Früchte trägt, ist wohl unvermeidlich. „Mosaic“ ist nun ebenfalls ein zweischneidiges Schwert. Ursprünglich wurde das von HBO produzierte Projekt als interaktive App konzipiert, die bereits im November 2017 veröffentlicht wurde. Dabei haben die Nutzer jedoch nicht die Wahl zwischen unterschiedlichen Handlungsabläufen oder anderen Auflösungen der Geschichte, sondern können sich lediglich für verschiedene Figurenperspektiven entscheiden, aus deren Sicht sie die (gleichbleibende) Story verfolgen.

Das bietet durchaus spannende neue Möglichkeiten, das Verhältnis von Zuschauer, Figuren und Plot zu formen. Um das aufwändige Projekt aber auch auf herkömmliche Weise auszuwerten, hat Soderbergh daraus nun noch eine lineare sechsteilige Miniserie geschustert, quasi seinen Director’s Cut. In Deutschland ist dies gar die einzige Weise, auf die „Mosaic“ erscheint. Die App gibt es hierzulande nicht.

Überbleibsel der Ausgangsidee

An vielen Stellen ist das Ausgangskonzept von „Mosaic“ aber auch so durchaus noch zu spüren. Ob nun in Olivia Lakes Kinderbuch, das selbst auf einer ganz ähnlichen Idee wie die App fußt, in Dialoganspielungen („Die Entscheidungen, die du fällst, die Seiten, die du wählst, haben Konsequenzen.“) oder ganz offensichtlichen Verzweigungen paralleler Pfade verschiedener Figuren (die in der normalen Miniserie dann einfach alle hintereinander gezeigt werden), immer wieder schimmert der interaktive Ansatz von „Mosaic“ unter der Oberfläche hervor. Gerade wenn es darum geht, wie unterschiedlich bestimmte Ereignisse von den Charakteren wahrgenommen werden und wie tückisch Erinnerungen sein können, wird zudem deutlich, dass der Gedanke hinter dem eigentlichen „Mosaic“-Konzept durchaus auch sinnvoll mit der Geschichte selbst verbunden ist.

Wenn die von Ed Solomon („Men In Black“, „Die Unfassbaren“) geschriebene Krimigeschichte nun also ohne interaktives Element für sich alleine steht, hat sie Schwierigkeiten, wirklich Fahrt aufzunehmen. Trotz spannend-ambivalenter Charaktere im Zentrum, fallen die Ermittlungen um sie herum doch über weite Strecken dröge aus – bis hin zur recht unspektakulären und nur leidlich einfallsreichen Auflösung. Dass „Mosaic“ aber auch in Serienform aus dem durchschnittlichen Krimi-Einerlei heraussticht, ist in erster Linie auf den Cast und den Inszenierungsstil zurückzuführen.

Rettung dank Inszenierung und Besetzung

Steven Soderbergh findet einmal mehr seine ganz eigene Handschrift, um das Geschehen in Szene zu setzen. Neben dem charakteristischen Hantieren mit sich abwechselnden Blau- und Gelb-Farbfiltern sind es vor allem die Dialogszenen, mit denen Soderbergh brillieren kann. Sein ungewöhnliches Spiel mit (Un-)Schärfen und Einstellungen in Gesprächen ist eine simple, aber umso effektivere Methode, um diesen eine ganz spezielle Dynamik zu verleihen. Wenn er in Dialogen konsequent bei nur einem Gesprächspartner bleibt oder gar einen Charakter ins Bild rückt, der aktuell gar nicht direkt am Wortwechsel beteligt ist, legt er einen faszinierenden Fokus auf Reaktionen, den man so nur selten in klassischen Schuss-Gegenschuss-Szenen sieht. Andere Konversationen wiederum werden (fast) schnittlos in langen Einstellungen mit einem ausgefeilten Kamera-Tanz um die agierenden Figuren präsentiert. Das Ergebnis ist pulsierend und intensiv.

Einen Anteil daran hat aber auch die Darstellerriege. Während Garrett Hedlund („Tron: Legacy“) und Frederick Weller („The Knick“) Olivia Lakes männlicher Gesellschaft spannende, wechselhafte Facetten verleihen, überrascht insbesondere Sharon Stone („Basic Instinct“) mit einer Leistung, wie man sie wohl lange nicht vom Hollywood-Star gesehen hat. Mit einer einnehmenden Natürlichkeit durchläuft sie teilweise in einer einzelnen Einstellung nuanciert völlig gegensätzliche Emotionen, die man ihr mit Leichtigkeit als Komplettpaket abkauft. Leider ist der Großteil ihres Mitwirkens aber nur auf die ersten beiden Folgen beschränkt.

Fazit

„Mosaic“ ist nicht nur inhaltlich von Gegensätzen (in Bezug auf Erinnerungen, Menschen, Entscheidungen) geprägt, sondern hinterlässt auch qualitativ einen etwas zwiespältigen Eindruck. Ohne die Besonderheit der ursprünglichen Projekt-Idee trifft hier eine schleppende Krimi-Geschichte auf eine atmosphärische Inszenierung und gut aufgelegte Darsteller. Potential nach oben ist also definitiv vorhanden. Soderbergh hat bereits weitere interaktive Projekte in Aussicht gestellt – hoffentlich dürfen wir diese dann auch mal in ihrer ursprünglichen Form in Deutschland austesten.

Alle sechs Folgen von „Mosaic“ sind schon seit dem 26. Januar 2018 in der Originalfassung auf Sky Ticket (im Entertainment-Paket), Sky Go und Sky On Demand zu sehen. Ab dem heutigen 14. Februar folgt nun die lineare Ausstrahlung – wahlweise auf Deutsch oder Englisch – in Doppelfolgen immer mittwochs um 20.50 Uhr auf Sky Atlantic HD.

 

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